Der Heuchler im Helfer-Pulli

Staatsdoping, Menschenrechte, unfaire Wahlen: Nichts davon hat Fifa-Präsident Infantino in Russland angesprochen. Lieber schwärmte er von tollen Stadien.

Das Bild, das die Verlogenheit des Betriebs auf den Punkt bringt: Infantino im roten Volunteer-Hoodie. Fotos Keystone

Das Bild, das die Verlogenheit des Betriebs auf den Punkt bringt: Infantino im roten Volunteer-Hoodie. Fotos Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Russland hat sich verändert», jubelte der Fussballpräsident Gianni Infantino zum Abschluss der Weltmeisterschaft, «Russland ist jetzt ein Fussballland.» Als sei das die ideale Staatsform: die Fussballrepublik.

Etwas Wahrheit steckt aber doch in dem Satz: Zwar sind die meisten Gäste schon wieder heimgeflogen, die Mexikaner mit ihren karussellgrossen Sombreros, die Schweden mit ihren Wikingerhelmen, die musizierenden Senegalesen – aber irgendwas bleibt ja immer zurück. Und sei es die Erkenntnis, dass Russland womöglich doch nicht von lauter Feinden umzingelt ist, wie es die Staatsmedien immer behaupten. Haben die lustigen Fans, selbst wenn man sie selten verstanden hat, nicht wenigstens eine ungewohnte Offenheit vorgelebt? Das schwule russische Pärchen in Wolgograd, das sich das erste Mal händchenhaltend vor die Tür getraut hat, wird der WM lange dankbar sein – für diesen einen Moment.

«Probleme gibt es überall»

Nachhaltig wäre all das aber nur, wenn Wladimir Putin es für geboten hielte. Und das Frustrierende ist: Es hat den russischen Präsidenten noch nicht mal jemand darum gebeten. Die Bühne war da, keiner hat das Mikrofon ergriffen. Nicht die hofierten «Fifa-Legenden» wie Lothar Matthäus, die beim Fototermin im Kreml bloss Ehrfurchtsfloskeln stammelten. Und schon gar nicht derjenige, dessen Weltverband doch angeblich für universelle Werte eintritt, für Fairplay, für Vielfalt, gegen Diskriminierung: Gianni Infantino.


Video: Das bezweckte Pussy-Riot

Die Flitzerinnen vom WM-Final veröffentlichen ihre Botschaft am Montag. Video: Tamedia/Reuters


Das Bild, das die Verlogenheit des Betriebs auf den Punkt brachte, war der Fifa-Präsident, wie er am Freitag im roten Volunteer-Kapuzenpulli seine WM-Bilanz zog. Als Signal sollte das rüberkommen an die 15'000 Freiwilligen, die vor und in den Stadien, an den Bahnhöfen und in den Pressezentren gearbeitet hatten. Der Fifa-Präsident im Volunteer-Hoodie – ist das nicht eine sympathische Geste?

Doch, schon. Noch sympathischer wäre aber gewesen, für die Helfer wenigstens ein kleines Gehalt abzuzwacken von dem erwarteten Milliardengewinn. Das war nicht drin. Infantino, der formal ebenfalls ehrenamtliche Fifa-Chef, kriegt aber durchaus eine Aufwandsentschädigung: mehr als eine Million Euro im Jahr.

Sag Ja zu Vielfalt, sag Nein zu Rassismus – das ist bloss die Sosse, die Infantino über seine Werbespots giesst, um den Betrieb mit gesellschaftlicher Bedeutung aufzuladen.

Der Fussball hat die Strahlkraft, Tausende Volunteers in die Selbstausbeutung zu treiben, nur um des Gefühls willen, Teil einer grossen Sache zu sein. Aber was macht der Fussball aus dieser Strahlkraft? Nichts. Sag Ja zu Vielfalt, sag Nein zu Rassismus – das ist bloss die Sosse, die er über seine Werbespots giesst, um den Betrieb mit gesellschaftlicher Bedeutung aufzuladen.

Der letzte globale Sportführer, bei dem noch moralische Integrität durchschien im Angesicht eines Sportevents in diktatorischem Umfeld, war der belgische IOC-Präsident Jacques Rogge bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking. Inwieweit lässt man sich von einem Staatsapparat die Kontrolle aus der Hand nehmen? Rebelliert man gegen Zensur? Beklagt man willkürliche Verhaftungen? Rogge versuchte es wenigstens. Er liess sogar den Zweifel zu, ob womöglich viele Athleten gedopt an den Start gehen und das bloss keiner mitkriegt, weil die Doping-Kontrollen nichts taugen. Die Widersprüche des Sports und der Welt kann man mit Würde moderieren – oder wegschweigen.

Heute sind die beiden grössten Sportereignisse fest im Griff der Opportunisten, Olympia in dem des deutschen Anwalts Thomas Bach, die Fussball-WM in dem des Schweizer Berufsfunktionärs Infantino. Bach hat am Ende der Winterspiele 2014 in Sotschi die Sitte eingeführt, nicht nur dem Land und seinen Menschen, sondern auch dem Präsidenten persönlich zu danken – am Tag nach der Schlussfeier schickte Putin dann seine Soldaten auf die Krim. Für Infantino war das keine Mahnung. Auch er dankte Putin persönlich, für «die beste Weltmeisterschaft, die es je gab».

Mehr Zynismus geht kaum

Nicht, dass man Infantino nicht auf vieles angesprochen hätte, womit das politische Russland in Verbindung gebracht wird: Staatsdoping (auch im Fussball), die Opfer des abgeschossenen Fluges MH17, unfaire Wahlen, die Annexion der Krim, Menschenrechtsverletzungen aller Art. Ganz schön viel, um bloss unterwürfig von tollen Stadien zu schwärmen. Infantinos lapidare Antwort: «Ungerechtigkeiten gibt es überall auf der Welt.» Und, hey: Ist es nicht super, dass es dank des Videoassistenten jetzt keine Abseitstore mehr gibt?

Mit dieser Geisteshaltung zieht der Fussball nun in die nächste WM: nach Katar. Man darf gespannt sein, ob er dort einfach so weitermacht. Mehr Zynismus geht ja kaum, als sich von zusammengepferchten Arbeitern aus Bangladesh oder Nepal eine WM-Infrastruktur bauen zu lassen – und ihnen dabei, wie Menschenrechtsorganisationen beklagen, bisweilen noch nicht mal genug Wasser hinzustellen zum Überleben. Wird die WM 2022 in Katar endgültig unerträglich? Ganz bestimmt.

Aber man darf sicher sein: Der Fussball und seine Legenden kriegen sogar das durchmoderiert. Franz Beckenbauer etwa war schon öfter in Katar und überbrachte danach frohe Kunde: Er habe dort «noch nicht einen einzigen Sklaven gesehen».

Erstellt: 17.07.2018, 16:17 Uhr

Artikel zum Thema

Pussy-Riot-Verhörvideo sorgt für Entrüstung

Video Ein Video zeigt angeblich, wie die Aktivisten nach dem WM-Platzsturm befragt werden. Dabei macht ein Polizist eine ungeheuerliche Anspielung. Mehr...

Masterplan gegen die Katar-WM

Die Fussballwelt irritiert die Nähe zwischen Gianni Infantinos Fifa und Saudiarabien. Womöglich hat das Folgen für die WM 2022. Mehr...

Siegerehrung: Nur Putin hat einen Schirm

Nach dem spektakulären WM-Final werden der französische Präsident und seine kroatische Amtskollegin im Regen stehen gelassen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Fliegende Körner: Ein Bauer erntet Reis auf einem Feld in Nepal. (15. November 2019) A farmer harvests rice on a field in Lalitpur, Nepal November 15, 2019.
(Bild: Navesh Chitrakar ) Mehr...