Zum Hauptinhalt springen

Leitartikel: Der Triumph Europas

Frankreich gewinnt gegen Kroatien einen WM-Final der grossen Gefühle mit 4:2 – in Russland bestätigt sich ein weiteres Mal die Vormachtstellung des alten Kontinents im Fussball.

Weltmeister im strömenden Regen: Die französischen Spieler feiern in Moskau den Titelgewinn. (SRF/Tamedia)

Es war kein Final, der erwartet worden war. Aber es wurde ein Final, der Geschichte schrieb. Frankreich und Kroatien beendeten die 21. Fussball-WM mit grossen Gefühlen und einem Endspiel, das so gut und unterhaltsam war wie lange keines mehr. Das lag an den Kroaten, an deren Herz und Patriotismus, der sie weit trug. Und an den Franzosen, die das Glück und die Klasse hatten, um Profit zu schlagen aus den immer müder werdenden Beinen ihrer Gegner.

Mit dem 4:2 Frankreichs ist eine WM zu Ende gegangen, bei der die grosse Frage gewesen war: Wer hat überhaupt Lust darauf? Lust auf einen Sommer mit Russland, mit Putin, mit den Diskussionen um Menschenrechte, Pressefreiheit, Gewalt, Schwulenfeindlichkeit, die Krim, Syrien, Rassismus und Korruption.

Und dann war nichts davon das grosse Thema in den vergangenen viereinhalb Wochen. Putin hielt sich zurück und überliess den Raum einem Volk, das die Chance nutzte, sich der Welt lächelnd und gastfreundlich zu zeigen. Zurück bleibt trotzdem ein Land, das nicht anders sein wird, nur weil die Fussball-WM da war, weil nie ein Land anders geworden ist, nur weil die Fussball-WM da gewesen war. Russland wird als Erinnerung behalten, dass zwischen Kaliningrad und Jekaterinburg nun Stadien stehen, die zum Teil zwar wunderschön sind, aber viel zu gross für den Alltag in Russlands nationalem Fussball.

«Seit ein paar Jahren sage ich, dass es die beste WM wird. Heute kann ich es mit Überzeugung tun.»

Gianni Infantino

Gianni Infantino gefiel diese WM. Natürlich tat sie das, weil noch jede WM einem Fifa-Präsidenten gefallen hat. Und darum erklärte er letzten Freitag: «Seit ein paar Jahren sage ich, dass es die beste WM wird. Heute kann ich es mit Überzeugung tun.» Infantino trug in diesem Moment eine rote Kapuzenjacke der Volunteers. Er trug sie, als wollte er zeigen: Ich bin einer von euch. Dabei flog er im Privatflugzeug im Land herum und fühlte sich auf den Ehrentribünen speziell wohl, wenn beim Eröffnungsspiel Putin und der saudische Kronprinz neben ihm sassen oder gestern beim Final die Staatspräsidenten aus Frankreich und Kroatien.

Als Infantino unter anderem die Frage nach den Menschenrechtsverletzungen gestellt wurde, gab er ganz den Politiker: «Es gibt viele Ungerechtigkeiten in der Welt. Wir sind hier, um den Fussball zu feiern. Der Fussball kann nicht alle Probleme lösen.» Der Walliser weiss, welche Länder er in den nächsten Jahren unbedingt braucht, um die Fifa zu finanzieren. Das sind Saudiarabien, das mit seinem Geld immer mehr in den Fussball drängt, und Katar, das die nächste WM ausrichtet.

Sportlich lebte das Turnier von seinen Überraschungen, angefangen beim Debakel Deutschlands bis zum Durchmarsch Kroatiens in den Final. Es gab wunderbare Spiele wie Frankreich gegen Argentinien im Achtelfinal und schreckliche wie Schweiz gegen Schweden. Es war nicht das Turnier der Superstars, sondern des Kollektivs, nicht von Ronaldo, Messi oder Neymar, sondern der Spieler, die Qualität mit Mentalität verbanden. Das Kollektiv siegte über Individualismus.

Es war eine WM, ja, aber am Ende war es wieder eine EM.

Das Dogma, dass Ballbesitz über allem steht, hat sich in den Weiten Russlands verflüchtigt. Spanien, Vorreiter dieses Fussballs, und Deutschland, sein eifriger Nachahmer, scheiterten krachend. Nichts brachte die Ziellosigkeit des Ballgeschiebes besser zum Ausdruck als der Achtelfinal, in dem Spanien 1100 Pässe spielte und gegen Russland verlor. Umschaltspiel heisst die Erfolgsformel. Tempo und Tiefe sind gefragt, Spieler wie Modric und Rakitic, wie Mbappé und Griezmann.

Es war eine WM, ja, aber am Ende war es wieder eine EM. Der Trend bestätigte sich, dass Europa im Fussball den Ton angibt. Die letzten vier Weltmeister, 7 der letzten 8 Finalisten, 13 der letzten 16 Halbfinalisten waren Europäer. Die Entwicklung zeigt die Kraft, die von Europa ausgeht. 75 Prozent aller WM-Spieler sind bei europäischen Clubs beschäftigt, die Talente aus Südamerika und Afrika drängt es auf den alten Kontinent. Denn nirgends sind dank des Fernsehens und der Milliardäre aus Asien, Arabien und Amerika die Geldtöpfe üppiger gefüllt als hier.

Und doch bleibt ein Widerspruch. Die Mannschaft mit dem grössten Potenzial kam nicht aus Europa und wurde trotzdem nicht Weltmeister. Das war Brasilien.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch