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Deutschland kämpft gegen die Konterrevolution

Der amtierende Weltmeister muss heute Südkorea mit zwei Toren Differenz schlagen, um sicher im Rennen zu bleiben. Aber wer stabilisiert das Team?

Wie Deutschland bei dieser WM abschneiden wird, das hängt unter anderem von Toni Kroos ab. Vor allem aber wird es davon abhängen, ob es Bundestrainer Joachim Löw gelingt, Kroos auf dem Feld in den richtigen Zusammenhang zu bringen. Kroos ist so lebenswichtig fürs Team, dass es ihm erlaubt sein muss, von gefühlten 400 Pässen nur 398 an den Mann zu bringen, überhaupt muss es einer ganzen Mannschaft erlaubt sein, auch einmal einen Fehler zu begehen. Die Frage ist nur, ob einer da ist, der den Fehler ausbügelt.

Die Deutschen müssen mit einer Konterrevolution rechnen bei diesem Turnier, die ganze Welt hat das ja jetzt gesehen: Wie leicht es den Mexikanern fiel, die Titelverteidiger nach Ballverlust zu übertölpeln – und wie gerne auch die Schweden den Tempogegenstoss zum bevorzugten Stilmittel erkoren, obwohl sie sonst lieber Kopfballtore schiessen.

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Ausgekontert – Mexikos Siegtreffer gegen den Weltmeister:

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Wie soll das erst werden, wenn gegnerische Stürmer in einem möglichen Achtel- oder Viertelfinal nicht mehr Toivonen heissen, sondern Neymar oder Lukaku oder Kane? Und die Vorlagengeber Coutinho oder De Bruyne oder Alli oder Rodriguez?

So wird Löw das entscheidende Vorrundenspiel gegen Südkorea heute unterschiedlich nutzen müssen. Er wird mit seiner Mannschaft den zum Weiterkommen dringend benötigten Sieg organisieren müssen; er muss das Spiel aber auch nutzen, um endlich jene Sicherungssysteme zu etablieren, die sein Team dringend braucht. Löws Deutschland kann, wenn es sich in Stimmung denkt, immer noch wie ein Weltmeister spielen, aber die Erkenntnis der ersten beiden Spiele war, dass es im Moment nicht wie ein Weltmeister verteidigt.

Hoppla, Ball weg

Oder doch wie ein Weltmeister, aber wie einer, der sich etwas darauf einbildet, Weltmeister zu sein – und andere deshalb ein bisschen geringschätzt, ebenso wie dieses lästige Gerenne, das es braucht, um seriös zu verteidigen.

Vier Hoppla-Ball-weg-Szenen waren es, mit denen Löw nun arbeiten kann, vier Szenen, mit denen sich Deutschlands kuriose Nonchalance beim Verteidigen bebildern lässt: die beiden Kroos-Fehlpässe gegen Schweden, dazu der Ballverlust des Verteidigers Antonio Rüdiger, der jenen Konter auslöste, den Jérôme Boateng nur noch mittels (nicht geahndeten) Fouls unterbinden konnte. Und natürlich Sami Khediras grotesker Sololauf gegen Mexiko, an dessen Ende Khedira am Boden und der Ball auf der anderen Seite im deutschen Tor lag.

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Deutschland siegt gegen Schweden in extremis:

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Das deutsche Team versteht sich unter Jogi Löw als klassische Ballbesitzmannschaft, orientiert am Vorbild des grossen FC Barcelona. Die Ballbesitzteams kommen sich im tiefsten Innern als die edleren Fussballer vor, sie wollen mit dem Ball spielen und nicht gegen ihn, anders als jene Konter- oder Pressingteams. Den Gegen-den-Ball-Mannschaften bereitet nichts mehr Vergnügen, als den Ballbesitzteams den Ball wegzunehmen und danach über sie herzufallen.

Für Vereinsteams ist es einfacher, sich über Ballbesitz zu definieren, man kann offensive Muster und passende Sicherungssysteme täglich trainieren, und nach einer Niederlage im Ligabetrieb ist man nicht gleich ausgeschieden. Löw leistet sich wie die von ihm verehrten Spanier den Luxus, dem Ballbesitz auch im Turnier zu vertrauen, in dem ein einziger Konter das Aus bedeuten kann – umso mehr wird es darauf ankommen, nun jenes Netz zu knüpfen, in dem gegnerische Konter hängen bleiben.

Vor vier Jahren, beim Turnier in Brasilien, hat Löw gemeinsam mit seinem Assistenten Hansi Flick eine Art WM-System entwickelt: Statt zwei Spieler stellten sie drei ins defensive Zentrum, erst Lahm/Khedira/Kroos, dann Lahm/Schweinsteiger/Kroos, am Ende Khedira/Schweinsteiger/Kroos. «Zwei von dreien haben sich immer defensiv verantwortlich gefühlt», sagt Flick. Inzwischen praktiziert Löw wieder die offensivere Variante mit nur zwei Zentralspielern, und auf der Suche nach dem richtigen Personal und der richtigen Mischung lautet die Frage also: Wer passt am besten zu Toni Kroos? Wer sichert Kroos bei seinen gefühlt 400 Pässen ab, wer fängt die beiden Fehlpässe weg, bevor sie sich der Gegner schnappt, wer führt jene Zweikämpfe, zu denen Kroos sich nicht berufen fühlt?

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Deutschlands Sieg über Schweden in Bildern:

Toni Kroos (r.) feiert seinen Siegtreffer gegen Schweden in der 95. Minute. Der Sieg verhindert ein frühzeitiges Ausscheiden der Deutschen an dieser WM. (Samstag, 23. Juni)
Toni Kroos (r.) feiert seinen Siegtreffer gegen Schweden in der 95. Minute. Der Sieg verhindert ein frühzeitiges Ausscheiden der Deutschen an dieser WM. (Samstag, 23. Juni)
Odd Andersen, AFP
Dabei tuen  sich die Deutschen lange schwer. Grösster Leidtragender einer verknorzten ersten Halbzeit ist Sebastian Rudy, der in der 31. Minute blutend ausgewechselt wird. Dem vorangegangen ist ein unglücklicher Zusammenprall mit Taivonen.
Dabei tuen sich die Deutschen lange schwer. Grösster Leidtragender einer verknorzten ersten Halbzeit ist Sebastian Rudy, der in der 31. Minute blutend ausgewechselt wird. Dem vorangegangen ist ein unglücklicher Zusammenprall mit Taivonen.
Michael Probst, Keystone
Die Freude nach dem Siegtreffer in der Schlussminute ist dann aber grenzenlos. Der Titelverteidiger kann sich so weiter Hoffnungen auf den Achtelfinal machen.
Die Freude nach dem Siegtreffer in der Schlussminute ist dann aber grenzenlos. Der Titelverteidiger kann sich so weiter Hoffnungen auf den Achtelfinal machen.
Michael Steele, Keystone
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Khedira wäre ideal, wenn . . .

Am Ende seiner Überlegungen könnte Löw wieder bei Sami Khedira landen, aber es müsste halt dann der Khedira sein, der er einst bei Real Madrid war: unspektakulär und positionstreu. Infrage kommen zudem Ilkay Gündogan, Sebastian Rudy und Leon Goretzka, jeder auf seine Art wertvolle Spieler, aber keiner von ihnen gilt als klassischer, defensiver Sechser. Und die Konter-Konterrevolution wird Löw mitten im Turnier eher nicht wagen: Er könnte auch Joshua Kimmich auf seine Lieblingsposition ins Zentrum stellen und dem jungen, nach Einfluss drängenden Mann damit noch mehr Verantwortung übertragen.

Die Südkoreaner sind nicht ­besonders abwehrstark übrigens, ein idealer Gegner für die Titelverteidiger eigentlich. Als ihre Stärke gilt allerdings das Konterspiel.

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