Die Finger Gottes

Maradona ist die tragische Figur im WM-Spiel gegen Nigeria – und die ganze Welt schaut zu.

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Die Sonne liess Diego Maradona erleuchten. Mit der Anmutung eines Allmächtigen breitete er die Arme aus und legte den Kopf in den Nacken. Zu seinen Füssen drängelten sich die Verehrer, sie hielten ihm Fotoapparate und Mobiltelefone entgegen. Jeder wollte Maradona so nah wie möglich sein, einem der legendärsten Spieler, die der Fussball je hervorgebracht hat. Pathetisch starrte er in den Himmel, dann schloss er die Augen. Links und rechts neben ihm standen zwei Männer, die ihn festhielten, damit er nicht über die Brüstung stürzte.

Die argentinische Nationalmannschaft hat das Achtelfinale der WM in Russland erreicht, doch noch, durch ein 2:1 (1:0) im letzten Gruppenspiel gegen Nigeria. Das war die eine Geschichte des Abends in Sankt Petersburg. Aber daneben gab es noch eine weitere Geschichte, die sich nicht auf dem Feld abspielte, sondern auf der Tribüne. Diese Geschichte, sie handelt von Diego Maradona, dem Mann, der bei der WM 1986 mit der «Hand Gottes» gegen England traf. Der im selben Spiel, dem Viertelfinale, den Alleingang des Jahrhunderts zeigte. In einem Rhythmus aus Körpertäuschungen umspielte Maradona sechs englische Spieler und deren Torhüter Peter Shilton, bevor er den Ball über die Torlinie schoss und kurz darauf sein Heimatland Argentinien als Kapitän zum Weltmeistertitel führte. Und nun, bei der WM 2018, ging es wieder um Maradona. Weil er jede Menge Aufmerksamkeit auf sich zog, an einem geradezu desillusioniereden Abend.

Zwei Sanitäter mussten Maradona, 57, wegen eines Kreislaufzusammenbruchs behandeln. «Ich möchte euch mitteilen, dass es mir gut geht», schrieb der Argentinier am Mittwochmorgen auf Instagram. Der Arzt habe ihm empfohlen, vor der zweiten Halbzeit nach Hause zu gehen, «aber ich wollte bleiben». Einige Medien hatten berichtet, dass Maradona am Vorabend ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Kaum fähig zu laufen, konnte er seinen Sitzplatz auf der Ehrentribüne nur mithilfe eines Begleiters verlassen. Vor 18 Jahren hatte Maradona einen Herzinfarkt erlitten, der auf eine Überdosis Kokain zurückgeführt wurde.

Mehrmals fiel Maradona am Dienstagabend auf. Beim Siegtreffer in der Schlussphase durch Marcos Rojo zum 2:1, das Argentinien vor dem Vorrundenaus bewahrte, zeigte er mit beiden Händen den Stinkefinger. Immer wieder verlor er die Beherrschung, fluchte und jubelte abwesend vor sich hin. Einmal riss der Weltmeister sein Shirt nach oben, um seinen Bauch zu präsentieren. Man hätte sich gewünscht, dass ihn jemand aus seiner Entourage zum Aufhören bewegt, vor sich selbst geschützt hätte. Einen Teil der ersten Halbzeit verpasste Maradona erschöpft im Schlaf. Vor dem Spiel hatte er mit einer Frau im nigerianischen Nationaltrikot getanzt, dem Spielfeld kehrte er den Rücken zu, den Fernsehkameras streckte er den Hintern entgegen.

Zuerst der Tanz ...

... dann das Nickerchen

Schon bei den ersten beiden Partien der argentinischen Nationalmannschaft hatte Maradona für Aufregung gesorgt. Beim Unentschieden gegen Island zündete er sich ungeachtet des Rauchverbots in der Arena eine Zigarette an. Nach der Niederlage der Albiceleste im Duell mit Kroatien forderte Maradona, in den Kabinentrakt zum Team gelassen zu werden. Dem Wunsch des einstigen argentinischen Nationaltrainers, der das Land bei der WM 2010 in Südafrika im Viertelfinale zu einem 0:4 gegen Deutschland coachte, wurde allerdings nicht nachgegeben.

Sein Auftritt überlagerte nun die sportliche Befreiung der Argentinier. Mit einer Einzelaktion brachte Lionel Messi seine sichtlich nervöse Mannschaft in Führung, das Tor feierte Maradona auf der Tribüne, indem er «Messi, Messi» rief und sich die Arme überkreuzt auf die Brust legte. Nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich für Nigeria durch einen verwandelten Elfmeter von Victor Moses drohte Argentinien trotzdem das vorzeitige Ende.

«Unsere Spieler haben mit ihren Herzen gespielt»

Die grosse Mehrheit an argentinischen Fans trieb im Stadion jedoch die eigene Mannschaft an mit einer einschüchternden Atmosphäre, die einem Spiel zweier rivalisierender Stadtklubs in Buenos Aires ähnelte. Die Stimmung trieb das Team an, ein Aufgeben kam nicht in Frage. Die Unsicherheit in der Spielanlage war offensichtlich, den defensiv orientierten Spielern um Javier Mascherano mangelt es an technischer Fertigkeit, um die vielen Ausnahmespieler im Angriff in Szene zu setzen. Den zweiten Durchgang verbrachte Argentinien fast dauerhaft in Nigerias Hälfte. Aber erst mit der Einwechslung des zweiten Mittelstürmers Sergio Agüero (80.) bekam das Team im Angriff eine Wucht, aus dem das Weiterkommen resultierte.

Bei der entscheidenden Hereingabe zog Agüero mehrere Gegenspieler auf sich, was Rojo am ballentfernten Pfosten den notwendigen Freiraum für das entscheidende Tor einbrachte. «Ich wusste, dass Gott mit uns ist und uns nicht verlassen würde», sagte Messi, «trotzdem waren wir beunruhigt, weil uns die Zeit davonlief. Für uns stand viel auf dem Spiel und deswegen war die Erleichterung so gross.» In der Schlussphase kickte Nationaltrainer Jorge Sampaoli eine Trinkflasche aufs Spielfeld, dazu flog ein Ersatzball von der argentinischen Bank aus auf den Platz, um die aufreibende Begegnung unter Kontrolle zu bekommen. «Unsere Spieler haben mit ihren Herzen gespielt. Sie waren wahrhaftige Rebellen, sie waren wirklich mutig, und diese Courage hat das zweite Tor ermöglicht», sagte Sampaoli.

«Halte durch, argentinisches Herz, halte durch», stand in der argentinischen Zeitung La Capital. Die spanische AS sprach von einem «Extra-Leben» für Messi, die brasilianische Sportzeitung Lance schrieb: «Drama und unwahrscheinlicher Held: Argentinien im Achtelfinale. Ein Tor von Messi, ein Maradona im Delirium, ein Leiden und ein Held in der 40. Minute der zweiten Halbzeit».

Für das Weiterkommen war allerdings auch das 2:1 für Gruppensieger Kroatien gegen Island nötig: Bei einem eigenen Sieg hätte sich nämlich Island anstelle Argentiniens für die nächste Runde qualifiziert. Der zweifache Weltmeister trifft am Samstag nun auf Frankreich im Achtelfinale. Voraussichtlich wieder mit Diego Maradona auf der Tribüne.

Erstellt: 27.06.2018, 12:27 Uhr

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