Ein Weltmeister, der nie an die Grenzen gehen musste

Die Franzosen sind kein unwürdiger Weltmeister. Sie verbinden wie kein zweites Team Pragmatismus, Effizienz und individuelle Klasse.

Frankreich ist Fussball-Weltmeister 2018. (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es beginnt in Moskau heftig zu regnen, als der Weltmeister am Sonntagabend zur Siegerehrung schreitet. Wladimir ­Putin, Gianni ­Infantino und ­Emmanuel Macron gratulieren den französischen Spielern. Der Präsident Russlands steht von Anfang an unter einem Regenschirm, die Präsidenten der Fifa und Frankreichs irgendwann auch, Kroatiens Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic und die Fussballer bleiben im Regen stehen.

Vielleicht ist diese Symbolik als Gruss des Himmels zu verstehen. Mit Frankreich hat nicht eine Schönwettermannschaft triumphiert, die für das Leichte und Schöne steht. Gewonnen hat eine Auswahl, die auch an einem kalten Winterdienstagabend in Manchester zuverlässig funktionieren würde. Ganz nach der Philosophie ihres Trainers Didier Deschamps, der vor 20 Jahren bereits als Spieler Weltmeister geworden war.

Diese Fussball-WM hat ja nicht nur den Final erhalten, den sie verdient. Sie hat auch den Final erlebt, den sie verdient. Eine Art Sittengemälde des Turniers, unterhaltsam und fehlerhaft, mit kuriosen Szenen und nicht auf besonders hohem Niveau ausgetragen. Mit ­Toren nach Standardsituationen, einem Eingriff des Videoschiedsrichters – und einem Sieger, dem es lieber war, wenn der Gegner den Ball besass.

So gesehen hat diese Fussball-WM auch den Gewinner erhalten, den sie verdient. Im Grunde genommen ist Frankreich die gesamte Zeit in Russland das geblieben, was man schon in der Vorrunde beobachtet hatte. Eine Mannschaft wie ein Allradauto, robust und zweckmässig, mit einem starken Motor, bei dem die höchsten Gänge häufig ­blockiert scheinen.

Heikler Moment gegen Argentinien

So holperten und siegten die Franzosen durch diese WM. 2:1 gegen Australien, 1:0 gegen Peru, 0:0 gegen Dänemark, die Vorrunde war nicht gut. Es kam das 4:3 gegen Argentinien, als der Weltmeister den einzig wirklich heiklen Moment an diesem Turnier zu überstehen hatte.

Auf einmal lagen die Franzosen ebenso beliebig, wie sie oft in Führung gegangen waren, nach der Pause 1:2 zurück. Ein herrlicher Weitschuss Benjamin Pavards sorgte bald für den Ausgleich, es war ein Glückstreffer, nach dem sich die Franzosen wieder in ihr ­Reduit zurückziehen durften – und abwarten konnten, was der Gegner anstellt.

Gegen Argentinien erzielte Kylian Mbappé bald die Tore zum 3:2 und 4:2, er ist der sagenhaft talentierte Freigeist im ausgeklügelten Defensivsystem, der vorne rechts auf die Bälle wartet und dann mit seiner unfassbaren Geschwindigkeit Fahrt aufnimmt. Mbappé ist jener Fussballer, der höher schalten darf, um im Bild zu bleiben, während die anderen im Maschinenraum schuften und verschieben, rennen und kämpfen.

Party im strömenden Regen: Die Franzosen jubeln mit dem WM-Pokal. Video: Tamedia/SDA

Die Franzosen waren nicht die Mannschaft mit dem besten Fussball an dieser WM. Wäre das Turnier 100-mal ausgetragen worden, hätte wahrscheinlich Brasilien am meisten Titel gewonnen. Man wird sich an den Weltmeister 2018 nicht wegen seiner Spielfreude oder des Spektakels erinnern, sondern wegen seiner Sachlichkeit und Souveränität.

Auch der Final am Sonntag lief ganz nach seinem Drehbuch. Frankreich richtete sich sofort in der Defensive ein, bei der ersten halbwegs ernsthaften Annäherung an den kroatischen Strafraum leistete sich Antoine Griezmann eine Flugeinlage. Er bekam jenen Freistoss geschenkt, den Mario Mandzukic in der 18. Minute mit dem Hinterkopf ins eigene Tor lenkte. Der französische Zynismus hatte erstmals zugeschlagen – Schwalbe und Eigentor, auf diese Idee muss man erst mal kommen.

Die munteren Kroaten attackierten weiter, sie gefielen mit feinen Kombinationen, und sie schossen bald den Ausgleich durch Ivan Perisic. Der Ball aber flog weiter im Sinn der Realismusgrossmeister aus Frankreich. Goalie Hugo Lloris drosch den Ball weit nach vorne, Innenverteidiger ­Domagoj Vida verursachte mit einer Kopfballverlängerung 40 Meter vor dem eigenen Tor ­ungeschickt einen Eckball, der zum ersten Einsatz eines Videoschiedsrichters in einem WM-Final führte.

Wen interessieren schon Schüsse?

Ivan Perisic war der Ball an die Hand geflogen, nach minutenlanger Beratung entschied Schiedsrichter Nestor Pitana aus Argentinien auf Penalty. Griezmann sagte «merci beaucoup». Die engagierten Kroaten führten zur Pause nach Torschüssen 7:1 - aber was interessieren diese kühlen Franzosen Torschüsse? In der zweiten Halbzeit durften sie wieder von den besten Plätzen im Milliardenpublikum zuschauen, wie die Kroaten verzweifelt eine Lücke im französischen Bollwerk suchten.

Und sie durften kontern, das beherrschen sie meisterhaft. Paul Pogba schickte in der 59. Minute mit seinem besten Pass dieser WM Mbappé auf die Reise, irgendwann kam der Ball zurück zu Pogba, erster Schuss, geblockt, zweiter Schuss, Tor, 3:1. Wie gegen Argentinien zogen die Franzosen bald mit dem vierten Treffer nach, diesmal nach einem ­Angriff über links, diesmal mit dem überragenden Mbappé als Torschützen.

Die Franzosen sind kein unwürdiger Weltmeister. Aber man hätte schon gerne gewusst, wie sie reagiert hätten, wären sie einmal gezwungen gewesen, ihr immenses Potenzial zu demonstrieren. Es reichte auch so, um zum zweiten Mal nach 1998 eine WM zu gewinnen.

Und es gibt einige Parallelen zu jener Mannschaft um Zinédine Zidane. Auch vor 20 Jahren waren Einwandererkinder Schlüsselfiguren, auch vor 20 Jahren agierten die Franzosen sachlich, auch damals erzielten sie mehrere Kopftore nach Standardsituationen. Sie siegten einmal nach Verlängerung und einmal im Elfmeterschiessen.

Und sie setzten in den entscheidenden Partien mit Stéphane Guivarc’h auf einen Mittelstürmer, dessen Kernkompetenz nicht das Toreschiessen war (die grossartigen Thierry Henry und David Trézéguet sassen übrigens auf der Bank). Frankreichs zentraler Angreifer an der WM 2018, der fleissige Olivier ­Giroud, verlässt Russland gar ohne einen einzigen Torschuss. Auch das sinnbildlich für diese Franzosen.

In eine Verlängerung mussten sie trotzdem nie, schon allein deswegen sind sie kein zufälliger Weltmeister. Selbstverständlich sind sie das nicht, gemessen an der Art der Siege in der K.-o.-Phase sind sie gar der souveränste europäische Weltmeister der Neuzeit.

Zentimeter und Zufälle

Die Deutschen hatten vor vier Jahren im Final einen Geniestreich Mario Götzes in der Verlängerung benötigt, sie hatten einige wacklige Partien im Programm, gegen Algerien im Achtelfinal etwa. Und im Viertelfinal hatten sie dank eines Kopftores von Verteidiger Mats Hummels 1:0 gegen Frankreich gewonnen.

Vier Jahre zuvor verlief der Weg der spanischen Kurzpassmeister (die in der Vorrunde gegen die Schweiz verloren hatten) ab den Achtelfinals so: 1:0 gegen Portugal, 1:0 gegen Paraguay, 1:0 gegen Deutschland, 1:0 gegen Holland nach Verlängerung.

Und die Italiener schliesslich 2006: Im Achtelfinal 1:0 gegen Australien dank eines Elfmetertores in der Nachspielzeit nach einer Schwalbe Fabio Grossos, später Siege im Halbfinal gegen Deutschland nach Verlängerung und im Final gegen Frankreich nach Elfmeterschiessen. All das zeigt auf, wie eng es zugeht an einer WM, wie nahe Triumph und Blamage liegen, wie sehr Zentimeter und Zufälle entscheiden können.

Video: So feiern die französischen Fans den Titel

Die Kroaten wissen darüber Bescheid. Sie hatten auf dem Weg in den Final Dänemark und Russland nach Penaltyschiessen geschlagen sowie England nach Verlängerung. Im Final trafen sie erstmals auf ein Schwergewicht, und sie waren zu leichtgewichtig, zu glücklos, zu langsam und zu defensivschwach.

Das nutzlose Tor zum 2:4 durch Mandzukic erzielten sie, weil Frankreichs Goalie Hugo Lloris vor dem eigenen Tor zum Dribbling angesetzt hatte. Ausgerechnet Lloris, dieser solideste aller soliden Franzosen, wich ab vom strikten und erfolgreichen Plan, die Dinge einfach zu halten. Lloris ist Captain und Leader dieser jungen Mannschaft, Raphael Varane der Chef in der Abwehr, N’Golo Kanté trotz mässigem Auftritt im Final der Abräumer im Mittelfeld.

Mbappé vor Ronaldo und Messi

Selbst der exzentrische Pogba stellte sich in den Dienst der Mannschaft, er ist dank seines Wandels und mit seinen Fähigkeiten eine prägende Figur des Weltmeisters. Wie die Topstürmer Griezmann und Mbappé. Letzterer ist erst 19, der zuvor einzige Teenager, der in einem WM-Final getroffen hatte, war Pélé 1958 mit 17. Pélé trat später als dreifacher Weltmeister von der Bühne ab.

Vielleicht ist im WM-Final 2018 der Stern eines des besten Fussballers des 21. Jahrhunderts aufgegangen. Kylian Mpappé ist jedenfalls noch nicht mal 20, hat aber im Gegensatz zu den Branchengrössen Cristiano Ronaldo, Lionel Messi und Neymar bereits einen WM-Titel gewonnen. Weil er in den letzten Wochen in einem Team spielte, das wie kein anderes Pragmatismus mit Effizienz und individueller Qualität verband.

Erstellt: 15.07.2018, 23:46 Uhr

Artikel zum Thema

Und vielleicht können es die Franzosen sogar noch besser

Kommentar Frankreich ist der logische Weltmeister. Weil das Team unglaublich talentiert ist. Und weil sein Spielstil den Geist dieser WM spiegelt. Mehr...

«Das tut weh, wirklich weh»

Im aargauischen Möhlin fieberte die kroatische Gemeinschaft mit ihrem Mann in Moskau mit. Mehr...

Panamas Trainer Gomez gibt Rücktritt bekannt

Islands Coach tritt ab und wird Zahnarzt +++ Rekordtorschütze Tim Cahill tritt zurück +++ Über eine Million sahen den WM-Final auf SRF 2 +++ Deutschland bleibt eine Fussball-Nation +++ Mehr...

Weltmeister

1930 Uruguay

1934 Italien 

1938 Italien

1950 Uruguay

1954 Deutschland

1958 Brasilien

1962 Brasilien

1966 England

1970 Brasilien

1974 Deutschland

1978 Argentinien

1982 Italien

1986 Argentinien

1990 Deutschland

1994 Brasilien

1998 Frankreich

2002 Brasilien

2006 Italien

2010 Spanien

2014 Deutschland

2018 Frankreich

Torreiche Finalspiele

Nur 1958 bei Brasiliens 5:2 über Schweden gab es mehr Tore als gestern. Die Endspiele 1930, 1938 und 1966 gingen auch 4:2 aus.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...