Wer hat das bessere Mittelfeld, auf wem lastet mehr Druck?

Das Halbfinal-Duell zwischen England und Kroatien verspricht Spannung. Der Formcheck in sechs Punkten.

Englische Offensivpower mit Dele Alli und Harry Kane gegen das beste Mittelfeld-Duo des Turniers, den Kroaten Luka Modric und Ivan Rakitic. Bild: Getty Images/Fifa

Englische Offensivpower mit Dele Alli und Harry Kane gegen das beste Mittelfeld-Duo des Turniers, den Kroaten Luka Modric und Ivan Rakitic. Bild: Getty Images/Fifa

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Im zweiten Halbfinal im Moskauer Luschniki-Stadion treffen ab 20 Uhr Kroatien und England aufeinander. Die 23 Spieler Englands sind allesamt in der heimischen Premier League, der wohl derzeit besten Liga der Welt, engagiert. Die kroatische Mannschaft ist dagegen auf elf verschiedene Ligen über halb Europa verteilt. Die englische Equipe hat einen Marktwert von fast 900 Millionen Euro, Kroatien kommt auf rund 350 Millionen.

Klarer Vorteil England? Denkste! Der Formcheck:

Der Druck

Die jungen englischen Spieler wirken unbekümmert, obwohl die Erwartungen in der Heimat immens sind. England träumt nach 52 Jahren vom WM-Titel. Zumal seit dem Achtelfinal gegen Kolumbien das Penaltyschiessen nicht mehr das sichere Aus bedeutet. Aber auch die Kroaten verspüren Druck. Der «Generation Modric» bietet sich wohl das letzte Mal die Chance, den grossen Coup zu landen, der ihr zweifelsohne zugetraut wird. An der WM 2010 war Kroatien nicht dabei, vor vier Jahren bedeutete die Vorrunde Endstation. In den beiden bisherigen K.-o.-Spielen bewiesen die Kroaten ihre Nervenstärke – zweimal sicherten sie das Weiterkommen im Penaltyschiessen.

Resultat: Kleinigkeiten entscheiden: Dieser Punkt geht an Kroatien. Sie verspüren etwas weniger Druck. Zudem könnten die Kroaten aufgrund ihrer Erfahrung besser damit umgehen.

Die Torhüter

Im englischen Tor steht mit dem 24-jährigen Jordan Pickford ein Youngster. Der Keeper vom FC Everton bestritt im Viertelfinal gegen Schweden sein achtes Länderspiel. Doch er begeistert mit Qualitäten, die man sich in England nicht gewohnt ist: Er hält auch mal einen Unhaltbaren. Auf der Linie wusste Pickford bisher zu überzeugen, jedoch offenbarte er mehrmals Probleme beim Herauslaufen. Zudem blieb er bei Flanken allzu oft in seinem Kasten.

Jordan Pickfords Grosstat gegen Schweden. (Video: SRF)

Das kroatische Tor wird von Danijel Subasic gehütet. 42 Länderspiele seit 2009: Der 33-Jährige bringt vergleichsweise viel Erfahrung mit. Aber auch Subasic, der mit Monaco auf 24 Champions-League-Spiele kommt, zeigte im Turnierverlauf Schwächen in der Strafraumbeherrschung. So sah er beispielsweise beim frühen dänischen Gegentor im Achtelfinal unglücklich aus. Sowohl Pickford als auch Subasic sind beflügelt von den gewonnenen Penaltyschiessen, was zusätzliches Selbstvertrauen verleiht.

Resultat: Obwohl beide Keeper ähnliche Stärken und Schwächen aufweisen: Dieser Punkt geht an Kroatien. Am Ende könnte die Erfahrung Subasics den Unterschied machen. 2:0 für die Kroaten.

Die Abwehr

Die englische Dreierkette bilden Kyle Walker, John Stones und Harry Maguire. Bei gegnerischem Ballbesitz werden sie von Ashley Young und Kieran Trippier unterstützt. Die drei Verteidiger sind eingespielt, torgefährlich bei Standards und überzeugen bei der Spieleröffnung. Bei Ballverlusten in der Vorwärtsbewegung zeigt sich die englische Defensive anfällig, da Young und Trippier bei eigenem Ballbesitz weit vorrücken und so dem Gegner Räume bieten.

Kroatien spielt mit einer Viererkette. In der Zentrale spielen die grossgewachsenen Dejan Lovren und Domagoj Vida. Sime Vrsaljko auf rechts und Ivan Strinic auf links komplettieren die Viererabwehr. Auch sie sind eine eingespielte Formation. Lovren und Vida zeigen bei schnellen Gegenangriffen Schwächen, jedoch können beide bei Eckbällen und Freistössen mit ihrer Wucht und ihrer Grösse im gegnerischen Strafraum für Gefahr sorgen.

Vida erzielt den vermeintlichen Siegtreffer im Viertelfinal gegen Russland. (Video: SRF)

Resultat Wieder sind es Kleinigkeiten, die den Unterschied machen. Die bessere Spieleröffnung des englischen Trios macht den Unterschied. England verkürzt auf 1:2.

Das Mittelfeld

Das englische Mittelfeld vereint Erfahrung und Zweikampfstärke (Ashley Young und Jordan Henderson), Unbekümmertheit, Spielwitz und Schnelligkeit (Dele Alli, Kieran Trippier und Jesse Lingard). Henderson ist der Abräumer hinter einer Viererkette, die auch mal die Positionen wechselt, in die Spitze sticht oder sich auch mal zurückfallen lässt. Die Angriffe werden meist mit viel Zug zum Tor vorgetragen, wobei die bisherige Chancenauswertung deutlich besser sein könnte. Auch in der Rückwärtsbewegung fehlt es teilweise an Biss und Engagement.

Bei Kroatien ist das Mittelfeld das Herzstück. Luka Modric und Ivan Rakitic – zwei Namen, die für Erfahrung, Ruhe am Ball und Torgefahr stehen. Dazu kommt ein perfektes taktisches Verständnis. Sie bilden das wohl beste Mittelfeld-Duo aller WM-Teilnehmer. Davor werden voraussichtlich Ivan Perisic links, Ante Rebic rechts und Andrej Kramaric zentral agieren. Perisic und Rebic werfen sich in jeden Zweikampf und geben keinen Ball verloren. Sie bringen Geschwindigkeit und Torgefahr über aussen. Jeder der fünf Mittelfeldakteure war im bisherigen Turnierverlauf bereits erfolgreich.

Spätes kroatisches Glück: Perisic trifft in der 90. Minute gegen Island zum 2:1. (Video: SRF)

Resultat: Das Mittelfeld bringt Kroatien in Front: 3:1.

Der Sturm

Der englische Sturm ist bisher vor allem einer – Harry Kane. Der Captain der Three Lions ist mit sechs Treffern heisser Anwärter auf den WM-Torschützenkönig. Er ist körperlich enorm stark, im Strafraum sowie aus der Distanz torgefährlich und kann auch die Mitspieler mit klugen Pässen in Szene setzen. Zudem versteht er sich mit Clubkamerad Dele Alli blind. Neben Kane spielt Raheem Sterling. Der Mann von Manchester City ist enorm antrittsschnell und verfügt über eine hervorragende Technik. Ihm fehlte bisher das nötige Abschlussglück.

Er steht da, wo ein Stürmer stehen muss: Kane staubt gegen Tunesien zum 1:0 ab. (Video: SRF)

Mario Mandzukic bildet die einzige Spitze im kroatischen 4-2-3-1. Der grossgewachsene Stürmer ist ungemein zweikampfstark, arbeitet mit allen Tricks und dient als Anspielstation in der Vorwärtsbewegung. Er kann den Ball abschirmen und verteilt ihn anschliessend auf die aufgerückenden Mitspieler auf den Aussenbahnen oder legt auf Modric oder Rakitic ab. Zudem ist Mandzukic kopfballstark. Gegen England bekommt er es mit körperlich ebenbürtigen Gegenspielern zu tun. Als einzige Spitze wird er nicht viel Raum erhalten.

Resultat: Die Tormaschine setzt sich durch: Harry Kane holt den Punkt für England. Es steht uns eine spannende Schlussphase bevor.

Der Trainer

In der Heimat wird er bereits verehrt – Englands Coach Gareth Southgate. Kann er auf Clubebene nur wenig Erfahrung vorweisen, so macht er das mit seiner akribischen Art wieder wett. Southgate überlässt nichts dem Zufall. Er setzt zum Beispiel auf einen Mentalcoach und liess ausgiebig Penaltys trainieren – mit Erfolg. Ganz Fussball-England steht hinter ihm, und das hat schon lange kein englischer Trainer mehr von sich behaupten können.

Auf der anderen Bank wird Zlatko Dalic Platz nehmen. Ausserhalb Kroatiens kannten ihn vor seinem Job beim Nationalteam – wenn überhaupt – nur ausgewiesene Experten. Nach kurzen Engagements in Kroatien und Albanien wechselte Dalic 2010 nach Saudiarabien und war dort über sechs Jahre tätig. Er wird von den Spielern geschätzt und ist mitverantwortlich für die gute Stimmung im Team.

Endresultat: Der Hype um Southgate und seine Akribie bescheren den Engländern den letzten Punkt. In der Endabrechnung steht es 3:3. Es geht in die Verlängerung, und da – Sie wissen es bereits – entscheiden Kleinigkeiten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.07.2018, 17:52 Uhr

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