«Liberté, Egalité, Mbappé»

Nach dem Final strömen die aus Afrika stammenden Peripherie-Franzosen auf den Champs-Elysées mit den eher weissen Stadtzentrum-Franzosen zusammen. Der WM-Titel hat seine Wurzeln am Rand von Paris.

Teenager aus Bondy, Projektionsfläche für ein ganzes Land: Kylian Mbappé. (Bild: Fifa/Getty Images)

Teenager aus Bondy, Projektionsfläche für ein ganzes Land: Kylian Mbappé. (Bild: Fifa/Getty Images)

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Als es vollbracht ist, als Frankreich Weltmeister ist, da brausen die Jungs und die Mädchen aus Bondy auf ihren Motorrollern und in klapprigen Kleinautos ziemlich euphorisiert und viel zu schnell zum Platz vor dem Rathaus, um ein Hupkonzert anzustimmen. An einem Renault Clio hängt eine Traube afrikanischstämmiger junger Männer. Fünf oder sechs sind es bestimmt. ­Einer schwenkt eine blau-weiss-rote Fahne und ruft: «Vive la France! Merci la France!» Danke Frankreich. Dann ruft er tatsächlich noch: «Aber Frankreich kann auch uns Danke sagen!»

Danke für Kylian Mbappé, den 19-jährigen Wunderknaben der Equipe tricolore, der hier in ­Bondy aufgewachsen ist. Sein ­Vater stammt aus Kamerun, die Mutter aus Algerien. Danke auch für all die anderen Nationalspieler, die aus verrufenen Pariser Vorstädten wie Bondy kommen und jetzt den Pokal geholt haben. Bis tief in die Nacht wird ein Teil der Jugend von Bondy vor dem grauklotzigen Rathaus feiern, das ein Transparent mit Mbappé-Foto schmückt.

Besoffen in Brunnen baden

Ein anderer Teil bricht gleich nach dem WM-Final auf, um mit der Vorstadtbahn nach Paris hineinzufahren. Dort strömen die aus Afrika stammenden Peripherie-Franzosen auf dem Prachtboulevard Champs-Elysées mit den eher weissen Stadtzentrum-Franzosen zusammen. Alle gemeinsam, zu Hunderttausenden, geben sie sich dann einem rauschhaften Fest hin. Sie sind fröhlich, baden von Übermut und Alkohol besoffen in Brunnen, stimmen immer wieder Frankreichs Hymne an und bejubeln die Bilder der Spieler, die auf den Triumphbogen projiziert werden. Am Montagabend, als die Weltmeister auf den Champs-Elysées ihre Trophäe vorführen, ist es der gleiche Überschwang. Die Krawalle, mit denen Ran­dalierer in Paris und anderswo stören, trüben die Freude nicht.


Die WM-Helden werden in Paris begeistert empfangen:


Es ist, als ob Frankreichs gesamte Jugend für einen kurzen Moment die Utopie von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit zelebrieren wollte. Wobei die Devise der Republik schon vor dem ­Final von manchen abgewandelt ­wurde in Liberté, Egalité, Mbappé, weil der Held aus Bondy wie die gesamte Mannschaft den Franzosen in den vergangenen Wochen einen nicht mehr so selbstverständlichen Teamgeist vorgelebt hat. «Ich will Frankreich verkörpern», hat Mbappé gesagt. «Ich will alles für Frankreich geben.» Das ist ein Bekenntnis, und mit Mbappé bekennen sich an den Tagen des Siegesrauschs auch die Banlieues.

Weltgrösste Talentschmiede?

Zugleich werfen diese Tage ein Schlaglicht auf das Verhältnis des Landes zu den Pariser Ban­lieues, den vielleicht grössten Talentschmieden der Welt. Und damit auf das ambivalente – um nicht zu sagen: opportunistische – Verhältnis der Franzosen zum Fussball insgesamt. Denn im Land des neuen Weltmeisters ist dieser Sport gesellschaftlich weniger tief verankert als in Deutschland, England oder Brasilien. Seine einende Kraft entfaltet er nur, wenn die Bleus alle 20 Jahre ein wichtiges Turnier gewinnen.

«Diese Momente nationalen Hochgefühls sind sicher auch eine Art Gruppentherapie», sagt der Soziologe Stéphane Beaud, der seit Jahrzehnten zum Fussball forscht. «Sie sind eine Art, trotz Klassenunterschieden und regionalen Disparitäten die Angst vor der Vergangenheit und den Willen zu einer gemeinsamen Zukunft zu beschwören.» Dennoch ist der naive Glaube an Heilung gesellschaftlicher Brüche durch eine sozial und ethnisch gemischte Mannschaft längst verflogen. 1998, nach dem ersten französischen WM-Sieg, gab es noch den Mythos Black-Blanc-Beur. Bis der rechtsextreme Front National bei der folgenden Präsidentschaftswahl so stark abschnitt wie nie zuvor. Und in den vergangenen Jahren wurde der Wille zur Einheit zwischen sogenannten einheimischen Franzosen und jenen aus Einwandererfamilien – soweit es ihn wirklich gab – von islamistischen Attentätern erschüttert.

Niemand hat Illusionen

Im Stadion des AS Bondy, wo Mbappé gross wurde, verfolgen am Sonntag 3000 Leute mit lauten Ahs! und Ohs! vor einer Grossleinwand den Final. Die Marseillaise vor dem Spiel haben viele textsicher und inbrünstig mit­gesungen. «Wir sind Franzosen – und wir werden ­gewinnen!», brüllt ein Einheizer in ein Mikro. Laïd, 53 Jahre, Franzose mit Wurzeln in Algerien, verteilt blau-weiss-rote Fähnchen, Hüte, Tröten. Seinen Nachnamen mag er lieber nicht sagen. Die Fanartikel werden ihm regelrecht aus der Hand gerissen. Junge Frauen mit Schleiern, die bis auf das Gesicht den ganzen ­Körper verdecken, bemalen sich die Wangen mit der Trikolore. «Die heutigen Banlieue-Jugendlichen identifizieren sich noch mehr mit Frankreich als die vor 20 Jahren. Sie wollen daran keinen Zweifel lassen», beteuert Laïd. «Aber niemand hier macht sich Illusionen, dass die Regierung nach dem WM-Sieg mehr gegen Diskriminierungen und fehlende Jobchancen tut.»

Also dass Frankreich der ­Banlieue irgendwie Merci sagen könnte. Am meisten identifizieren sie sich in Bondy aber natürlich mit Kylian Mbappé, der in einem Sozialbau in der Avenue des Lilas direkt neben dem Stadion aufgewachsen ist. Mbappé ist das personifizierte – und für viele trügerische – Versprechen, dass man es schaffen kann, wenn man aus Bondy ist. Als der Sohn der Stadt das Tor zum 4:1 erzielt, dreht das ganze Stadion durch.

Im WM-Final: Das 4:1 für Frankreich durch den Jungen aus Bondy, Kylian Mbappé. (Video: SRF)

Erstellt: 17.07.2018, 09:12 Uhr

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