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Pakt mit den Teufeln

Thierry Henry und Frankreich haben sich auseinandergelebt. Nun kommt das Wiedersehen: Henry ist belgischer Co-Trainer.

Mit Bart und voller Tatendrang: Thierry Henry.
Mit Bart und voller Tatendrang: Thierry Henry.
Keystone

Frankreich und der Stürmer Thierry Henry, das war mal eine Geschichte voller Zuneigung. Aber das ist lange her. Wenn Henry heute überhaupt mal in Frankreich auftaucht, dann meistens in den Heldenlisten: als Rekordtorschütze der Bleus mit 51 Treffern in 123 Länderspielen, als Weltmeister 1998, als Europameister 2000. Aber persönlich? «Wir haben ihn ein wenig aus den Augen verloren», sagt Noël Le Graët, Präsident des französischen Verbands, «er hat wenige Kontakte zum Verband.»

Henry lebt seit langem in London. Da ist er öfter zu sehen; wenn er Spiele fürs Bezahlfernsehen analysiert zum Beispiel. Und beim FC Arsenal, für den er zwischen 1999 und 2007 seine prägenden Jahre als Stürmer hatte, ist er bis heute allgegenwärtig: Da haben sie ihn vor dem Stadion in Bronze gegossen. Henry, wie er auf den Knien über den Rasen schlittert. In Frankreich hingegen haben sie ihm nicht nur keine Statue gebaut, sie haben ihn irgendwann, und zwar im Wortsinne, zum Seitenausgang hinaus gebeten. Die Frage sei, schrieb «L’Équipe» diese Woche: «Hat Thierry Henry Frankreich verlassen, oder hat Frankreich ihn verlassen?»

In der Erinnerung strahlt er jedenfalls noch. Sonst wäre die Aufregung jetzt nicht so gross, da sich die Wege mal wieder kreuzen. Wenn Frankreich und Belgien um den Einzug in den WM-Final spielen, dann ist Thierry Henry (40) als zweiter Co-Trainer dabei. Bei Belgien.

Henry mit Belgiens Stürmer Lukaku vor dem Halbfinal gegen Frankreich. (Foto: AP Photo/Alexander Zemlianichenko, 9. Juli 2018)
Henry mit Belgiens Stürmer Lukaku vor dem Halbfinal gegen Frankreich. (Foto: AP Photo/Alexander Zemlianichenko, 9. Juli 2018)

«Bizarr», so nennen sie im Quartier der Franzosen jetzt einhellig diese Konstellation. So sagte es der Nationaltrainer Didier Deschamps (49), so sagte es der Stürmer Olivier Giroud. Aber so bizarr es jetzt alle finden mögen: Auf gewisse Weise ist dieses ungewöhnliche Aufeinandertreffen auch das logische Ergebnis einer Entfremdung.

Sein Betrug 2009

Es wird jetzt also noch mal hineingebohrt in diese Geschichte, an deren Beginn man glückliche Jahre miteinander verbracht hatte. 1998 wurden sie Seite an Seite Weltmeister im eigenen Land, Deschamps als Captain und Anführer, Henry als junger Stürmer, der drei Treffer erzielte. Es war die grosse Generation um Zinédine Zidane. Zwei Jahre später kam der Europameistertitel dazu. 2006, beim verlorenen WM-Final in Berlin, war Deschamps schon zurückgetreten.

Und dann gab es zwischendurch auch ein paar dunkle Jahre, etwa das Vorrunden-Aus bei der EM 2008. Deshalb hat man Thierry Henry auch die berühmte Szene aus dem November 2009 nicht als Schlitzohrigkeit ausgelegt, sondern als ziemlich unfeinen Betrug, als er in der Barrage für die WM 2010 – die Franzosen balancierten im Rückspiel gegen Irland längst am Abgrund – den Ball zweimal mit der Hand mitnahm, ehe William Gallas das entscheidende, aber irreguläre Tor erzielte, das Frankreich nach Südafrika brachte. «2009 bleibt die ewige Bruchstelle», schreibt «L’Équipe», «der Beginn des Unverständnisses und der Qual.» 2010 war, wenn man ehrlich ist, aber auch nicht besser.

Frankreich scheidet an der EM 2008 in der Vorrunde nach einem 0:2 gegen Italien aus. (Foto: Keystone/Alessandro Della Bella, 17. Juni 2008)
Frankreich scheidet an der EM 2008 in der Vorrunde nach einem 0:2 gegen Italien aus. (Foto: Keystone/Alessandro Della Bella, 17. Juni 2008)

2010 fand schliesslich an der WM in Südafrika das groteske Zerwürfnis mit dem Trainer Raymond Domenech seinen Höhepunkt: streikende Fussballer, live übertragen in alle Welt. Und Thierry Henry, Captain dank seiner Verdienste, aber längst nicht mehr aufgrund seiner Leistung beim FC Barcelona. Unfähig, den kollektiven Akt der Selbstzerstörung irgendwie aufzuhalten.

Der Besuch bei Sarkozy

Den wenigsten, die damals dabei waren, hat Frankreich verziehen. Thierry Henry haben sie zum Rapport in den Elysée-Palast geschickt, zu Nicolas Sarkozy. Rein durch den Seiteneingang und auf dem gleichen Weg wieder raus, keine Erwähnung in der offiziellen Agenda des Staatspräsidenten. Kurz den Kopf waschen lassen und au revoir. Danach ging Henry nach New York in die Major League Soccer.

Schmerzt das noch? Henry selbst hat man dazu nicht befragen können in den letzten Monaten. Kein einziges Wort sagt er in der Öffentlichkeit. Er darf sowieso nur seinem Stammsender Sky Interviews geben, so ein Multi-Millionen-Expertenvertrag bringt diverse Verpflichtungen mit sich.

Ein Interview hat er vor zwei Jahren dem belgischen Fernsehen gegeben, als bekannt geworden war, dass der Verband nicht nur den Spanier Roberto Martínez als Nationaltrainer verpflichtet hatte, sondern dazu auch Henry. Das Interview hatte nur einen Zweck: den Ball flach zu halten. «Ich bin nur der T3», sagte also Henry, der dritte Trainer. «Das ist nicht die Thierry-Henry-Show. Als Trainer musst du nicht ständig erwähnen, was du als Spieler früher geleistet hast. Und als Trainer habe ich noch überhaupt nichts bewiesen.»

Training mit der Legende

Inzwischen hat er aber offenbar eine Menge hingekriegt, man muss da nur mal Stürmer Romelo Lukaku zuhören, der schon vier Tore geschossen hat bei dieser WM: «Seitdem ich mit ihm arbeite, bin ich zweimal so gut geworden», sagte er, denn hey: «Ich trainiere hier mit der Legende persönlich! Er bringt mir bei, so in die Räume zu laufen, wie er es früher getan hat.» Auch die anderen Offensivkräfte der Belgier nimmt Henry immer mal wieder zur Seite wie eine Art grosser Bruder. Es werde viel gelacht, heisst es.

Nicht ausgeschlossen, dass Henry am Ende tatsächlich das entscheidende Puzzleteil ist für eine Generation von Spielern, die schon seit Jahren das Label «Geheimfavorit» mit sich herumträgt. «Er bringt etwas ganz Wichtiges ein: seine Erfahrung», sagt jedenfalls der Cheftrainer Martínez. Thierry Henry ist den Pakt mit den Roten Teufeln auch deshalb eingegangen, weil er nur von ihnen um Hilfe gebeten wurde. 8000 Euro bekommt er im Monat, die spendet er für einen wohltätigen Zweck. Und Frankreich? «Man hat mir nie irgendwas angeboten», so viel hat Thierry Henry dann doch erzählt. «Nie.»

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