Wie einst Bobby Moore

Tottenhams Harry Kane ist mit 24 Jahren der jüngste englische WM-Captain der Geschichte.

Englands Anführer und WM-Hoffnung: Harry Kane. Bild: Keystone

Englands Anführer und WM-Hoffnung: Harry Kane. Bild: Keystone

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Im März gab Gareth Southgate ein ­Geheimnis preis. Der englische Nationaltrainer eröffnete seinem Spieler Harry Kane in einem Gespräch, dass er ihn bei der anstehenden Weltmeisterschaft in Russland zum Captain ernennen werde. Allerdings dürfe dies bis zur Kadernominierung zwei Monate später keinesfalls an die Öffentlichkeit dringen, mahnte Southgate, weil das Team und auch sonst niemand bisher Bescheid wisse. Für den Angreifer von Tottenham Hotspur folgte nun die finale Herausforderung: Seinem Kindheitstraum, Captain der «Three Lions» zu werden, standen nur noch die Boulevardblätter im Wege, die alles daran setzten, an diese Information zu kommen. Eine Weitergabe der frohen Botschaft hätte wohl umgehend zum Vertrauensbruch bei den ­Beteiligten geführt.

Aber Kane hielt dicht – und erhält nun eine besondere Stellung in den ­Annalen des englischen Fussballs. Beim ersten WM-Gruppenspiel gegen Tunesien heute in Wolgograd wird Harry Kane, 24, den grossen Bobby Moore als jüngsten englischen Captain bei einer Weltmeisterschaft ablösen – sofern ihm keine höhere Macht kurzfristig noch ­dazwischengrätscht.

Bei der WM 1966 in England hatte Moore, der 1993 einem Krebsleiden erlag, das Mutterland des Fussballs zum bislang einzigen Titel geführt. Im Finale bereitete er mit einem genialen Zuspiel zum dreifachen Torschützen Geoff Hurst das 4:2 über Deutschland in der Verlängerung vor. Auf der Ehrentribüne des Wembley-Stadions nahm Moore dann die wichtigste Fussballtrophäe aus den Händen von Königin Elizabeth II. entgegen.

Kanes natürliche Autorität

«Natürlich träume ich davon, auch den WM-Pokal hochzuhalten», sagt Kane, «es ist unmöglich, das nicht zu tun.» Bei fünf seiner bisher 24 Länderspiele durfte der derzeit bekannteste englische Fussballer die Kapitänsbinde tragen, es gelang ihm jeweils ein Tor, darunter das prestigeträchtige 2:2 in der WM-Qualifikation gegen Schottland vor einem Jahr. Seit Southgate das Traineramt im Herbst 2016 übernahm, hat er sechs Kandidaten als Captain ausprobiert. Nach dem vorzeitigen Aus der alten Leitfigur Wayne Rooney und dessen Stellvertreter Joe Hart blieben Harry Kane, Eric Dier, Gary Cahill und Jordan Henderson ­übrig, die den Wettbewerb unter sich ausmachten. Für Cahill (FC Chelsea) und Henderson (FC Liverpool) sprach, dass sie die Position bei ihren jeweiligen Clubs schon bekleiden. Doch an Kanes Ausstrahlung im Weltfussball führte schliesslich kein Weg vorbei: Wenn Kane vorangeht, folgen die anderen nach. In der Vorwoche lief er nach dem Training auf die wartenden Fans zu – die Teamkollegen liessen umgehend alles stehen und liegen, um wie Kane Autogramme zu schreiben.

Sein Respekt anderen gegenüber und seine Führungsqualitäten machen ihn zu einer natürlichen Autorität. Nur am Saisonende stellte er seine Beliebtheit unnötig auf die Probe: Im Wettschiessen mit Liverpools Mohamed Salah um die Torjägerkrone der Premier League ­beanspruchte Kane einen Treffer für sich, bei dem er den Ball, wenn überhaupt, nur touchierte. Die Liga schrieb das Tor auf ihn um – allerdings zeigte sich England irritiert über das eigennützige Verhalten. Die Wahl zum Captain bei seiner ersten WM bedeutet, dass er sowohl sportlich als auch menschlich als Vorbild dienen soll. In den vergangenen vier Saisons hat sich Tottenham, ein besserer Mittelklasseclub, dank seiner Vorarbeit in der Spitzengruppe der Premier League etabliert – in 139 Ligaspielen schoss Kane 105 Tore.

An der EM torlos geblieben

Jetzt soll der beste Torschütze der letzten vier Jahre in England auch für seine Nationalmannschaft zum Retter werden. Die Last der Erwartungen kennt Kane nicht nur aus den Erzählungen seiner Vorgänger, er hat sie vor zwei Jahren beim EM-Aus gegen Island im Achtelfinal selbst erlebt: In seinen vier Einsätzen 2016 gelang ihm kein Turniertreffer, ­daran wird er in der Heimat bei jeder ­Gelegenheit erinnert. Ohne ein Auftakttor im Duell mit Tunesien wird dieser subtile Vorwurf zu seinem Missfallen wohl weitergetragen werden.

Für die Sturmmitte hat England in Marcus Rashford (Manchester United) und Jamie Vardy (Leicester City) zwei ­geeignete Alternativen, aber an die Präsenz und Reaktionsschnelligkeit von Kane im gegnerischen Strafraum kommt keiner der beiden heran. Als Fixpunkt der Angriffsreihe ist er es gewohnt, sich mit mehreren Verteidigern herumplagen zu müssen. Seine 1,88 Meter Grösse und 89 Kilogramm Gewicht verschaffen ihm die Wucht, den Ball so abzuschirmen, dass selbst schnellere Gegenspieler kaum ein Rezept finden, ihn zu stoppen. Sein Torabschluss erfolgt meist flach und hart, das ist zwar wenig spektakulär, dafür umso effektiver.

«Jeder spricht über die Tore, aber sein Arbeitspensum, seine Menschlichkeit und Aggressivität machen Harry so unglaublich», sagt der Kollege Dier. In vorderster Position jagt Kane jedem Ball nach, und er rackert auch in der Defensive. Das macht ihn nun zum jüngsten WM-Captain der englischen Geschichte.

Erstellt: 18.06.2018, 19:26 Uhr

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