Masterplan gegen die Katar-WM

Die Fussballwelt irritiert die Nähe zwischen Gianni Infantinos Fifa und Saudiarabien. Womöglich hat das Folgen für die WM 2022.

Zarte Bande: Der saudische Kronprinz Mohammed Bin Salman Al Saud mit Fifa-Präsident Gianni Infantino. Bild: ATP

Zarte Bande: Der saudische Kronprinz Mohammed Bin Salman Al Saud mit Fifa-Präsident Gianni Infantino. Bild: ATP

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Die WM ist quasi zu Ende und in der Fussballwelt stehen grosse Entscheidungen an. Gianni Infantino will 2019 den Thron des Weltverbandes verteidigen. Der umstrittene Fifa-Boss braucht dafür Voten, und um dem Stimmvolk aus 211 Landesverbänden die gängige teure Entwicklungshilfe offerieren zu können, braucht er angesichts der Wirtschaftslage des Verbandes solvente Helfer. Das ist nach Lage der Dinge: Saudiarabien. Und so erwächst der Szene in Gestalt von Kronprinz Muhammad bin Salman eine neue Schlüsselfigur – und dem saudischen Rivalen Katar ein Bedrohungsszenario. In Gefahr ist die WM-Ausrichtung 2022; zumindest die alleinige.

Die Situation ist angespannt, der Wahlkämpfer Infantino reisst die Fifa in die Wirren der Golfpolitik hinein. Schon Ende 2017 hatte der Präsident, dem die Finanzlage im Verband zusetzt, bei einem Besuch in Riads Königshaus einen Schulterschluss vereinbart. Wie eng, sollte der Fussball sehr bald zu spüren bekommen.

Saudiarabien reisst unter dem 33-jährigen Kronprinzen am Golf die Führungsrolle an sich, es boykottiert Katar gemeinsam mit Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und Bahrain. Doha, lautet die Begründung, unterstütze Terroristen. Weil die Blockade Katar weniger hart traf als erhofft, zielen die Boykotteure nun auf den Fussball: auf die WM 2022. Das zeigte im Herbst ein Tweet von VAE-Geheimdienstchef Dhai Khalfan: «Wenn die WM Katar verlässt, wird auch die Krise vorbei sein (...), weil sie dafür geschaffen wurde.» Interne Dokumente, die der SZ vorliegen, offenbaren gar eine Art Masterplan gegen das WM-Projekt in Katar.

Die Strategie von Katars Gegnern

Tatsächlich bieten sich dafür diverse Möglichkeiten an. Das beginnt mit der diskreten Amtshilfe für all die Strafbehörden von Washington über Bern bis Paris, die untersuchen, ob das Emirat die WM nach üblicher Fifa-Sitte gekauft haben könnte. Eine Fülle starker Hinweise liegt vor, womöglich fehlt der letzte, harte Beweis. Katar selbst bestreitet jede Korruption. Doch beziehen die transnationalen Ermittlungen nun auch Geldflüsse mit ein, die bei Untersuchungen der Vergabe der Leichtathletik-WM 2019 an Katar aufgetaucht sind.

Sollte ein letzter Beleg für Stimmenkäufe in den nächsten ein, zwei Jahren auftauchen, würde die Fifa in die Lage geraten, ihr WM-Turnier kurzfristig neu vergeben zu müssen. Die US-Justiz führt ihre Strafermittlungen nach dem Anti-Mafia-Gesetz Rico; im Verfahren hat die Fifa nur einen wackeligen Opferstatus inne. Der kann sich in einen Täterstatus wandeln – etwa, falls die Fifa bei einer erwiesenen Korruption nicht die Konsequenz zöge.

Parallel fahren Katars Gegner mit Infantinos Hilfe eine zweite Schiene: die Aufstockung der WM 2022 in Katar von 32 auf 48 Teilnehmer. Viele Kleinverbände der Welt finden das verlockend, nur brächte sie das Emirat im Wortsinne an seine Grenzen. Es gäbe viel mehr Teams und Fans zu beherbergen – und überdies 80 statt 64 WM-Spiele zu veranstalten. Dafür stünden dann die feindlichen Nachbarn Saudiarabien und VAE bereit, gern würden sie einen Teil der Spiele bei sich austragen: Dann wäre das eine Golf-WM.

Nicht nur Doha verfolgt Infantinos Liaison mit Riad mit wachsender Sorge. Irritiert sind auch viele Spitzenleute im Weltfussball, sie liessen den Boss und seine neuen Freunde bereits auflaufen. Im März warf Infantino den Fifa-Ratsherren überfallartig ein 25-Milliarden-Dollar-Paket auf den Tisch: So viel wolle eine Investorengruppe für neue Turnierformate bezahlen, eine Klub-WM und eine Nationen-Liga. Der Fifa-Rat sollte abnicken. Wer hinter der Offerte steht, hat Infantino nie verraten; später sickerte durch, dass Saudiarabien die zentrale Rolle spielt. Der Vorstoss wurde abgeschmettert, nun sucht Infantino andere Wege, um die anonymen Gelder in den Weltfussball zu schleusen.

Katar soll Trainer Zinédine Zidane umgarnen

Dem engen Draht zu Riad schadet das nicht. Mehr Schutz bot der Fifa-Boss an anderer Stelle: bei den Raubzügen von BeoutQ, einem von Riad aus tätigen Piratensender, der sich seit Herbst 2017 das offizielle Rechtematerial des katarischen Senders beIN Sports unter den Nagel reisst. BeoutQ strahlte sogar die WM-Spiele illegal im Mittleren Osten aus; zuvor hatten die TV-Piraten bereits katarisches Exklusivmaterial von Champions League, Premier League und anderen Bewerben gekapert. Rechtebesitzer wie die Uefa setzten Anwälte an das Thema. Derweil erklärte die Fifa soeben erneut, sie wolle gegen die Raubzüge vorgehen. Doch die WM ist vorbei, und damit auch bald das Thema.

Wie absurd dieser Umgang mit den TV-Rechte-Raubzügen ist, zeigen die 110'000 Euro Strafe, welche die Fifa gerade gegen Andreas Granqvist verhängte. Schwedens Teamkapitän hatte die Socken einer Firma getragen, die kein Fifa-Partner ist.

Infantino und Riad: Katar weiss um die Bedrohung, die aus der Allianz erwächst. Jüngst waren Delegationen an wichtigen Orten Europas unterwegs. In London, wo in der Internationalen Arbeitergewerkschaft ITUC der einst schärfste Kritiker von Katars WM-Baustellen sitzt, fanden Workshops statt.

Das Emirat versucht, diese brisante Kritikerfront zu beruhigen. Und der Emir selbst besuchte gerade erst Frankreichs Staatschef Emanuel Macron; das Treffen mündete in ein denkwürdiges Statement: Frankreich und Katar hätten «den Ehrgeiz, vorbildliche Kooperationen im Sport zu entwickeln, insbesondere im Hinblick auf die WM 2022 in Katar und die Olympischen Spiele 2024 in Paris».

Bei den Ermittlern in Paris sorgen solche Töne für Stirnrunzeln. Sie gehen explizit der Frage nach, was bei einem anderen Staatsbesuch Katars im Élysée-Palast verabredet wurde: im Herbst 2010, kurz vor dem WM-Zuschlag an Katar, zwischen dem Emir, dem damaligen Staatschef Nicolas Sarkozy und Uefa-Boss Michel Platini. Die Rolle der tief gefallenen Vertreter der Grande Nation wird untersucht.

Da wirkt nun recht pikant, dass Katar eine andere Grösse des Landes umgarnen soll: Zinédine Zidane. Er soll die lahmende Nationalelf zur WM coachen, angeblich wolle das Emirat dafür 200 Millionen Euro zahlen. Es wäre keine neue Verbindung, Millionen aus Doha hat Zidane schon einmal kassiert: als Botschafter für die WM 2022.

Erstellt: 15.07.2018, 18:48 Uhr

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