Dass Petkovic schweigt, ist schlecht

Wie die Schweiz gegen Schweden auftrat, ist nicht gut für das Ansehen des Trainers. Fünf Gründe für das Scheitern im Achtelfinal.

«Wir waren nicht gut genug, um das Spiel zu gewinnen», sagt Petkovic nach dem Achtelfinal. Bild: Keystone

«Wir waren nicht gut genug, um das Spiel zu gewinnen», sagt Petkovic nach dem Achtelfinal. Bild: Keystone

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Was haben sie geredet. Vom Viertelfinal. Mindestens vom Viertelfinal. Und jetzt müssen die Schweizer schon nach dem Achtelfinal nach Hause, wie schon 1994, 2006, 2014 und 2016. Sie sind kein bisschen weitergekommen, und das hat fünf Gründe: von Vladimir Petkovic über Granit Xhaka bis zur Frage der Mentalität.

1. Petkovic: Ein Coach schweigt

Als die WM am Horizont nahte, sass Vladimir Petkovic in Feusisberg in einem Hotel und sagte: «Ich bin ein Verkäufer, ich muss den Spielern etwas verkaufen, den Medien, der Öffentlichkeit.» Er redete eine Stunde lang. In dieser Zeit wollte er kein konkretes Ziel für Russland nennen.

Dann fuhr er an die WM und redete nur noch, wenn er das auf Geheiss der Fifa musste. Er redete nur am Tag vor einem Spiel und direkt danach. Sonst verweigerte er sich der Öffentlichkeit. So ist das auch am Tag nach dem Ausscheiden: kein Wort mehr von ihm, kein Wort zum Abschluss einer zweijährigen Kampagne, keines zu einem Blick nach vorne. Dass er schweigt, ist schlecht. Es spricht nicht für ihn. Er hätte sich besser ein Beispiel an seinen Vorgängern genommen, an Köbi Kuhn und Ottmar Hitzfeld.

Um im Bild zu bleiben: Petkovic verkaufte in Russland auch Illusionen. Die Illusionen von eigener Stärke und Qualität. Er hielt die Mannschaft für gut genug, um auf einmal ganz forsch den Viertelfinal als Ziel auszurufen. Am Dienstag muss er in St. Petersburg kleinlaut zugeben: «Wir waren nicht gut genug, um das Spiel zu gewinnen.»

Das Bild von St. Petersburg ist nicht gut für Petkovic.

Eine Mannschaft ist ein Spiegelbild ihres Trainers. Petkovic hat die Idee, sie mutig auftreten zu lassen, offensiv, der Sieg ist das Ziel, egal, ob der Gegner Färöer oder Brasilien heisst. «Er hat einen extrem guten Einfluss aufs Team», hat Stephan Lichtsteiner in diesen Tagen gesagt.

Für welchen Trainer steht nun allerdings die Mannschaft, die gegen Schweden auf dem Platz war? Sie gab ein Bild von erschreckender Rat-, Ideen- und Emotionslosigkeit ab. So schnell wird das nicht aus den Köpfen verschwinden. Für Petkovics Ansehen ist das nicht gut.

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2. Xhaka: Vermisstenanzeige I

Phil Neville war ein Haudrauf als Verteidiger, fast 700 Spiele bestritt er für Manchester United und Everton, dazu 59 für England. Am Dienstag knöpft er sich bei der BBC Granit Xhaka vor, wie das vor ihm schon viele andere Experten in England gemacht haben. Neville macht Xhaka für das Gegentor verantwortlich, weil er Forsberg nicht aufgehalten habe. Aber wahrscheinlich habe Xhaka nach dem Spiel gedacht: «Ich habe heute ein gutes Spiel gemacht, denn ich habe ein paar Querpässe gespielt.»

Es ist Xhakas Los, dass mehr von ihm erwartet wird, als er oft zeigt. Dem früheren Nationalspieler Stéphane Henchoz ist dazu eine wunderbare Formulierung eingefallen: «Er lässt mich mit meinem Hunger sitzen. Das ist wie im Restaurant. Du bekommst deinen Teller, alles sieht super aus. Aber kaum hast du einen Bissen im Mund, merkst du, dass es nicht das ist, was du erwartet hast.»


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Xhaka ist einer dieser Generation, der es nicht an Selbstvertrauen mangelt. Das ist gut, es steht für Ehrgeiz. Es wird jedoch zum Problem, wenn für Xhaka an dieser WM eine Vermisstenanzeige aufgegeben werden muss. Wo war er bloss in all diesen Spielen? Wo gerade gegen Schweden? Eine gute Halbzeit bot er, gegen Serbien, die war sogar richtig gut. Sie erinnerte an den Strategen der EM 2016. Aber eine gute Halbzeit in vier Partien für einen Spieler seiner Bedeutung, seiner Begabung? Das kann die Schweiz nicht verkraften. Das kann Valon Behrami mit seinem Kämpferherzen nicht wettmachen, Stephan Lichtsteiner nicht mit seiner Mentalität und nicht einmal ein Yann Sommer in überragender Form.

Im September wird Xhaka 26. Dann hat er bei Arsenal einen neuen Trainer. Statt mit Arsène Wenger, der stets schützend die Hand über ihn hielt, muss er mit Unai Emery arbeiten. Vielleicht tut ihm das ganz gut, um aus seiner Komfortzone herauszukommen.

3. Shaqiri: Vermisstenanzeige II

Gegen Serbien dribbelte und wirbelte Xherdan Shaqiri, wie man sich das von ihm wünscht. Nach seinem Siegtor wurde er gefragt, wann er letztmals ein so gutes Länderspiel gezeigt habe. «Das würde ich Sie gerne fragen?», gab er zurück. «An der EM gegen Polen», bekam er zur Antwort. «Dann ist Zeit zum Gehen», sagte er und ging auch.

Es gibt keinen Zweifel. Shaqiri ist im Nationalteam der Offensivspieler mit dem grössten Talent. Keiner hat seine Bewegungen, seine Kraft, Explosivität und Schusstechnik. An einem guten Tag ist er so unverzichtbar wie Xhaka, wenn der einen guten Tag hat. Die Schweiz braucht ihn so wie damals gegen Polen und jetzt gegen Serbien. Aber sie kann es sich nicht leisten, wenn er wie von den Schweden komplett aus dem Spiel genommen wird. Dann fehlt ihr jegliche Kreativität.


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Ihm und der Mannschaft würde es grundsätzlich helfen, wenn er die Unbeschwertheit zurückbekäme, die ihn einst ausgezeichnet und ausgemacht hat. Nach dem Abstieg mit Stoke aus der Premier League wird er den Club wechseln. Ihm ist eine gute Wahl zu wünschen.

4. Stürmer: Was ist das?

«Ich finde Platz für alle guten Offensivspieler», sagte Coach Petkovic, bevor er sein 23er-Kader für die WM bekannt gab. Und dann bot er alle auf, die ihm neben Shaqiri in den Sinn kamen: Josip Drmic, Breel Embolo, Mario Gavranovic, Haris Seferovic.

Eine gute Szene hatte jeder: Gavranovic mit seinem Pass zu Shaqiris Siegtor gegen Serbien, Drmic mit seinem Goal gegen Costa Rica (und einem Kopfball an den Pfosten als Zugabe), Embolo mit einem Kopfball gegen Schweden wie Seferovic auch. Aber mehr war nicht, Petkovic konnte rotieren, wie er wollte. Keiner setzte sich auch nur annähernd durch, als er von Beginn an zum Einsatz kam.

Die Frage ist nicht neu und trotzdem drängend: Wo sind bloss die Stürmer mit Schweizer Pass, die auf diesem Niveau bestehen können? Die Super League liefert Petkovic keine positive Antwort. Da gibt es nur Albian Ajeti, Dimitri Oberlin oder Michael Frey – und bei ihnen braucht es viel Fantasie, um sie sich als Lösung vorzustellen.

5. Der Kopf: Eine Qualitätsfrage

Die Schweizer haben sich in den letzten Jahren so weit entwickelt, dass eine Turnierteilnahme fast schon Pflicht ist – fürs Publikum und für sie selbst. Der Jubel hält sich darum inzwischen in Grenzen, wenn die Qualifikation für eine WM oder EM geschafft ist.

Was sie sich damit weiterhin nicht beigebracht haben, ist die Fähigkeit, in Ausnahmesituationen oder besonderen Spielen zu bestehen. Sie waren seit 2006 immer wieder nahe dran, diesen vielbeschworenen nächsten Schritt zu machen. Sie sind immer und immer wieder gescheitert. Tun sie es heroisch wie gegen Argentinien, bleibt kein Vorwurf zurück. Tun sie es so wie gegen Schweden, wird die Kritik scharf. Und das wird sie vor allem, weil die Spieler nicht bereit waren, weil sie kein Feuer versprühten, keine Emotionen zeigten. Weil sie nicht den Eindruck vermittelten, wirklich gewinnen zu wollen.

Wer einmal scheitert, kann Pech haben, vielleicht auch ein zweites oder drittes Mal. Doch auf Dauer stellt sich eine ganz andere Frage: die nach der Qualität, nicht nur der spielerischen, sondern vor allem der mentalen. Gerade sie macht den Unterschied zwischen einer grossen Mannschaft und einer Mannschaft, die gross sein will. So hat das Valon Behrami unlängst beschrieben.

An den letzten beiden Turnieren gewann die Schweiz zwei von acht Spielen. An der EM war es das 1:0 gegen Albanien und an der WM das 2:1 gegen Serbien. Albanien und Serbien also, vielleicht ist es nur Zufall, dass sich Petkovics Auswahl dann behauptete, als die Motivation für die Xhakas und Shaqiris wegen ihrer Herkunft vermutlich am grössten war.

Die Diskussion um Identifikation und Integration wurde teamintern vor zweieinhalb Jahren breit geführt. Damals ging es um die Frage: Wer sind wir? Was wollen wir? Was sind unsere Werte? Wir sind die Schweiz, sagten sich die Spieler. Und sie sind die Schweiz, auch wenn viele von ihnen zwei Nationalitäten haben und gerade gebürtige Kosovaren wie Behrami, Xhaka und Shaqiri ihre Wurzeln nicht vergessen wollen. Das brauchen sie auch nicht, sie brauchen aber auch nicht mit dem Doppeladler zu zeigen, wo ihre Eltern herkommen.

Die Reaktionen von Xhaka und Shaqiri nach ihren Treffern gegen Serbien sorgten für die aufwühlendsten Schweizer Momente an dieser WM. Da waren die Emotionen im Spiel, die ganz viel möglich machen können. Und die im kühlen St. Petersburg so sehr fehlten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.07.2018, 08:00 Uhr

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