Kühler Empfang in Russland

Das Schweizer WM-Team muss sich nach der Ankunft in Toljatti auf ungewöhnliche Umstände einstellen.

Erste Schritte auf WM-Boden: Nach einem vierstündigen Flug kommen die Schweizer in Samara an. Foto: Nikolay Hiznyak (Keystone)

Erste Schritte auf WM-Boden: Nach einem vierstündigen Flug kommen die Schweizer in Samara an. Foto: Nikolay Hiznyak (Keystone)

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Gerade rechtzeitig zur Landung schiebt der steife Wind die letzten Regenwolken beiseite. Die Abendsonne lässt den neuen Flughafen Samara für kurze Zeit erstrahlen und macht die kühle Ankunft bei 15 Grad für die Schweizer Nationalmannschaft etwas erträglicher. Der Sommer in Russland lässt noch auf sich warten, und auch das WM-Stimmungsbarometer hat wie die Temperatur noch Steigerungspotenzial.

Das Interesse an der WM gilt höchstens noch dem russischen Team, auf die Schweizer Auswahl hat ausser ein paar Schaulustigen an diesem Montag niemand gewartet. Einzig das brasilianische Fernsehen hat vor dem ersten Gruppenspiel eine eigene Crew für den «stärksten Gegner» abgestellt. «Wir haben vor der Schweiz den allergrössten Respekt», erklärt Sportreporter Guilherme Pereira Pinto von Globo-TV die Dringlichkeit seiner Präsenz in Toljatti.

Der Ort am üppig grünen Ufer der Wolga liegt rund eine kurvenfreie Autostunde vom Flughafen entfernt und verdankt seine Existenz zu einem grossen Teil den Lada-Werken, einer gigantischen Autoproduktion, die seit 2012 von der Renault-Nissan-Allianz geführt wird. Lada ist der Futtertrog für die über 700'000 Einwohner. Ein Fabrikarbeiter muss hier im Monat mit einem Lohn von 200 Euro auskommen, begleitet von der ständigen Sorge um den Job. «Das Geld reicht knapp zum Leben», sagt einer der Monteure aus dem Schichtbetrieb. Er verbringt den freien Tag im Einkaufszentrum und wirkt mit der bescheidenen Börse etwas verloren. Viel mehr als die Shopping-Mall hat die schönste Meile in Toljatti ­allerdings nicht zu bieten.

Stadion spartanisch, Rasen top

Mehrere Entlassungswellen bei Lada haben die Region in den vergangenen zwei Dekaden wirtschaftlich erschüttert, entsprechend dürftig sind die Mittel für die lokale Regierung, um die Infrastruktur aufzubessern. Auf Hilfe aus der Hauptstadt wartet der Finanzdirektor vergebens – Moskau ist mit einer Distanz von 1000 Kilometern nicht nur auf der Karte weit weg. Als Sinnbild für den drohenden Bankrott steht das Torpedo-Stadion, das den Schweizern nun als Trainings­anlage dienen soll. Mit bescheidenen Mitteln musste das WM-Camp innerhalb eines halben Jahres hergerichtet werden. Entsprechend schauerlich ist der Anblick der noch zu Sowjetzeiten erbauten Arena von aussen.

Immerhin hat die Fifa trotz der spartanischen Anlage dafür gesorgt, dass der Rasen höchsten Ansprüchen genügt. Im April transportierten ukrainische Arbeiter den grünen Naturteppich von Wolgograd nach Toljatti. Dort wurde er unter fachkundiger Anleitung holländischer Experten verlegt und gepflegt. «Gute Arbeit», sagt ein Vertreter der Schweizer Delegation während der Inspektion.

Einen Tag vor dem ersten Training der Schweizer fehlen nur noch die weissen Linien auf dem Feld. Das ist aber nichts, was Vladimir Petkovic in Aufregung versetzt, die grössten Baustellen sind für den Trainer behoben. «Das neue Spielfeld und die renovierte Infrastruktur gefallen mir. Und der Weg zum Training ist kurz», sagt er.

Zehn Minuten dauert die Anfahrt vom Viersternhaus am Ufer der Wolga, dem schönsten Fleck der Gegend. Idyllisch eingebettet liegt das Lada-Resort abgeschirmt auf einer Halbinsel und bietet für die prominenten Gäste aus der Schweiz am hoteleigenen Sandstrand die perfekte Erholung. Nur zum Baden ist es wirklich noch zu kalt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.06.2018, 22:50 Uhr

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