Rückwärtsrolle: Dem SFV entgleitet die Doppelbürger-Debatte

In einem Communiqué verbreitet der Fussballverband, er habe nie etwas gegen Doppelbürger gesagt. Derweil knöpft sich Granit Xhaka Generalsekretär Alex Miescher vor.

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War also alles nur ein Missverständnis? Die ganze Aufregung in den letzten drei Tagen: ein Sturm im Wasserglas? Die emotional geführte Debatte im Grenzbereich zur Hysterie: unbegründet? Die geharnischte Reaktion von Granit Xhaka: unnötig?

Am späten Samstagabend hielt der Schweizerische Fussballverband (SFV) in einem Communiqué auf seiner Webseite fest: «Vom SFV hat sich nie jemand gegen mehrfache Staatsbürgerschaften oder Doppelbürger ausgesprochen.» Und: Der Verband bedaure, sollte der Eindruck entstanden sein, er verhalte sich nicht korrekt oder diskriminierend gegenüber Doppelbürgern.

In einem Doppelinterview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet sowie der «Neuen Zürcher Zeitung» hatte Alex Miescher, Generalsekretär eben dieses SFV, allerdings klar gesagt: «Wir schaffen Probleme, wenn wir die Mehrfachnationalität ermöglichen. Nicht nur im Fussball. Man müsste sich vielleicht fragen: Wollen wir Doppelbürger?»

Mit dieser Aussage, vom SFV autorisiert, geht es Miescher im Grunde um ein Problem, dem sich der Verband immer wieder ausgesetzt sieht: dass er Spieler mit zwei Pässen an dessen andere Heimat zu verlieren droht, sobald ein erstes Aufgebot für das A-Nationalteam erfolgt. Mit dem ersten Pflichtspiel ist ein Spieler laut Fifa-Reglement gebunden. Mladen Petric, Ivan Rakitic, Izet Hajrovic oder Kerim Frei - das Schweizer Nationalteam hat in den letzten Jahren einige Spieler an andere Verbände verloren, die es teilweise bis heute schmerzen. Rakitic, vom SFV sechs Jahre lang gefördert, spielt am Mittwoch mit Kroatien um den Einzug in den WM-Final.

Strafe von 25’000 Franken pro Ausbildungsjahr

Mit seinem Vorstoss, nur noch Spieler mit einer Nationalität in die Nachwuchsauswahlen aufzunehmen, möchte Miescher diese Gefahr ein für allemal ausschliessen. «Ich finde es stossend, dass wir keinen Hebel haben. Ein solcher Spieler hat schliesslich einem anderen einen sehr wertvollen, teuren Ausbildungsplatz weggenommen», erklärt der 50-jährige Solothurner. Pro Jahr kostet die Ausbildung eines U-Nationalspielers den Verband rund 25’000 Franken.

Bislang lässt der SFV seine Junioren Vereinbarungen unterschreiben, mit der sich diese zur Schweiz bekennen und ihr Versprechen abgeben, ihr auch als A-Nationalspieler treu zu bleiben. Wie die «SonntagsZeitung» gestern berichtete, enthalten diese Vereinbarungen eine Strafklausel, wonach ein Spieler dem Verband bis zu 25’000 Franken pro Ausbildungsjahr zurückzahlen muss, wenn er sein Versprechen bricht. Wie der SFV selbst sagt, handelt es sich dabei allerdings nicht um ein rechtlich bindendes Dokument. Hansruedi Hasler, der frühere Technische Direktor, bezeichnet es als «Gentleman’s Agreement».

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Muss ein Schweizer Nationalspieler auf eine Doppelbürgerschaft verzichten?




In seinem Communiqé vom Samstagabend bekräftigt der SFV sein Vorhaben, «die Spieler schon frühzeitig für die A-Nationalmannschaft zu verpflichten» - und nennt auch weiterhin den Verzicht auf Mehrfach-Staatsbürgerschaften als Bedingung für die Förderung als Beispiel. Ein anderer Weg wäre es, die Fifa dazu zu bringen, das Alter zu senken, in dem sich ein Talent für ein einziges Land qualifiziert. Früher reichte ein U-17-Pflichtspiel, 2003 hob die Fifa diese Grenze an und verlangt seither einen Ernstkampf mit dem A-Nationalteam. Der SFV versuchte damals vergeblich, dem Fifa-Kongress die U-19 als Grenze schmackhaft zu machen. Das Ansinnen, unterstützt vom französischen und deutschen Fussballverband, scheiterte klar – unter anderem am Widerstand aus Afrika und der Balkan-Länder.

Xhaka schliesst einen Rücktritt aus der Nationalmannschaft aus

Dass der nun lancierte Vorstoss von Alex Miescher in der Öffentlichkeit Wellen schlagen wird, hat der Generalsekretär wohl geahnt. Vermutlich gewollt. Aber das Narrativ ist ihm entglitten. Davon zeugt ein deutliches Interview von Granit Xhaka mit der Nachrichtenagentur SDA. «Das geht direkt an die Adresse von mir und anderen mit zwei Nationalitäten», sagt der albanischstämmige Mittelfeldspieler. «Ich höre aus seinen Zeilen heraus, dass er Doppelbürgern nicht zutraut, für die Schweiz an die Grenzen zu gehen.» Xhaka nennt Mieschers Aussage «Unsinn» und «Steinzeitkommentar» und findet, dass er damit viele enttäuscht habe: «Drei Tage, nachdem wir in Russland eine bittere Niederlage kassiert haben, macht man so etwas einfach nicht.» Einen Rücktritt aus dem Nationalteam deswegen schliesst Xhaka allerdings aus.

Neben der Schelte erhielt Alex Miescher für seinen Vorstoss jedoch auch Unterstützung. Vorab bei rechten Politikern, die eine mehrfache Staatsbürgerschaft seit Jahren bekämpfen. Und so liess sich auch ein sportpolitisches Schwergewicht von der Idee begeistern: Jürg Stahl, SVP-Nationalrat und Präsident des Dachverbandes Swiss Olympic. Im «Blick» fordert der Zürcher, dass ein Verzicht auf die zweite Staatsbürgerschaft für alle Sportler gelten müsse, die die Schweiz an Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen vertreten wollen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.07.2018, 15:17 Uhr

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