Shaqiri: «Die Schweiz hat meiner Familie alles gegeben»

Xherdan Shaqiri hat seine Beziehung zur Schweiz in einem persönlichen Text erklärt. Er erzählt auch, wie er zum Fussballprofi wurde.

Die Schweiz hat meiner Familie alles gegeben, erklärt Xherdan Shaqiri in seinem Text in «The Players Tribune». Und: «Ich denke, die Medien missverstehen oft meine Gefühle für die Schweiz. Ich habe das Gefühl, zwei Zuhause zu haben. So einfach ist das.» (Bild: Keystone/Martin Divisek)

Die Schweiz hat meiner Familie alles gegeben, erklärt Xherdan Shaqiri in seinem Text in «The Players Tribune». Und: «Ich denke, die Medien missverstehen oft meine Gefühle für die Schweiz. Ich habe das Gefühl, zwei Zuhause zu haben. So einfach ist das.» (Bild: Keystone/Martin Divisek)

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Mit der Doppeladler-Geste haben die albanischstämmigen Spieler der Schweizer Nati wie Shaqiri eine Kontroverse losgetreten. Doch schon am Tag des Spiels Serbien – Schweiz hat der Fussballer auf «The Players Tribune» einen sehr persönlichen Text veröffentlicht, in dem er die Beziehung zur Schweiz und zum Kosovo erklärt. Weiter berichtet Shaqiri über seine Jugend, die harte Zeit in der Schweiz und die vielen Entbehrungen nach der Flucht aus dem Kosovo:

«Unser Haus hatte keine Heizung, nur ein grosses Cheminée. Es war ein wirklich altes Haus auf einem Bauernhof in Basel.» Er habe sich nie Gedanken dazu gemacht, sei bloss wie verrückt herumgerannt, um sich warmzuhalten. «Mein älterer Bruder hingegen beschwerte sich immer wegen der Kälte. Sein Zimmer war oben, weit weg vom Cheminée. Im Winter musste er sich mit fünf Decken schlafen legen.»

Seine Familie sei vor dem Krieg in die Schweiz gekommen. Damals war Xherdan vier Jahre alt. «Es war nicht einfach. Mein Vater sprach kein Schweizerdeutsch, also musste er in einem Restaurant mit dem Abwasch beginnen. Schliesslich bekam er einen Job im Strassenbau. Meine Mutter arbeitete als Reinigungskraft in Bürogebäuden der Stadt.»

Falsches Ronaldo-Trikot

Die Schweiz sei für jeden teuer, doch seine Eltern hätten es schwieriger gehabt: «Weil sie unseren Angehörigen im Kosovo viel Geld schickten. Vor dem Krieg konnten wir jedes Jahr dorthin zurückfliegen.» Doch als der Krieg begann, sei es für seine Familie unmöglich gewesen, in den Kosovo zu reisen. «Für meine Familienangehörigen war diese Zeit sehr schwierig. Sie sassen dort fest. Das Haus meines Onkels wurde niedergebrannt. Es gab viel Leid.» Sein Vater habe damals noch mehr Geld geschickt, weshalb Shaqiri und seine Brüder nie ein Taschengeld bekommen hätten, ausser vielleicht an Geburtstagen.

So hatten seine Eltern auch kein Geld, um ihm das Original-Trikot vom «richtigen Ronaldo», den er angehimmelt habe, zu kaufen. Stattdessen hätten sie einfach ein gelbes T-Shirt mit einer grünen Neun drauf besorgt. «Aber das war mir egal. Es war der glücklichste Tag meines Lebens.» Zehn Tage lang habe er es jeden Tag angezogen.

In der Schule gefehlt, um Fussball zu spielen

Weil er in den Fussball vernarrt war, sei er immer in einem Park spielen gegangen. Doch weil dieser eher im schlechten Teil der Stadt lag, habe ihn seine Mutter gebeten, nicht dahin zu gehen. Dennoch sei er gegangen. «Dort wurde richtiger Fussball gespielt. Immer wieder wurden Jungs verprügelt. Ich wurde aber nie geschlagen, weil ich meinen Mund hielt. Aber das Spielen dort hat mir geholfen, weil ich ein kleines Kind war und so gelernt habe, mit Männern zu spielen, die definitiv nicht scherzen.»

Video: Das Tor und der Jubel

Shaqiri trifft gegen Serbien in der 90. Minute zum 2:1 Schlussresultat – die nachfolgende Doppeladler-Geste hat die Fifa mit einer Geldbusse bestraft. (Video: SRF/Tamedia)

Mit 14 Jahren habe er für den FC Basel gespielt. Als er im Nike Cup in Prag spielen sollte, gab ihm sein Lehrer nicht frei. Also habe seine Mutter ihn krankgeschrieben. «Es war das erste Mal, dass Kinder von anderen Ländern mir zusahen und dachten ‹verdammt, das ist das Kind aus Basel›. Das war ein wirklich tolles Gefühl.» Als er am Montag wieder zur Schule sei, habe ihn sein Lehrer zu sich gerufen. «Er zeigte mir die Titelseite und frage: ‹Oh, du warst krank?› Zu sehen war ein Foto von mir, wie ich den Pokal hielt.»

Kein Geld für Trainingslager

Doch auch als Shaqiri ein Teenager war, habe die Familie Geldprobleme gehabt. So kam es, dass er mit 16 Jahren in ein Trainingslager nach Spanien sollte. So auch seine Brüder, die ebenfalls für den FC Basel spielten. «Es kostete um die 700 Franken», erinnert sich Shaqiri. «Mein Vater kam eines Nachts zu uns und sagte: Schaut, es ist unmöglich. Das können wir uns nicht leisten.»

Also seien seine Bruder und er losgezogen und hätten kleine Jobs angenommen. Xherdan mähte die Rasen seiner Nachbarn. Irgendwie sei das Geld zusammengekommen und sie seien nach Spanien gereist. Seine grösste Angst damals sei nicht gewesen, dass er nicht mitgehen könnte, sondern dass seine Teamkollegen herausfinden, dass sie es sich eigentlich nicht leisten könnten.

«Ich habe das Gefühl, zwei Zuhause zu haben»

Als er für die WM 2010 aufgeboten worden sei, sei es ein emotionaler Moment gewesen. «Ich ging sofort nach Hause, um es meinen Eltern zu erzählen. Sie waren so glücklich.» Sie seien so stolz gewesen, als sie ihn spielen gesehen haben. «Sie sind mit nichts in die Schweiz gekommen und haben so hart gearbeitet, um ihren Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen», sagt Shaqiri. «Ich denke, die Medien missverstehen oft meine Gefühle für die Schweiz. Ich habe das Gefühl, zwei Zuhause zu haben. So einfach ist das.»

Video: Kosovo feiert mit der Schweiz

Frenetischer Jubel für die Schweiz im Herkunftsland von Shaqiri. (Video: AFP/Tamedia)

Die Schweiz habe seiner Familie alles gegeben. «Und ich versuche, alles für die Nationalmannschaft zu geben. Aber wenn ich in den Kosovo gehe, habe ich sofort das Gefühl, zu Hause zu sein. Es ist nicht logisch, nur ein Bauchgefühl.»

Er sei bereits im Jahr 2012 kritisiert worden, als er sowohl die Flagge der Schweiz, des Kosovo und von Albanien an seinen Fussballschuhen aufsticken liess. «Für mich ist es verrückt, dass manche Leute so denken, weil es einfach meine Identität ist. Das Schöne an der Schweiz ist, dass das Land Menschen willkommen heisst, die aus Krieg und Armut kommen – und ein gutes Leben suchen.»

Die Schweiz hat Seen und Berge, hält Shaqiri fest. «Aber die Schweiz hat auch den Park, in dem ich mit den Türken, den Serben, den Albanern, den Afrikanern, den Mädchen und den deutschen Rappern gespielt habe. Die Schweiz ist für alle da.» Deshalb habe er an der WM nun sowohl die Schweizer Flagge als auch die kosovarische an seinen Schuhen. «Nicht wegen der Politik oder so. Aber weil die Flaggen die Geschichte meines Lebens erzählen.»

Übernommen von 20min.ch, bearbeitet von Tagesanzeiger.ch/Newsnet ()

Erstellt: 25.06.2018, 18:54 Uhr

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