Die Schweizer sind erstaunlich weit gekommen

Bevor sie morgen gegen Brasilien in die WM steigen: Wie gut sind die Schweizer Fussballer wirklich?

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Sie wollten schon Weltmeister werden oder Europameister. Zumindest gaben Alex Frei und Köbi Kuhn im vergangenen Jahrzehnt diese kühnen Parolen aus. Es ist nichts damit geworden, an der WM 2006 scheiterten die Schweizer auf kümmerliche Art im Achtelfinal, an der EM 2008 im eigenen Land dann waren sie nach zwei Gruppenspielen schon ausgeschieden.

«Zuerst müssen wir die Pflicht er­füllen, dann setzen wir uns keine Grenzen», sagte Ottmar Hitzfeld, als er sie nach Brasilien an die WM führte. Die ­Limiten wurden im Achtelfinal erreicht.

Schon vor vier Jahren waren die Schweizer die Nummer 6 in der Fifa-Weltrangliste. Heute sind sie es wieder. Mutig übersetzt heisst das: Sie sind ein potenzieller Viertelfinalist. Nur ist das so eine Sache mit dieser Rangliste. Sie ist nicht immer richtig nachvollziehbar.

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Am Abend des 0:0 gegen Nordirland, mit dem sich die Schweiz für die WM in Russland qualifizierte, hörte sich Vladimir Petkovic für einen Satz wie sein ­Vorgänger an. «Wir setzen uns keine ­Limiten», sagte er. Es ist ein Satz, der zum Coach passt, wenn es um dieses Turnier geht: Er bleibt gerne im Vagen, «Spiel für Spiel nehmen» ist eine Lieblingsformulierung von ihm. Er ist gut gefahren damit, er will jetzt nichts ändern, nicht vor diesen anspruchsvollen zehn Tagen mit den Spielen gegen Brasilien, Serbien und Costa Rica.

Die Schweizer haben für Abgesandte eines kleinen Fussballlandes viel erreicht, jetzt das siebte von acht Turnieren seit 2004. Sie sind selbstbewusst geworden, geprägt vom Charakter einer Generation, die ihre Wurzeln auf dem Balkan, in Afrika und in Südamerika hat, die Fussball als Mittel zum sozialen Aufstieg sieht. Und sie sind so weit gekommen, dass sie die Qualifikation für eine Endrunde als Pflicht anschauen. Sogar so weit, dass sie endlich den nächsten Schritt machen möchten, diesen berühmten nächsten Schritt in den Viertelfinal. Das ist ihr bekannter Traum.

Der Wert der mentalen Härte

«Wir können etwas leisten, was viele überrascht», hat Granit Xhaka vor einem halben Jahr gesagt. Wirklich? Können sie einen Exploit schaffen, wie er Island und Wales an der EM in Frankreich gelang? Denn es ist die Frage aller Fragen, bevor sie morgen Sonntag im heissen Rostow am Don auf Brasilien prallen: Sind sie so gut, wie sie selbst meinen?

Bislang hat ihnen gefehlt, was einen Viertelfinalisten ausmacht: Kaltblütigkeit und Kaltschnäuzigkeit, die letzte Konsequenz und das letzte Stück Klasse – all das, was besonders dann zählt, wenn es in engen Spielen um die Entscheidung geht, um das Verwerten eines Machtballes.

Letztmals war das im letzten Gruppenspiel der WM-Qualifikation in Portugal zu sehen, als Petkovics Mannschaft nicht mutig war, sondern verlor und den Unterschied zwischen Ronaldo und Shaqiri zu spüren bekam. Da verriet sie, dass sie auf dem Platz nicht die Nummer 6 der Welt sein kann. Dafür fehlt ihr die mentale Härte der ganz Grossen, fehlt ihr diese Kraft, auch letzte Widerstände zu überwinden.

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Es gibt hervorragende Spieler. Sie heissen Yann Sommer, Stephan Lichtsteiner, Ricardo Rodriguez, Granit Xhaka, Xherdan Shaqiri, es gibt einen grossartigen Kämpfer in Valon Behrami, ein Abwehrtalent in Manuel Akanji, eine solide Defensive, die in 12 der 17 Spiele seit der EM kein Tor zuliess.

Das Zusammenleben wird als harmonisch beschrieben. Behrami sagt über seine Kollegen: «Das sind gute Leute. Sie kennen ihren Platz. Jeder weiss, wann er etwas sagen darf. Das ist die neue Generation.» Gelson Fernandes bezeichnet die Nationalmannschaft «wie Sauerstoff» gerade für die Spieler, die Probleme in ihren Vereinen haben. Petkovic vermittelt ihnen Sicherheit. Schöne, heile Welt. Das ist nicht mehr so wie zu den struben Zeiten zwischen Herbst 2015 und Frühjahr 2016, als sportlich und zwischenmenschlich vieles zu klären und der Coach in seiner Rolle noch immer ein Suchender war. Damit ist ­einmal erklärt, weshalb die Schweiz in Russland ist, anders als Italien, Holland oder Österreich.

Aber für das, was nun kommt, wird in den nächsten Tagen ganz viel von Xhaka abhängen. Seit zwei Jahren ist er der Spiritus Rector dieser Gruppe. Er ist furchtlos in jeder Beziehung, er hat keine Angst, einen Fehler zu machen, und weil das bei ihm so ist, sucht er immer den Ball, er fühlt sich ohne ihn verloren. Auch hämische Kritik stoppt ihn nicht in seinem Spiel, wie sie in England auf ihn einstürzte als Angestellten von Arsenal, dem Club, der gestern seine Vertragsverlängerung bis 2024 bekannt gab. «Er ist auch für mich ein grosses Vorbild, auch wenn ich älter bin», sagt selbst Behrami. Xhaka ist gefordert wie kaum ein anderer. Er spielte eine starke EM, er muss eine noch bessere WM zeigen.

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Shaqiri ist ein Zweiter, der im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Das ist dieser Spieler, der dank seiner Kraft und Technik ganz aussergewöhnliche Qualitäten besitzt. Sein drittes Jahr bei Stoke war nun sein Bestes, es war dummerweise aber auch das schlechteste für den Verein, denn der stieg aus der Premier League ab. Im Nationalteam wird es für Shaqiri wieder einmal Zeit, dass ihm ein überzeugendes Länderspiel gelingt, eines, das seinem Ruf angemessen ist. Letztmals war das gegen Polen der Fall, das ist nun zwei Jahre her. Sein letzter Torerfolg liegt übrigens auch schon wieder ein Jahr zurück.

Mut? Oder das Pfeifen im Wald?

Die Schweiz hat das Problem, dass ihr unverändert ein Torjäger von gehobener internationaler Klasse fehlt, auf den auch in schwierigen Partien Verlass ist. «Wir sind keine Tormaschine», sagte schon Kuhn. Früher stürmte ein Alex Frei, der in jedem zweiten Spiel ein Tor erzielte. Was zwar auch noch immer nicht für einen Exploit reichte. Heute steht der grummelnde ­Haris Seferovic von der Ersatzbank Benficas in vorderster Reihe. Er ist ein arbeitsamer Angreifer, das schätzt Petkovic auch an ihm. Aber pro Spiel ein Schritt weniger, dafür ein Tor mehr, das würde einen viel besseren Wert ergeben.

Petkovic gibt sich unerschütterlich, gerade für den Match gegen Brasilien: «Probieren wir zu gewinnen! Probieren wir zu dominieren und klar im Kopf zu sein! Wir müssen zeigen, dass wir nicht nur gleichwertig sind, sondern besser.»

Mutige Worte? Oder nur das Pfeifen im Wald? Jedenfalls folgt morgen die erste eindeutige Antwort, wie gut diese Schweiz nun wirklich ist.

Erstellt: 16.06.2018, 19:12 Uhr

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