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Gavranovic hat vier Jahre gewartet

Seit letztem Freitag ist der Schweizer Offensivmann ein WM-Spieler – und seine Leistung gegen Serbien war so gut, dass er auch gegen Costa Rica stürmen sollte.

Endlich im Schuss: Mario Gavranovic macht sich daran, seine eigenen Erwartungen zu erfüllen. Foto: Victor Caivano (Keystone)
Endlich im Schuss: Mario Gavranovic macht sich daran, seine eigenen Erwartungen zu erfüllen. Foto: Victor Caivano (Keystone)

Es ist einer dieser magischen Momente, von denen es an diesem letzten Freitagabend der hochfliegenden Emotionen einige gibt. Es ist kein Tor, nicht das 1:1, nicht das 2:1, kein Dribbling wie von Maradona, nichts davon. Nur ein Pass ist es, aber was für einer: einer zum Geniessen und Staunen. Beim Nachmachen wird es schon schwieriger, weil er so schwierig zu spielen ist.

Mario Gavranovic ist der Held der Szene. Er bekommt in der eigenen Platzhälfte den Ball von Granit Xhaka, handelt sofort und spielt ihn in die Tiefe, so zentimetergenau, dass er zwischen zwei serbischen Verteidigern durchpasst und insgesamt gleich vier Gegner matt setzt. Xherdan Shaqiri kann losrennen und das Siegtor erzielen.

«Das sehe ich nicht so oft von ihm, dass er so gute Pässe spielt», sagt Shaqiri und grinst schelmisch, «einen solchen Pass aus der eigenen Platzhälfte in die Tiefe zu spielen – das ist schon sehr gut gewesen.» Es stimmt, dass Gavranovic selten solche Pässe schlägt für die Schweiz, er spielt schliesslich auch selten.

Die Rückschläge

Die Bilanz von Gavranovic im Nationalteam ist mager. Sieben Jahre und drei Monate nach seinem Debüt kommt er erst auf 585 gespielte Minuten, verteilt auf 15 Einsätze. Im Moment sieht es so aus, als würde sich daran Entscheidendes ändern. Nach seiner Leistung in der zweiten Halbzeit gegen Serbien gibt es keinen Grund für Vladimir Petkovic, ihn heute Mittwoch gegen Costa Rica wieder aus der Mannschaft zu nehmen. Gavranovic hat die Chance verdient, die Haris Seferovic schon so oft hatte und doch schon lange nicht mehr nutzte.

Zweimal war Gavranovic nahe dran, zum verlässlichen Mitglied des Nationalteams zu werden. Das erste Mal war nach dem Sommer 2012, als er bei einem Testspiel in Kroatien, ausgerechnet da, in der Heimat seiner Eltern, zwei Tore zum 4:2 beisteuerte, und als er in zwei Spielen der WM-Qualifikation nochmals zwei Tore erzielte. Doch er verlor den Anschluss wegen Muskelverletzungen.

Das zweite Mal war bei der WM in Brasilien selbst. Gavranovic war so beseelt vom Ziel, da Stammspieler zu sein, dass er alles um sich herum vergass. Er hatte nur das im Kopf, und weil das so war, kam es einmal bei einem Match des FCZ in Bern zum Eklat. Er durfte nicht spielen und war deswegen so aufgebracht, dass er auf Assistenztrainer Rizzo losging, physisch und verbal. Er wurde intern gesperrt und gebüsst. Danach galt er als unbeherrscht und egoistisch.

In Vergessenheit geraten

Die WM 14 also, er sagte: «Ich mache alles, um meinen Namen und den der Schweiz gross zu machen.» Dann kam das Turnier, und er spielte nicht, selbst gegen Honduras nicht, obschon die Partie längst gewonnen war. In der Mixed-Zone unternahm er nichts, um seinen aufgestauten Frust zu verstecken. Drei Tage später war es nicht besser. Im Training blieb er im Rasen hängen und verletzte sich schwer, das Kreuzband war gerissen.

Vier Jahre sind seither vergangen, es waren die Jahre des vergessenen Mario Gavranovic. Sein Wechsel Anfang 2016 vom FCZ nach Rijeka half auch nicht, daran etwas zu ändern. Er schoss zwar seine Tore, immerhin in jedem zweiten Spiel eines, aber das sorgte nicht gross für Aufsehen. Die kroatische Liga findet in der Schweiz kaum Beachtung.

Darum dauerte und dauerte es, bis Nationalcoach Petkovic im vergangenen Herbst wieder an Gavranovic dachte und ihn erstmals seit Brasilien aufbot. Eine Chance bekam Gavranovic schliesslich, sich rechtzeitig vor der WM beweisen zu können. Und die ergriff er Ende März, als er beim 6:0 gegen Panama ein Tor erzielte, zwei vorbereitete und mit seinem Spielverständnis glänzte.

Später sagte Petkovic, für gute Offensivspieler finde er im WM-Kader immer Platz. Er meinte Gavranovic. Und der hörte nicht auf, im Club Tore zu erzielen. Im letzten halben Jahr trug er so viel dazu bei, dass Dinamo Zagreb das Double gewann.

Der Abend gegen Serbien nun ist für ihn die Entschädigung für die letzten vier Jahre. Er würde das nicht so formulieren, vielmehr sagt er in kurzen Sätzen: «Es ist ein spezieller Moment. Es ist mein erstes Spiel an einer WM. An der letzten ist es nicht so gut gegangen. Aber heute bin ich zufrieden.»

Das tönt alles demütig, ganz nach dem Mann, der aus seiner Geschichte gelernt hat. Die Stimme passt dazu, sie ist fein, frei von harten Tönen. Er sieht inzwischen mehr das Ganze als vor allem sich selbst. Er ist, was er früher nicht unbedingt war: ein Teamplayer.

Gavranovic ist einer der vielen Spieler in dieser Schweizer Mannschaft mit Migrationshintergrund. Er ist der zweite von drei Buben kroatischer Einwanderer, geboren 1989 in Lugano, Absolvent der Sportschule Tenero, und die Mutter sagte ihm: «Du darfst nicht von zu Hause weg, bevor du die Schule beendet hast.» Dabei wollte er immer nur Fussballer werden.

Überzeugt vom eigenen Talent

Er stürmte für Lugano, Yverdon und Xamax, bis er, wie aus heiterem Himmel, Anfang 2010 zu Schalke 04 wechseln konnte. Er war 21 und ging, obschon die Konkurrenz im Sturm dort übermächtig schien. Sie hiess Raul und Klaas-Jan Huntelaar.

Furchtlos war er früh schon, überzeugt von sich und seinem Talent, sich auch dann im gegnerischen Strafraum durchsetzen zu können, wenn der Platz eng ist und die Zeit knapp. Dabei hilft ihm seine Technik und Wendigkeit, er ist kein Brocken wie Seferovic, er ist fast klein mit seinen 1,75 m. Aber er ist schlau und schnell, im Kopf und mit den Füssen. In Kaliningrad gegen Serbien beweist er das, auch wenn er bei seinem besten Moment an diesem Abend weit im Feld draussen steht.

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Wie ist das nun gewesen bei seinem genialen Pass auf Shaqiri? Gavranovic steht da und schaut aus, als wäre nichts Besonderes gewesen. Kein Strahlen, keine Mimik, nur diese Antwort: «Das Tor ist wichtig gewesen. Wir haben vier Punkte. Wir können mit mehr Ruhe ins Spiel gegen Costa Rica gehen.» Als er das sagt, weiss er noch nicht, was wegen des Doppeladlers drei Tage lang los ist.

Nur eine Frage noch: Geht er jetzt davon aus, gegen Costa Rica von Anfang an zu spielen? «Ich bin bereit. Ich möchte helfen.»

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