Glanzlose, aber glückliche Schweizer

Nach dem 2:2 gegen Costa Rica erreicht die Schweiz mit dem Achtelfinal ihr erstes Ziel. Gegen Schweden am Dienstag genügt aber eine so dürftige Leistung nicht.

Der Jubel des ersten Torschützen: Blerim Dzemaili schreit seine Emotionen in den Nachthimmel von Nischni Nowgorod hinaus. Foto: Murad Sezer (Reuters)

Der Jubel des ersten Torschützen: Blerim Dzemaili schreit seine Emotionen in den Nachthimmel von Nischni Nowgorod hinaus. Foto: Murad Sezer (Reuters)

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Die Schweizer sind da, wo sie schon 1994, 2006 und 2014 waren: Sie sind im Achtelfinal einer Weltmeisterschaft. Darüber dürfen sie sich freuen, sie sollen es auch tun. Das ist eine ehrenwerte Leistung, zumal an einem Tag, an dem mit Deutschland der Titelverteidiger bereits ausgeschieden ist.

Beim 2:2 gegen Costa Rica schaffen sie diesen einen Punkt, den sie benötigten, um vom Ergebnis von Brasilien und Serbien unabhängig zu sein. Das Remis bedeutet, dass sie ihr erstes Ziel in Russland unbesiegt erreicht haben. Und in fünf Tagen geht es daran, den nächsten Schritt zu machen.

Mit Schweden wartet allerdings eine undankbare Aufgabe, Schweden wird ein sehr zäher Gegner sein. Und nach diesem Spiel in Nischni Nowgorod ist auch klar, dass sich die Schweizer mit einer solchen Leistung keine zu grossen Hoffnungen zu machen brauchen, die Rückreise nochmals um ein paar Tage hinauszuschieben und sich ihren Traum vom Viertelfinal zu erfüllen. Sie werden dann mit einer neuen Abwehr antreten müssen. Captain Stephan Lichtsteiner und Fabian Schär sind nach ihren Gelben Karten gesperrt. Die beiden leisteten sich im Mittelfeld zwei unnötige Fouls.

An den Leibchen kann es in diesem wunderbaren Stadion vor 43'000 Zuschauern nicht liegen, die sind in vertrautem Schweizer Rot gehalten. Die Frage ist nur: Stecken da auch die Schweizer drin, die sich gegen Brasilien zu einem 1:1 gekämpft und gegen Serbien ein aufwühlendes Spiel 2:1 gewonnen haben?

Denn es gibt schnell nur noch eine Frage: Was ist bloss los mit ihnen? Und je länger der Match dauert, desto grösser und drängender wird sie. Das sind keine Schweizer, die bodenständig ihre Arbeit verrichten und ernsthaft bei der Sache sind. Sie machen nicht den Eindruck, als wären sie wegen der Ereignisse rund um den Doppeladler-Jubel noch enger zusammengerückt, noch solidarischer geworden.

Petkovics erstaunlicher Satz

Nein, das sind Schweizer, die mit ihrer Fahrlässigkeit alles in Gefahr bringen. Von gesundem Selbstbewusstsein ist nichts zu sehen. Sind sie blockiert? Nervlich überfordert? Oder sind sie überheblich, weil sie von der eigenen Stärke derart beseelt sind, dass sie glauben, es gehe alles von allein?

Ihr Auftritt in der ersten Halbzeit ist dramatisch schlecht, so schlecht wie seit vier Jahren nicht mehr, als sie an der WM in Brasilien 0:5 in Rückstand gerieten. Das Gute an diesem Match in Nischni Nowgorod ist, dass sie nicht schnell mit einem oder gar zwei Treffern zurückliegen. Die Chancen dazu gestehen sie dem Gegner mit ihren defensiven Mängeln zu. «Wir versuchten, das Spiel zu verlieren», sagt Coach Vladimir Petkovic. Es ist ein bemerkenswerter Satz.

Aber da ist wenigstens einer auf der Höhe seiner Aufgabe, Yann Sommer bestätigt, ein Torhüter der Sonderklasse zu sein. Er holt einen Schuss von Campbell aus der Ecke. Gegen Borges gelingt ihm gar eine spektakuläre Parade, als er dessen Kopfball noch an den Pfosten lenken kann. Er ist all das, was von den Kollegen draussen im Feld kaum einer für sich in Anspruch nehmen kann: Er ist bereit, auf der Höhe seiner Aufgabe. Er hat Glück, als ein Schuss von Colindres an die Latte prallt. Dafür lenkt er den Schuss von Oviedo glänzend in den Corner.

Von Petkovics Mannschaft ist offensiv nichts zu sehen, abgesehen von einem Beinschuss, der Shaqiri ganz früh geglückt ist. Eine halbe Stunde ist vorbei, als ihr ein guter Angriff gelingt, der erste des Spiels. Shaqiri öffnet für Lichtsteiner den Raum auf der rechten Seite, der Captain flankt, Embolo legt den Ball ab, und in der Mitte steht Blerim Dzemaili und wuchtet den Ball aus kurzer Distanz ins Netz, «mit dem ganzen Frust nach den letzten Spielen», sagt er später. Es ist sein erster wirklich bedeutender Treffer im Nationalteam seit bald fünf Jahren und dem 4:4 gegen Island in der WM-Qualifikation.

Auf einmal führt die Schweiz 1:0. Wenig später gibt es eine ähnliche Szene, diesmal wird Dzemailis Schuss in Corner abgelenkt. Das Resultat stellt auf den Kopf, was bisher passiert ist.

Der Schweiz fehlt auch nach der Pause die grosse spielerische Linie. Dass sie etwas weniger unter Druck ist, liegt auch am Gegner, der sein Tempo nicht mehr gleich hoch halten kann. Dann aber wird Akanji bei einem Corner weggeschubst, und Waston köpfelt den Ball zum 1:1 ins Tor.

Sie finden immer eine Antwort

Petkovic beginnt zu reagieren, er holt Behrami, einer von vier mit einer Verwarnung vorbelasteten Spielern, vom Platz und ersetzt ihn durch Zakaria. Gavranovic muss gehen, nach einer Leistung, die wenig Ertrag gebracht hat.

Drmic kommt und trifft gleich den Pfosten. Lang, der Verteidiger, ersetzt Shaqiri, den Offensivspieler, Dzemaili hat nochmals eine starke Szene, lanciert Zakaria, und dessen perfekte Hereingabe nutzt Drmic zum 2:1.

Das Resultat lässt staunen, wie die Schweizer das immer wieder machen: wie sie offenbar immer wieder eine Antwort und den erfolgreichen Abschluss finden. Costa Rica verdient sich in der Nachspielzeit noch den Ausgleich.

Dass der Elfmeter zum 2:2, den Ruiz via Sommers Hinterkopf verwertet, wenig zwingend ist, spielt für die Schweizer keine Rolle mehr. Brasilien hat seinen Teil mit dem Sieg gegen Serbien geleistet, um sie in Sicherheit zu bringen.

Erstellt: 27.06.2018, 23:07 Uhr

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