«Granit Xhaka lässt mich auf meinem Hunger sitzen»

Der frühere Nationalspieler Stéphane Henchoz erwartet mehr vom Regisseur der Schweiz – gerade morgen im Achtelfinal gegen Schweden.

Immerhin: Gegen Serbien erzielte Xhaka das wichtige 1:1. Video: Tamedia/SRF

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Wer gewinnt den Achtelfinal: die Schweiz oder Schweden?
Die Chancen stehen 50:50. Ich kann wirklich keinen Favoriten erkennen.

Wieso nicht?
Wir haben auf der einen Seite eine überraschende schwedische Mannschaft, die ich nicht auf diesem Niveau erwartet habe. Vielleicht hat sie sich selbst verblüfft. Sie spielt mit den Qualitäten, die von skandinavischen Teams bekannt sind: sehr, sehr gut organisiert, sehr solid, sehr diszipliniert, sehr kompakt, sie ist bereit, zu leiden, sie ist schwierig aus der Fassung zu bringen. Es geht bei ihr in der Defensive nicht um individuelle, sondern um kollektive Qualität. Aber wenn sie den Ball hat, macht sie oft einen guten Eindruck. Sie ist besser, als man das denkt. Das Tor gegen Deutschland ist eine Demonstration ihrer Qualitäten.

Was ist der Schlüssel für die Schweiz?
Das ist relativ einfach. Sie muss das Spiel machen, weil Schweden ziemlich tief stehen wird. Sie muss Räume finden, sie muss also das machen, was im Fussball so schwierig ist. Ist die Schweiz dazu ­fähig? Ich weiss es nicht. Und wenn Sie nach dem Schlüssel fragen: Sie darf auch keine Fehler machen. Wenn sie den Ball verloren hat, wird man ein Schweden ­sehen, das sehr schnell kontert.

Das heisst, die Schweiz darf ja nicht in Rückstand geraten.
Das wäre ein Katastrophenszenario. Was haben zum Beispiel die Deutschen gegen sie gelitten! Haben die Schweizer das offensive Potenzial der Deutschen, um ein Spiel zu drehen? Nein, ich glaube nicht.

Ist die Offensive die Schwäche der Schweiz?
Ich würde nicht von Schwäche reden, sondern von einem Fragezeichen. Die Schweiz hat mich, was das Spielerische betrifft, noch nicht überzeugt. Sie hatte gute Phasen, 30 Minuten da, 20 Minuten dort, vielleicht eine Halbzeit gegen Serbien. Und wenn ich die Testspiele in Spanien und gegen Japan nehme, habe ich offensiv noch nicht gesehen, dass die Schweiz eine grosse Mannschaft ist.

Xherdan Shaqiri ist der Offensivspieler mit dem grössten Talent . . .
. . . ja . . .

. . . hängt am Dienstag noch mehr von ihm ab als sonst schon?
Wenn er den Unterschied ganz allein machen soll, wird es sehr, sehr schwierig. Weil er kaum Räume finden wird. Wenn er einen Gegner ausgespielt hat, steht der zweite sofort bereit. Und wenn er den zweiten ausgespielt hat, steht der dritte da . . . Shaqiri braucht Spieler neben sich, die ihre Leistung steigern.


Shaqiris Siegtor

Der magische Shaqiri-Moment gegen Serbien. Video: Tamedia/SRF


Wie würden Sie die Offensive ­aufstellen, wenn Sie Trainer wären?
In der Schweiz sind wir begrenzt in der Auswahl der Spieler. Also, welche Wahl haben wir? Über Shaqiri brauchen wir nicht zu diskutieren. Der Mittelstürmer? Seferovic wird meiner Meinung nach nicht spielen. Gavranovic hat gewisse Qualitäten, aber bei ihm gibt es einen Unterschied, ob er Ersatz ist oder Stammspieler. Gegen Costa Rica, als er den Match begann, war er unsichtbar.

Er hatte in einer Stunde nur elf Bälle.
Aber der gute Angreifer macht aus elf Bällen dreimal etwas Gutes. Und wenn er sich gegen Costa Rica nicht durchsetzt, habe ich Zweifel, ob er das gegen Schweden schafft. Wer dann als Mittelstürmer? Drmic? Gegen Costa Rica hatte er zwei sehr gute Szenen. Warum also nicht er ganz vorn?

Und wer soll auf der Position der Nummer 10 spielen? Dzemaili?
Eine sehr gute Option ist Shaqiri. Auf dieser Position hätte er mehr Bälle als auf der Seite. Er fühlt sich hier auch wohl. Darüber muss Petkovic nachdenken.

Wen würden Sie dann auf den Seiten bringen?
Embolo rechts, Zuber möglicherweise links. Aber nochmals, wir sind nicht Frankreich. Wir haben keine solche Auswahl an Spielern, über die wir beinahe eine Stunde reden könnten.

Trotzdem steht die Schweiz im Achtelfinal. Sind Sie überrascht? Oder dachten Sie, dass sie dazu fähig ist?
Nach der Auslosung dachte ich: Das ist schwierig. Ich hätte nicht mein ganzes Vermögen auf die Schweiz gesetzt, dass sie weiterkommt. Von daher hat sie schon etwas Wichtiges geleistet, etwas, das nicht einfach gegeben war.

«Ich hätte nicht mein ganzes Vermögen auf die Schweiz gesetzt, dass sie weiterkommt.»

Für die Mannschaft selbst ist das nur das Minimalziel gewesen. Sie will jetzt mehr.
Umso besser. Das ist die Mentalität von Siegern. Nicht die Mentalität von kleinen Schweizern.

Wer sind für Sie ausgesprochene Siegertypen?
Nummer 1 Behrami, mit seiner Persönlichkeit und seinem Engagement. Nummer 2 Lichtsteiner, trotz allem.

Trotz allem?
Man kann sagen, was man will, man kann sagen, dass seine Leistungen durchschnittlich sind. Ja, sie sind nicht aussergewöhnlich. Aber seine Persönlichkeit macht ihn zu einem Gewinner. Und mit seiner Art zwingt er die Spieler um sich herum, seine Professionalität zu erreichen.

Also fehlt er Ihnen gegen Schweden?
Natürlich. Seine Sperre ist ein Handicap. Er fehlt wegen seiner Mentalität und auch als Spieler. Lang ist nicht schlecht, aber er hat im Nationalteam nie zum Stamm gehört. Es ist ein grosser Unterschied, als Nummer 2 keinen Druck zu haben, oder Spieler im Achtel­final einer WM zu sein. Ich habe meine Zweifel, ob er wirklich besser sein wird als Lichtsteiner. Ich kann es für die Schweiz nur hoffen.

Wir sind bei den Siegern gewesen. Wer kommt in dieser Beziehung noch? Sommer, Xhaka?
Sommer ja, weniger wegen seiner Art oder seiner Aussagen. Aber ihn mag ich sehr, als Goalie, als Persönlichkeit. Er strahlt Ruhe aus, er spielt mit Vertrauen, er gerät nicht in Panik, wenn er den Ball am Fuss hat und unter Druck gesetzt wird.

Und Xhaka?
Er ist noch immer eine halbe Enttäuschung.

Warum?
Er lässt mich auf meinem Hunger sitzen. Das ist wie im Restaurant. Du bekommst deinen Teller, alles sieht super aus. Aber kaum hast du einen Bissen im Mund, merkst du, dass es nicht das ist, was du erwartet hast.


Von Xhaka muss mehr kommen

In unserer Takitk-Analyse erklären wir, was Xhaka gegen Brasilien fehlte.


Gegen Serbien war er in der zweiten Halbzeit stark . . .
. . . aber genügt das auf drei Spiele? Nein, nicht für einen Spieler seines Niveaus. Ich erwarte mehr von ihm. Das ist mein Problem, das ich mit ihm habe.

Gibt es eine Erklärung, warum er bisher nicht der beste Xhaka ist?
Er spielt bei Arsenal, einem grossen europäischen Club. Aber hat er da den nächsten Schritt gemacht? Nicht wirklich. Ja, er spielte, unter Wenger, der ihn geholt hatte. Mit einem anderen Trainer hätte er weniger gespielt, weil er keine grossen Leistungen gezeigt hat. Er war mehr durchschnittlich als gut, das ist ähnlich bei der Schweizer Mannschaft.

«Die Schweiz im Viertelfinal? Dann kann sie davon träumen, Weltmeister zu werden.»

Dass er in der letzten Saison in der Premier League der Spieler mit den meisten Pässen war, ändert nichts an Ihrer Meinung?
Das ist eine Statistik, die mich sehr, sehr wenig interessiert. Ich könnte einen anderen Spieler auf die Position von Xhaka stellen, und er käme auf die gleiche Anzahl Pässe. Das hat mit dem Spiel von Arsenal zu tun, vor allem daheim. Viele Pässe nach links, nach rechts, über acht, zehn, zwölf Meter. Was mich aber mehr interessiert, ist ein Spieler, der mehr Verantwortung übernimmt, der das Spiel an sich reisst, der riskantere, schwierigere Pässe nach vorn schlägt, der so einen, zwei, drei Gegner ausschaltet – das möchte ich gern sehen.

So wie von Gavranovic zum 2:1 von Shaqiri gegen Serbien?
Ganz genau! Xhaka muss mehr machen, auch mental. Er darf sich nicht in seiner Komfortzone zufriedengeben. Sonst wird er nicht der Spieler, wie man das von ihm erwartet.

Was ist er nun für Sie? Trotz allem ein Siegertyp?
Ja. Wir dürfen auch nicht ins andere Extrem fallen. Wenn du kein Gewinner bist, spielst du nicht bei Arsenal. Er ist einer der drei, vier Spieler, welche die Nationalmannschaft tragen müssen.

Welchen Eindruck macht Ihnen Vladimir Petkovic?
Bis jetzt macht er einen exzellenten Job. Er ist erfolgreich im Umgang mit den unterschiedlichen Mentalitäten. Dass seine Wurzeln auch da sind, wo sie viele Spieler haben, auf dem Balkan, hat ihm sicher geholfen. Er kann die Spieler besser verstehen. Sie fühlen sich ihm nahe.

Versteht er wegen seiner Herkunft auch besser, wie Xhaka und Shaqiri gegen Serbien jubelten?
Vielleicht reagierte er so, wie ich es daheim im ersten Moment vor dem Fernseher machte.

Wie?
Ich war ein wenig schockiert, weil die Geste nicht mein Land symbolisiert. Aber dann versuchte ich, mich in ihre Position zu versetzen. Man darf nie vergessen, dass sie Menschen sind, dass sie jung sind und nicht die Erfahrung eines 60-Jährigen besitzen. Sie reagierten aus der Emotion heraus, und mit der Geschichte ihrer Eltern und den Provokationen, denen sie ausgesetzt waren, lässt sich ihre Geste verstehen.

Und Petkovic?
Als er in die Kabine zurückkam, dachte er sicher nicht, dass das super war. Er war schon am Überlegen, wie er jetzt kommunizieren will, um die Harmonie in der Mannschaft zu schützen.

Er sagte bloss, man dürfe Politik und Fussball nicht vermischen.
Sehr gut!

Holt er das Optimum aus dieser Mannschaft heraus?
Wenn man an die personellen Mittel denkt, die er hat, muss man zufrieden sein. Jetzt geht es auch für ihn wie für die Spieler darum, um einen Teil seiner Zukunft zu spielen. Der Achtelfinal ist das Minimum, das man gewollt hat. Das ist erreicht, gut, aber es bleibt das Minimum. Man muss jetzt mehr erreichen.

Und wenn die Schweiz tatsächlich in den Viertelfinal einzieht?
Dann braucht sie sich keine Grenzen mehr zu setzen. Sie kann träumen. Sie kann träumen, Weltmeister zu werden.

Die Schweiz Weltmeister – das wäre noch eine Schlagzeile.
Die U-17 hat das auch schon erreicht, 2009. Wer hätte das damals gedacht?

Erstellt: 01.07.2018, 22:01 Uhr

Stéphane Henchoz
(43) ist 72-facher Nationalspieler. Er gewann mit Liverpool den Uefa-Cup. Für das welsche Fernsehen arbeitet er als Experte, bei Xamax ist er Assistenztrainer.

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