Schreie in der stillen Stadt

Das riesige Toljatti erwacht an einer kleinen Ecke an der Wolga zum Leben, als die Schweizer Fussballer zur Einstimmung auf die WM ein öffentliches Training abhalten.

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Auf einmal ist Leben in dieser Stadt, die so anders ist als alles, was der Schweizer sonst kennt. Das Gedränge am Torpedo-Stadion von Toljatti, einen Steinwurf von der Wolga entfernt, ist gross. Energisch wird um Tickets gekämpft, die den Besuch beim Training der Schweizer Fussballer ermöglichen.

Knapp 24 Stunden sind die Gäste hier, als sie sich in ihrem abgeschotteten und bestens gesicherten Hotel aufmachen, um sich vor der lokalen Bevölkerung erstmals die Beine zu vertreten. Rund 1500 füllen die eine Tribüne, die für sie geöffnet ist, der Rest ist in blaues Tuch gehüllt, als wäre Christo hier gewesen. Um die 1500 sind nicht viel bei einer Zahl von 700'000 Einwohnern, aber wer da ist, tut das mit Freude. Einpeitscher sind mit Megafonen aufgeboten worden, um für Stimmung zu sorgen, die Jugend sagt in die Mikrofone angereister Journalisten, Rodriguez sei ihr Liebling – wegen Milan halt, wegen des Bezuges der Stadt zu Italien, die nach einem italienischen Kommunistenführer benannt ist.

«Rodriguez! Shaqiri!»

70 Minuten dauert das Training. Als es vorbei ist, kicken Spieler 40 kleine Bälle ins Publikum. Granit Xhaka geht vom Platz, ein Erster fragt ihn um ein Autogramm, und als Xhaka stehen bleibt, gibt es kein Halten mehr. Die Jugend, von Eisenzäunen zurückgehalten, bestürmt ihn lautstark.

Dann kommt Rodriguez, der seinen Namen so stoisch auf Zettel und Leibchen kritzelt, wie er normalerweise einen Elfmeter verwandelt. Xherdan Shaqiri taucht auf, «Shaqiri! Shaqiri!», Stephan Lichtsteiner kennen sie hier, auch Roman Bürki, den sie nur Burki rufen. «Die Leute freuen sich, dass wir hier sind», sagt Yann Sommer, «die Euphorie ist gross, das gibt uns viel Positives mit.»

Toljatti ist ein Aussenposten dieser WM, bei dem alles gross ist: die Fläche, auf der er sich ausbreitet; die sechsspurigen Boulevards, die auf zehn Kilometer schnurgerade angelegt sind; der Wald mitten in der Stadt; das Gelände von Autobauer und Chemie; der Fluss, der vorbeizieht und mit 3500 Kilometern noch länger ist als die Flugreise der Schweizer aus Zürich. Es ist ruhig hier an diesem 12. Juni, es ist der Tag Russlands, ein Feiertag in Putins Reich.

Bilder: Das Schweizer WM-Kader

An der EM 2004 wohnten die Schweizer in einem luxuriösen Golfhotel am Atlantik. 2006 zogen sie sich in die Vulkan­eifel zurück, 2010 wählten sie in Süd­afrika die Abgeschiedenheit von Vanderbijlpark, 2014 hatten sie in Porto Seguro ihr Quartier wieder am Meer, vor zwei Jahren an der EM entdeckten sie Montpellier. Nun also ist es Toljatti, das sie auf der Karte abhaken können.

Es ist kein Hotspot für junge, unternehmungslustige Männer. Ihr Resort liegt direkt am Fluss, «sehr idyllisch», sagt Sommer. Auf Wunsch der Schweizer ist es mit Farbe aufgefrischt worden, es gibt eine Lounge und ein verstärktes WLAN, was ein wichtiger Punkt sei für junge Menschen, wie Generalsekretär Alex Miescher sagt. Aber die Gefahr, sich hier im Nachtleben zu verlieren, ist überschaubar.

Sechs Quartiere schauten sich die Schweizer an, bevor sie das Gefühl hatten, in Toljatti das zu bekommen, was sie möchten. Der Flughafen von Samara ist nur 60 Kilometer entfernt, der Rasen im Stadion ist von bester Qualität. Der lokale Club Lada aus der 2. russischen Liga jubelt, dass er neu eine solche Unterlage hat, die erst noch von der Fifa bezahlt worden ist.

Sommers lockere Seite

Miescher hat den Spielern über Land und Leute berichtet. Vielleicht bekommen sie in ihrem behüteten Umfeld ­weniger von russischen Eigenheiten mit, davon, dass eine Tür im Stadion viermal aufgeht und das fünfte Mal eben nicht mehr, obwohl der gleiche Sicherheitsbeamte dasteht. Und wenn, wäre es kein Grund, sich darüber aufzuhalten. Ändern könnten sie es ohnehin nicht.

«Alles ist angerichtet», sagt Miescher, «jetzt gilt es, die maximale Energie auf den Platz zu bringen.» Damit das ungestört ablaufen kann, schottet Vladimir Petkovic seine Spieler von heute an auch bei den Trainings ab. Am liebsten wäre ihm sogar, es würde gar keiner mehr ­reden. Der Coach wirkt angespannt.

«Es ist eine grosse Challenge, ein solches Turnier zu spielen, gegen eine der besten Mannschaften der Welt mit einigen der besten Spieler der Welt.»Yann Sommer

Sommer zeigt sich von der lockeren Seite, als er in der abgelebten Eishalle, die als Pressezentrum dient, auf dem Podium sitzt. Der Goalie sagt: «Es ist eine grosse Challenge, ein solches Turnier zu spielen, gegen eine der besten Mannschaften der Welt mit einigen der besten Spieler der Welt.»

Er redet von Brasilien, dem Gegner am Sonntag in Rostow am Don. Alle wollen wissen, wie das nun gegen Neymar ist. Er nennt ihn einen «unglaublich ­guten Spieler». Dass die Brasilianer zu abhängig von ihm seien, das glaubt er nicht. «Auf jeder Position sticht bei ­ihnen einer heraus», betont er.

Aber wie dieser Ansammlung lauter grosser Namen begegnen? «Mit viel Power, viel Mut, viel Selbstbewusstsein», sagt Sommer, «dass wir uns etwas zutrauen, dass wir glauben, wir können ein gutes Turnier spielen. Wir haben viel Qualität, wir sind überzeugt davon.»

Erstellt: 12.06.2018, 23:11 Uhr

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