«Der Viertelfinal ist auf jeden Fall möglich»

Der frühere Nationalspieler Marcel Koller ist überaus angetan von den Schweizern – und erklärt die Probleme von Favoriten wie Argentinien und Deutschland.

Im Hoch: Die Schweizer sind nach dem Sieg gegen Serbien auf Kurs Richtung Achtelfinals. Foto: Matthias Hangst (Getty)

Im Hoch: Die Schweizer sind nach dem Sieg gegen Serbien auf Kurs Richtung Achtelfinals. Foto: Matthias Hangst (Getty)

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Im österreichischen Fernsehen (ORF) ist Marcel Koller WM-Experte in der Vorrunde – und wenn die Schweiz in Russland ihre Auftritte hat, schaut er nicht einfach emotionslos hin, dann ist er Fan. Der 55-fache Schweizer Nationalspieler traut der Mannschaft von Vladimir Petkovic zu, die Viertelfinals zu erreichen, selbst wenn der Gegner im allfälligen Achtelfinal Deutschland heissen sollte. Koller glaubt: «Den Deutschen wird die Titelverteidigung nicht gelingen.»

Wie gefällt Ihnen die Schweizer Nationalmannschaft bislang?
Sehr gut, sie ist mehr als nur im Soll. Wer erwartet gegen Brasilien schon einen Punkt? Und der Auftritt gegen Serbien war vor allem in der zweiten Halbzeit ein Nachweis dafür, wie gut diese Mannschaft funktioniert. Sie lässt sich von einem Rückstand nicht so schnell aus dem Gleichgewicht bringen. Natürlich frage ich mich, wieso die Serben nach dem 1:0 auf einmal so sorglos verteidigten und ihrem Gegner erstaunlich viel Raum gewährten. Aber uns Schweizern soll das recht sein.

Schauen Sie die Spiele primär aus der Optik des Trainers oder des Fans?
Bei den Schweizer Einsätzen bin ich eher der Fan, da bin ich mit Emotionen dabei. Es wäre auch schlecht, wenn mich das kühl liesse.

Coach Vladimir Petkovic hat erklärt, dass er mit der Schweiz mehr wolle als nur den Achtelfinal. Was trauen Sie dem Team zu?
Petkovic sagt so etwas nicht einfach ­unüberlegt oder nur, weil es gut tönt, sondern weil er davon überzeugt ist. Keiner kann das Leistungsvermögen dieser Mannschaft besser einschätzen als er. Wenn ich das Ganze von aussen ­betrachte und die Spiele der Schweizer anschaue, komme ich zum Schluss: Der Viertelfinal ist auf jeden Fall möglich.

Auch wenn es im Achtelfinal gegen Deutschland ginge?
Ja.

«Die Schweizer zeigen Effizienz, und das ist eine ihrer herausragenden Stärken.»

Was zeichnet die Schweizer aus?
Ihre hervorragende Organisation, die defensive Stabilität, ihre Geduld und die Fähigkeit, stets für ein Tor gut zu sein. Ich höre und lese immer wieder, dass es in der Offensive an Durchschlagskraft mangelt. Es fallen nicht viele Treffer, das stimmt, aber mindestens ein Tor erzielen die Schweizer meistens, und das ist dann von umso grösserer Bedeutung. Nehmen wir die letzten drei Spiele: 1:1 in Spanien, 1:1 gegen Brasilien, 2:1 gegen Serbien. Die Schweizer zeigen Effizienz, und das ist eine ihrer herausragenden Stärken.

Welchen Spieler würden Sie hervorheben?
Wenn ich mich festlegen muss, dann ist es vor allem einer: Valon Behrami. Gegen Brasilien störte und bearbeitete er Neymar pausenlos, das war ein sehr entscheidender Faktor. Was er zeigt, ist vom Feinsten. In Sachen Kampfbereitschaft geht er stets voran. Das gilt auch für die Partie gegen Serbien. Und in diesem Spiel zeigte nun auch Xherdan Shaqiri in der zweiten Hälfte das, was er wirklich kann.

Hat das Turnier bereits neue ­Erkenntnisse gebracht?
Nein, bis jetzt stelle ich keinen neuen, überraschenden Trend fest. Dafür erhalten wir die Bestätigung, dass es viel einfacher ist, zu verteidigen als anzugreifen, als kreativ zu sein und Lösungen zu finden. Das führt zu Situationen, dass Aussenseiter manchmal zu sechst die Abwehr bilden oder sogar zu zehnt verteidigen wie zeitweise die Isländer gegen Argentinien. Für die neutralen ­Zuschauer ist das zwar nicht besonders attraktiv, aber legitim aus Sicht der Mannschaften, deren Mittel sich schnell erschöpfen. Gleichzeitig ist es gefährlich für die Favoriten: Sie rennen an und riskieren, in einen Konter zu laufen. Bei Spanien - Iran gab es mehrere Momente, in denen ich dachte: Jetzt könnte es brenzlig werden für die Spanier. Ganz anders war hingegen ihre Partie gegen Portugal, einen Gegner, der sich nicht auf die Defensivarbeit beschränkte. Und schon gab es mit dem 3:3 ein Spektakel.

Grosse Favoriten bekunden ­erstaunliche Mühe. Die Brasilianer strapazieren die Nerven ihrer ­Anhänger, Deutschland noch mehr, die Argentinier liegen nach zwei Runden gar auf dem letzten Platz in ihrer Gruppe. Was ist los?
Die Brasilianer haben ihre Tore gegen Costa Rica zwar spät erzielt, aber dieses 2:0 verdient, weil sie sich in der zweiten Hälfte so viele Chancen erarbeiteten, dass das Resultat seine Logik hat. Die Deutschen hatten zwar gegen Schweden auch Probleme, aber wie sie zu zehnt ­reagierten und doch noch zum 2:1 ­kamen, das macht für mich eine grosse Mannschaft aus. Sie musste erheblich Kritik einstecken vor diesem Match, und viele andere wären daran vermutlich zerbrochen. Deutschland aber schaffte es, das wegzustecken. Das ist schon bemerkenswert. Die Art und Weise, wie dieser Sieg zustande kam, kann einiges auslösen, befreiend wirken und dafür sorgen, dass der Aufenthalt an der WM noch länger dauern wird. Allerdings glaube ich nicht, dass es zur Titelverteidigung reichen wird.

Bleiben noch die Argentinier.
Sie machen auf mich den Eindruck, ziemlich wild zu sein, unorganisiert. Vielleicht ist ihr Auftreten ein bisschen das Abbild des Trainers.

Wie meinen Sie das?
Wenn ich Jorge Sampaoli beobachte, wie er sich an der Seitenlinie nervös verhält, nehme ich das auch als Signal wahr, dass gewaltiger Druck auf ihm lastet. Und diese Nervosität kann sich auf die Mannschaft übertragen. Gegen Kroatien fehlte die Leichtigkeit, die Spieler schienen sehr schwere Beine zu haben.

Selbst Lionel Messi konnte nichts ausrichten.
Von ihm erwartet die ganze Nation, dass er Argentinien zum Triumph führt, dass der WM-Pokal nach Hause gebracht wird. Derart übersteigerte, unrealistische Erwartungen hinterlassen irgendwann selbst bei einem so Grossen wie Messi unübersehbare Spuren. Und dann ist es halt einfach auch so: Messi verschiesst gegen Island einen Penalty, am Ende schaut nur ein 1:1 heraus – und ­dadurch wird alles bereits kompliziert. Hätte er aber den Elfmeter verwertet, wäre Argentinien wohl mit einem Sieg gestartet. Das heisst auch: Messi hätte gegen Kroatien gelöster auftreten können. Stattdessen entwickelte sich alles in die falsche Richtung für die Argentinier. Und jetzt ist die Unruhe ohnehin riesig.

«Überraschungen schliesse ich nicht aus. Aber einen Sensations-Weltmeister gibts nicht.»

Der Portugiese Cristiano Ronaldo hingegen braucht Kritik derzeit nicht zu fürchten.
Er muss genauso viel aushalten wie Messi, er sollte den Europameister Portugal nun zum WM-Titel führen. Nichts anderes als das ist die Erwartung in seiner Heimat. Aber ja, er hat diese Lockerheit bereits, weil er zum Auftakt gegen Spanien alles richtig machte und seine unfassbare Klasse zeigte, als es entscheidend war. Er verwertete einen Elfmeter, erzielte noch ein Tor und wusste beim letzten Freistoss kurz vor Schluss: Jetzt muss der Ball rein, sonst verlieren wir. Er schoss das 3:3.

Wer hat Ihnen abgesehen von Ronaldo besonders imponiert?
Luka Modric. Beim 3:0 der Kroaten gegen Argentinien verrichtete er ein ­immenses Arbeitspensum im Mittelfeld und erzielte sogar noch selber ein Tor – schlicht grossartig.

Rechnen Sie noch mit der einen oder anderen Sensation an dieser WM?
Überraschungen schliesse ich nicht aus. Aber einen Sensationsweltmeister, den wird es nicht geben. Den Titel holt die Mannschaft, die über die meiste Qualität verfügt.

Erstellt: 24.06.2018, 22:41 Uhr

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