Acht Duelle, nur zwei klare Favoriten

Mit den Achtelfinals beginnt heute die WM neu. Ab sofort gibt es nach jedem Match nur noch Sieger und Gescheiterte – spätestens nach Verlängerung und Penaltyschiessen. Ein Überblick.

Hier trefen sich die Finalisten: das Olympiastadion Luschniki in Moskau. Bild: Keystone

Hier trefen sich die Finalisten: das Olympiastadion Luschniki in Moskau. Bild: Keystone

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Wer kann die Handbremse lösen? Frankreich - Argentinien

Samstag 30.06., 16 Uhr

Wenn sich die beiden Kontrahenten ihre besten Leistungen für heute aufgespart haben, dürfen wir uns auf das beste Spiel des Turniers freuen. Keiner der Achtelfinalisten blieb bisher so stark unter seinem Potenzial wie die beiden Fussball-Grossmächte. Frankreich besiegte Australien nur dank zwei Toren nach Validierung durch technologische Hilfsmittel 2:1 und sorgte beim 0:0 gegen Dänemark für die bislang einzige «Nullnummer». Noch schlechter ist Argentiniens Bilanz mit der Last-Minute-Qualifikation gegen Nigeria sowie vorher einem 1:1 gegen die Fusswerker aus Island und der 0:3-Ohrfeige gegen Kroatien.


So schiesst man einen Penalty

In der dritten Sportslab-Folge erklärt ein Sportpsychologe, wie man richtig Penaltys schiesst. Video: Fabian Sangines, Adrian Panholzer

Es kann also beidseitig nur besser werden, vor allem bei den nominell so starken Offensivreihen. Wird Didier Des­champs den Befehl geben, die Handbremse zu lösen, oder geht doch eher der intern umstrittene Jorge Sampaoli diesen Weg? Higuain, Aguero und Co. würden es ihm danken. Die Vorteile dürften beim Franzosen liegen, Herzstück des Teams auf dem Platz beim letzten WM-Titel 1998. Er kann auf Mbappé, Griezmann und Dembele zählen. Oder gibt bei den Südamerikanern sogar Lionel Messi persönlich den Befehl zum Angriff. Den Fans wäre es egal, Hauptsache die «Albiceleste» tritt erstmals auf wie ein Spitzenteam. Ob sie das kann? (mke)

Tipp: 2:1 n.V.

Grätscher, Goalgetter und der Gigant Uruguay - Portugal

30.06., 20.00 Uhr

Ein Spektakel ist zwischen Uruguay und Portugal auf den ersten Blick eher nicht zu erwarten. Zwar treffen sich einige Offensivspieler mit Weltklasseformat, doch beide Mannschaften legen Wert auf Ordnung, Disziplin, Solidarität. Anhänger der gepflegten Zweikampfkultur dürften auf ihre Kosten kommen, auf beiden Seiten wissen die Sicherheitskräfte, wie man fachgerecht dazwischengrätscht. Und so könnten die rustikalen Verteidigerveteranen Pepe und Diego Godin den Takt der Begegnung über weite Strecken vorgeben.

Andererseits besitzen die zwei Teams das Potenzial, um schwungvoll der Offensive zu huldigen. Es ist uns bis hierher gelungen, den Namen des portugiesischen Superstars nicht zu erwähnen, und das soll so bleiben. Pepes mit weitem Abstand begabtester Mitspieler ist besessen vom Ziel, auch alle Nörgler davon zu überzeugen, der beste Fussballer der Geschichte zu sein. Allerdings haben sich seine Partner im Sturm bisher noch nicht als besonders treffsicher erwiesen.

Ronaldooooo: Der Traumfreistoss gegen Spanien zum 3:3. Video: SRF

Ein prägender Moment von, Moment, Pepes Captain könnte Portugal bereits zum Sieg verhelfen. Vielleicht liefert er sich aber auch ein Torduell mit Uruguays Sturmgrössen Luis Suarez und Edinson Cavani. Falls Pepe, Godin und Abwehrkollegen zu schwerfällig grätschen. (fdr)

Tipp: 2:3

Russlands Hoffnung heisst De GeaSpanien - Russland

01.07., 16 Uhr

Schiessen, schiessen, schiessen. Die Taktik, die Russlands Trainer Stanislaw Tschertschessow seinem Team morgen mit auf den Weg geben wird, ist an Einfachheit nicht zu überbieten. Und doch dürfte darin die einzige Chance liegen, die Übermannschaft des letzten Jahrzehnts herauszufordern. Denn David De Gea war bis anhin alles, nur nicht ein Torhüter, der Ruhe vermittelt. Sechs Schüsse kamen bisher auf das spanische Tor, nur einer landete nicht im Netz.

Wie bitte? Das 2:1 für Portugal gegen Spanien nach einem Fehler De Geas. Video: SRF

Die einzige Parade gelang dem Goalie von Manchester United beim 2:2 gegen Marokko, nach 205 Minuten Einsatz. Vorher hatte er alle drei Schüsse von Cristiano Ronaldo beim 3:3 gegen Portugal passieren lassen, beim zweiten Treffer winkte er den Ball praktisch selber ins Tor. Gegen den Iran spielte er nur zu null, weil dem einzigen Tor der Perser durch den VAR die Anerkennung versagt wurde. Es war der einzige Schuss auf sein Gehäuse.

Fernando Hierro dürfte jedenfalls seine Innenverteidiger Piqué und Ramos dazu anhalten, die Risiken auf ein Minimum zu beschränken. Schützenhilfe erhalten könnte Spanien durch Russland: Nach acht Toren gegen Saudiarabien und Ägypten endete der erste Vergleich mit einem Spitzenteam ernüchternd 0:3 gegen Uruguay. (mke)

Tipp: 2:1

Der blonde Junge aus Möhlin/AGKroatien - Dänemark

01.07., 20 Uhr

Tritt man den Schweizer Nationalspielern zu nahe, wenn man feststellt: Der einzige aktive Fussballer, der als echter Weltstar gelten darf, spielt für eine andere Nation? Ivan Rakitic hatte keine einfache Zeit, als er sich 2007 gegen die Schweiz und für Kroatien entschied. Es war eine Wahl aus Verbundenheit mit seiner Familie. Viele Schweizer verstanden sie nicht, die Rakitics zogen das laufende Gesuch um Einbürgerung im aargauischen Möhlin vorerst zurück.

Als Junior wirkte Rakitic wie ein gutes Pferd: Er sprang nicht höher, als die Latte gelegt war. Sein ehemaliger U-16-Trainer beim FC Basel sagte: «Er hat geschaut: Braucht es mich, braucht es mich nicht? Wenn es ihn nicht gebraucht hat, liess er die ­anderen spielen. Sonst griff er ein.»

Aber immer, wenn die Latte höher gelegt wurde, übersprang sie Rakitic fast mühelos. Bis hin zum Gewinn der Champions League mit dem FC Barcelona 2015, als er im Final gar zum Torschützen wurde. Heute bildet Rakitic bei Kroatien zusammen mit Luka Modric ein Zentrum von Weltklasseformat.

Ex-FCB-Trainer Christian Gross lag richtig. Er stellte den damals 17-jährigen blonden Jungen aus Möhlin jeweils so vor: «Das ist Ivan ­Rakitic. Merken Sie sich den Namen. Er kann einer werden wie Paul Scholes oder Frank Lampard.» (fra)

Tipp: 2:1

Der unheimliche WM-Fluch geht weiterBrasilien - Mexiko

02.07., 16 Uhr

Das hätten die Mexikaner – nun, ja – wesentlich einfacher haben können nach den Siegen gegen Deutschland und Südkorea. Wegen der 0:3-Niederlage gegen Schweden zum Abschluss der Vorrunde treffen sie aber nicht auf die Schweiz, sondern auf Brasilien. Und benötigen ein Fussballwunder, um ihren WM-Fluch endlich überwinden zu können. Sechsmal nacheinander scheiterten sie ab 1994 im Achtelfinal, die Gegner hiessen Bulgarien, Deutschland, USA, zweimal Argentinien und Holland. Die unheimliche Serie wird ausgebaut.

Hier schiesst sich Mexiko zum Sieg über Deutschland. Video: SRF

Denn Brasilien zeigte sich zuletzt gegen Serbien beim 2:0-Sieg deutlich verbessert, Neymar erreicht langsam Betriebstemperatur, der Rekordweltmeister wird sich von den kecken Mexikanern mit Überflieger Hirving Lozano nicht überraschen lassen. Die starke Defensive mit Torhüter Alisson, den Innenverteidigern Thiago Silva und Miranda sowie Balldieb Casemiro im Aufbau ist aufmerksam. Gelingt es den Brasilianern, ihre gelegentlichen Schwächephasen, in denen das System beinahe kollabiert, abzustellen, sind sie nur schwer zu schlagen. Zumal einige wichtige Akteure wie Willian, Gabriel Jesus und der für den Achtelfinal wegen Rückenproblemen fragliche Marcelo noch Steigerungspotenzial besitzen. (fdr)

Tipp: 4:1

Das Duell der MathematikerBelgien - Japan

02.07., 20 Uhr

Japans Nationalspieler können gut rechnen. Ihre Gleichung im letzten Gruppenspiel lautete: Einmal 0:1 gegen Polen plus keine Verwarnung, einmal ein 0:1 der Senegalesen gegen Kolumbien, geteilt durch totale Spielverweigerung in den letzten Minuten = Achtelfinal.

Es war ein Hohn, wie sich die Japaner den Ball auf Höhe der Mittellinie hin und her zuschoben. Und wie die Polen tatenlos da standen. Die Japaner setzten sich so als erstes Team einer WM dank der Fairplay-Wertung durch. Aber wer das als neutraler Zuschauer über sich ergehen lassen musste, verspürte körperlichen Schmerz.

Michy Batshuayis Slapstick-Einlage. Video: SRF

Den spürte auch Michy Batshuayi nach seinem Tor gegen England, als er sich den Ball via Pfosten ins Gesicht knallte. Der belgische Stürmer wusste sofort, dass er das Internet erobert hatte. Und punktete danach mit mehreren selbstironischen Sprüchen auf Twitter. Teamkollege Axel Witsel stellte ein Foto ins Netz, auf dem sich Batshuayi an einen Pfosten lehnt und meldete: «Leute, die zwei haben es gut miteinander!»

Bloss fragte sich hinterher so mancher, ob Batshuayi auch so gut rechnen kann wie die Japaner. Wegen seines Tors könnte Belgien im Viertelfinal nämlich auf Brasilien treffen anstatt auf die Schweiz oder Schweden. (fra)

Tipp: 2:0

Schweden? Nein, SchweizSchweden - Schweiz

03.07., 16 Uhr

Wer als Schweizer im Ausland unterwegs ist, der hat die Erfahrung schon häufig gemacht. «Wo kommen Sie her?», wird er dann gefragt, er sagt «Schweiz» und bekommt als Rückmeldung: «Ah, Schweden.» Kann halt passieren, dass man zwei Länder miteinander verwechselt, die sich wenigstens im Alphabet nahe sind. Klischees erfüllen ja auch beide. Schweden hat Ikea, den Elch und Volvo, die Schweiz Uhren, Banken und Berge. Im Eishockey ist Schweden besser als die Schweiz, und es hat auch im Fussball das, wovon die Schweiz träumt. 1958 stand es im WM-Final, und in der Neuzeit wurde es einmal Dritter, 1994 in den USA. Die Schweiz braucht das nicht zu kümmern. In der Weltrangliste liegt sie auf Platz 6, Schweden taucht erst auf Platz 24 auf. Was das nun alles für den Dienstag heisst? Eigentlich nicht viel. Ausser dass die Schweiz gewinnt. (ths.)

Tipp: 0:1

Diese Bilder im KopfKolumbien - England

03.07., 20 Uhr

Im Kopf sind noch immer die Bilder vom WM-Final 1966, verschwommen auch in der Erinnerung. Die Bilder von 1979 (oder war es 1980?), dem ersten Besuch bei einem Spiel in England, im Highbury von Arsenal. Von 1989 in Anfield, als Liverpool gegen Arsenal in der allerletzten Sekunde 0:2 verlor und darum nicht Meister wurde. Von 1994, dem ersten Besuch in Newcastle, weil Marc Hottiger da spielte. Von 1996, der EM in England, als die Schweiz dem Gastgeber im Eröffnungsspiel ein 1:1 abrang. Diese Bilder und viele andere sind im Kopf nach inzwischen Dutzenden von Besuchen in England, vom Mahnmal für die Toten von Hillsborough, von Alten, denen der frühere Hooligan anzusehen war, von Old Trafford oder Plough Lane. Das sagt noch nicht, wer diesen Achtelfinal am Dienstag gewinnt. Aber die Bilder sind einfach da, wenn die Augen England lesen. (ths.)

Tipp: 1:2

Harry Kane ist vom Elfmeterpunkt eine Macht. Video: SRF

Erstellt: 29.06.2018, 23:13 Uhr

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