Brasilien, wer sonst?

In der Gruppenphase zeigte Kroatien den besten Match. Trotzdem dürfte der neue Weltmeister aus dem Kreis der verbliebenen traditionellen Favoriten kommen.

In Sachen Talent sind die Brasilianer auf einsamer Höhe (hier Paulinho) – jetzt müssen sie es umsetzen. Foto: Simon Stacpoole (Getty)

In Sachen Talent sind die Brasilianer auf einsamer Höhe (hier Paulinho) – jetzt müssen sie es umsetzen. Foto: Simon Stacpoole (Getty)

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Vor der WM waren die Favoriten schnell gewählt. Deutschland: der Titelverteidiger. Spanien: diese spielerische Klasse. Frankreich: dieses Potenzial. Brasilien: noch mehr Potenzial. Und Argentinien: Messi eben. Einer aus diesem Kreis sollte die WM gewinnen, wer auch sonst?

Zwei Wochen ist das her, und jetzt ist Deutschland an einem historischen Tiefpunkt angelangt und erstmals nach den Gruppenspielen ausgeschieden. Argentinien war gegen Nigeria vier Minuten vom K. o. entfernt.

So erlöste Rojo Argentinien. Video: SRF

Keine Mannschaft ist so gewachsen, dass sie sich bereits von allen anderen abheben würde. Gewachsen ist deshalb nur die Ungewissheit. Und die Frage: Wer kann es jetzt wirklich schaffen? Gibt es ein Dänemark wie an der EM 1992 oder ein Griechenland wie 2004?

Was ist, wenn die Schweiz endlich einmal ein K.-o.-Spiel gewinnt? Steht ihr dann schon der Himmel offen? Soll sie dann noch grösser träumen als sonst?

Die Aussenseiter

Und was ist mit Kroatien und Belgien, beide voller Talente? Kroatien gelang die beste Leistung einer Mannschaft während dieser WM überhaupt. Das war beim 3:0 gegen Argentinien, als Luka Modric und Ivan Rakitic zu verstehen gaben, weshalb sie bei Real Madrid und Barcelona unverzichtbare Kräfte sind. Wer so spielt wie Kroatien, wer dazu die Kraft von Perisic oder Mandzukic hat und das Tempo von Rebic, dem ist viel zuzutrauen. Die Kroaten müssen aber in erster Linie einen Nachweis erbringen: dass sie die Turnierhärte besitzen, um auch in kritischen Momenten zu bestehen, Momente, wie sie Deutschland 2014 hatte, wie sie jeder hat auf dem Weg zum Titel.

Das Wundertor von Modric gegen Argentinien. Video: SRF

Belgien hat De Bruyne, Hazard und Lukaku, ein Who’s who der Premier League, sie vereinen alles: Tempo und Technik, Kraft und Klasse. Dank ihnen ist das Konterspiel herausragend. Aber Belgien hat das gleiche Manko wie Kroatien. Es ist nicht in der DNA der Nationalmannschaft, wie man ein Turnier gewinnt. Und Belgien hat noch keinen grossen Gegner gehabt, der die Abwehr ernsthaft getestet hätte. Panama und Tunesien dienten bloss zum Warmlaufen, und gegen Englands B-Auswahl reichte auch die eigene B-Auswahl. Keiner weiss bereits, was wirklich in dieser Mannschaft steckt.

Wer also, wenn nicht Kroatien oder Belgien? Uruguay? Zum Titel braucht es mehr als Cavani und Suarez im Angriff. England, das nach einem Erfolg schmachtet? Dafür ist zu wenig Klasse vorhanden, wie sie Harry Kane mitbringt. Portugal? Der Europameister hat Ronaldo, und das ist schon einmal sehr viel. Aber die Mannschaft ist so abhängig von ihm, wie es sonst keine von einem einzelnen Spieler ist. Wenn er nicht trifft, beginnt ihr grosses Zittern. Gegen den Iran war sie nur um Zentimeter von der Niederlage und dem Ausscheiden entfernt.

Vielleicht bequemt sich Neymar endlich, eine Persönlichkeit zu sein.

Darum einer der Grossen als Weltmeister? Argentinien? Das kann nicht sein, nicht nach dieser beinahe traumatischen Vorrunde, diesen Auftritten gegen Island, Kroatien und Nigeria, die zwischen lamentabel und verzweifelt schwankten. Messi ist nicht der Messi von Barcelona, wo er wie in einem Biotop leben kann, er muss die Erwartungen eines ganzes Landes tragen, und vielleicht ist er auch gar nicht mehr gut genug, um das überhaupt leisten zu können. Da ist der Trainer keine Hilfe, keiner ist an dieser WM so verloren wie Jorge Sampaoli, dessen Nervosität an der Linie seine ganze Überforderung wiedergibt.

Frankreich? Spanien? Die Stärke der Franzosen drückt sich vor allem durch die Spieler aus, die es gar nicht erst ins Aufgebot von Didier Deschamps geschafft haben. Das sind Lacazette, Benzema, Rabiot, Martial und Laporte, Spieler von Arsenal, Real, PSG und aus Manchester. Die Mannschaft hat in der Vorrunde gegen Australien, Peru und Dänemark gemacht, was sie tun musste, sie hat die Pflicht erfüllt und Kräfte gespart. Wer einen Angriff hat mit Mbappé, Griezmann und Dembélé, kann viel erreichen.

Spanien? Die Krise durch die Entlassung von Julen Lopetegui ist überstanden, die Vorrunde auch. Ersatztrainer Hierro hat sich noch nicht als Meister des Coachings erwiesen und die Mannschaft noch nicht in Topform gezeigt. Gegen den Iran zitterte sie sich in der zweiten Halbzeit zum 1:0, gegen Marokko kam sie nur zu einem 2:2. Ihrem Kurzpassspiel fehlen Schärfe und Effizienz.

Und diese Schärfe und Effizienz braucht es an einer WM, wo viele Mannschaften beweisen, was sich mit taktischer Disziplin, mentaler Stabilität und ganz, ganz viel Fleiss erreichen lässt. Schweden ist ein perfektes Beispiel dafür, dass es auch ohne individuelle Extravaganz eines Zlatan Ibrahimovic geht, um zumindest einmal in den Achtelfinal gegen die Schweiz einzuziehen. Das ist kein Spektakel, aber Griechenland bot das einst auch nicht.

Unendlich viel Klasse

Wer also wird Weltmeister? Bleibt nur Brasilien als Antwort, wer sonst?

Neymars Vierfachrolle im Spiel gegen Serbien. Video: SRF

Die Abgesandten des Rekordweltmeisters haben sich Schritt für Schritt in dieses Turnier gearbeitet, gegen die Schweiz, gegen Costa Rica, gegen Serbien – sieben Punkte, ein Gegentor und unendlich viel Klasse von ganz hinten bis ganz vorn. Dass sie bislang nicht das gespielt haben, was in ihnen steckt, braucht kein schlechtes Zeichen zu sein. In der Vorrunde ist noch keiner Weltmeister geworden. In Form müssen die Brasilianer erst ab Montag sein, gegen Mexiko.

Zudem haben sie noch einen Trumpf in der Hinterhand. Der heisst Neymar. Vielleicht bequemt er sich nun, das zu spielen, was er kann, und wird wieder die Persönlichkeit, die er vor vier Jahren bei der Heim-WM war. Vergisst er seine Eitelkeiten, haben die Brasilianer auf einmal elf Spieler auf dem Platz. Und ja, wer soll sie dann noch stoppen?

Erstellt: 29.06.2018, 23:12 Uhr

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