Fussballkrawalle in Ägypten: Über 70 Tote
Krieg auf dem Spielfeld: Nach der tödlichen Gewalt bei einem ägyptischen Fussballspiel geraten die Sicherheitskräfte in die Kritik. Es ist die grösste Fussballtragödie seit 15 Jahren.
Bei Ausschreitungen nach einem Premier-League-Fussballspiel in der ägyptischen Hafenstadt Port Said sind gestern Abend nach offiziellen Angaben 71 Menschen getötet worden. Zunächst war die Zahl von 74 Opfern kursiert, die vom Gesundheitsministerium jedoch am Donnerstag nach unten korrigiert wurde. 318 Verletzte würden noch immer in Spitälern medizinisch betreut.
Nach dem 3:1-Sieg gegen den Kairoer Club al-Ahly hatten Anhänger des Port-Saider Clubs al-Masry Sekunden nach dem Abpfiff das Spielfeld gestürmt. Einige warfen mit Steinen, Feuerwerkskörpern und Flaschen. Spieler und Anhänger des Gästeklubs aus Kairo flüchteten in Panik.
Die Ausschreitungen standen nach ersten Erkenntnissen nicht mit den politischen Unruhen in Ägypten in Verbindung, zeigten aber deutlich die Unfähigkeit der Behörden, für Sicherheit im Land zu sorgen. Bereits während des Spiels hatten Fans des Gästeteams al-Ahly mit provozierenden Plakaten die Zuschauer des heimischen Vereins al-Masry gegen sich aufgebracht.
Polizei schaute zu
Nach Angaben von Augenzeugen sahen die Sicherheitskräfte der Gewalt nahezu tatenlos zu. Auch einige Spieler wurden offenbar verletzt, obwohl die Mannschaften schnell in die Kabinen gebracht wurden. Unter den Toten waren nach offiziellen Angaben aber auch mehrere Sicherheitskräfte.
Örtliche Rettungskräfte sprachen zunächst von bis zu 1000 Verletzten. Das Innenministerium erklärte später jedoch, es seien 248 Menschen verwundet worden. Die Zahl der Toten lag nach offiziellen Angaben am Abend bei 74. Die meisten von ihnen seien an Kopfverletzungen und Erstickung gestorben, sagte Hesham Sheiha vom ägyptischen Gesundheitsministerium. Die Staatsanwaltschaft ordnete sofortige Ermittlungen an. Zudem wird sich das Parlament heute Donnerstag in einer Sondersitzung mit den Krawallen befassen.
«Das war eine Terror-Atmosphäre»
«Das ist Krieg, der geplant war», wurde der Mannschaftsarzt von al-Ahly auf der Internetseite «Egypt Independent» zitiert. Der Arzt bezeichnete die Szenen als reinstes Chaos und forderte eine umgehende Untersuchung. «Das war eine Terror-Atmosphäre», sagte der Al-Ahly-Spieler Sayed Hamdi. Sein Teamkollege Mohammed Abu Trika erhob schwere Vorwürfe gegen die Polizei, die keine Anstrengungen unternommen habe, die Krawalle zu unterbinden. Nur 47 Personen sollen im Zuge der Gewaltausschreitungen am Abend festgenommen worden sein.
Auch ein führendes Mitglied der Muslimbruderschaft machte die Sicherheitskräfte für die Gewalt verantwortlich. Polizei und Streitkräfte hätten nicht eingegriffen, um Kritiker des Ausnahmezustands ruhigzustellen, sagte Essam al-Erian. Die Notstandsgesetze räumen den Sicherheitskräften weitreichende Befugnisse ein, sollen jedoch bald aufgehoben werden. «Diese Tragödie ist das Ergebnis der absichtlichen Zurückhaltung von Militär und Polizei», sagte al-Erian. Fans äusserten sich gegenüber der englischen Zeitung «Guardian» ähnlich: Die Armee habe die Sicherheitskräfte absichtlich zurückgehalten.
Krankenwagen blockiert
Der Kairo-Korrespondent des Schweizer Fernsehens berichtete in der Sendung «10vor10» Krankenwagen seien von gewissen Fans lange daran gehindert worden, ins Stadion zu fahren. Ebenso sei die Rede davon, dass die Polizei erst sehr spät und dann nur zögerlich in das Geschehen eingegriffen habe.
Wegen der dramatischen Szenen in Port Said wurden bis auf weiteres alle Fussballspiele in Ägypten abgesagt. Bei einer anderen Partie in Kairo setzten Fans aus Wut über den Spielabbruch Teile der Tribüne in Brand. Verletzt wurde dabei aber niemand.
Schlimmste Tragödie seit 15 Jahren
Im staatlichen Fernsehen wurde die Bevölkerung aufgerufen, Blut für die Verletzten zu spenden. Die Streitkräfte schickten unterdessen zwei Flugzeuge nach Port Said, um einige der besonders schwer verwundeten Opfer nach Kairo zu fliegen.
Bei den Vorfällen handelt es sich um die schlimmste Tragödie in einem Fussballstadion seit dem 16. Oktober 1996. Damals kamen bei Ausschreitungen in Guatemala bei einem WM-Qualifikationsspiel gegen Costa Rica 78 Menschen ums Leben. «Das ist ein schwarzer Tag für den Fussball», sagte Fifa-Präsident Joseph Blatter. Er sei schockiert und traurig.
AFP/dapd/sda/ami/kpn
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