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Kairo narrt RomGefoltert, getötet, verhöhnt

Der Mord am jungen italienischen Forscher Giulio Regeni bleibt wohl ungesühnt. Die Ägypter wollen nun fünf toten Gaunern den Prozess machen, die Italiener fünf Geheimdienstagenten.

Wahrheit und Gerechtigkeit für Giulio Regeni: Gedenkmarsch in Rom.
Wahrheit und Gerechtigkeit für Giulio Regeni: Gedenkmarsch in Rom.
Foto: Keystone

Fast fünf Jahre lang hat Italien mit Ägypten gerungen, hat immer neue Rechtshilfegesuche gestellt, Thesen ausgetauscht, Fährten geteilt und manchmal sogar an den aufrichtigen Willen zur Zusammenarbeit geglaubt – alles für nichts. Der Foltermord am italienischen Doktoranden Giulio Regeni im Januar 2016 in Kairo wird wohl nie so aufgeklärt werden, dass beide Seiten damit leben können. In einem dürren, gemeinsamen Communiqué, nur 31 Zeilen lang, haben die Ermittler aus Rom und Kairo nun öffentlich bekannt gegeben, dass ihre Erkenntnisse in den zentralen Punkten total auseinanderdriften. Unvereinbar, ein Bruch auf der ganzen Linie.

«Das Spiel ist aus, die Fiktion ist vorbei.»

«La Repubblica»

Die Italiener sind nach Abschluss der Ermittlung überzeugt, dass Regeni von fünf Agenten des zivilen ägyptischen Geheimdienstes verschleppt, gefoltert und ermordet wurde. Die Ägypter wiederum finden, die Indizienlage der Italiener sei zu dünn. Die Mörder, sagen sie, seien unbekannt. Die Adressen der fünf Agenten der National Security wollen sie deshalb nicht herausgeben. So können die Italiener den Verdächtigten die Akten nicht zustellen – und die Vorladung zum Verfahren. Es wird also keinen gemeinsamen Prozess geben, kein geteiltes Urteil.

«Das Spiel ist aus», schreibt die Zeitung «La Repubblica», die über die Jahre hinweg hartnäckig recherchiert hat. «Die Fiktion ist vorbei.» Und vielleicht war dieser Ausgang des emotionalen, politisch und geopolitisch brisanten Ringens immer schon der wahrscheinlichste gewesen.

«Ich gehe los», textet Giulio Regeni, dann verschwindet er

Giulio Regeni, 28 Jahre alt, verlässt am 25. Januar 2016, um 19.41 Uhr, seine Studentenwohnung am Rand von Kairo, er ist eingeladen zu einem Abendessen bei Freunden im Zentrum. Er liebt Ägypten, er spricht Arabisch, seine Studien in Cambridge will er mit einer Doktorarbeit über die unabhängige Gewerkschaft von Kairos Strassenverkäufern abrunden, ein heikles Thema: In dieser Kategorie gibt es viele Gegner des Regimes.

Regeni hat von einer britischen Stiftung 10’000 Pfund erhalten, damit er tief eintauchen kann in seine Forschungswelt. Er verbringt viel Zeit mit den ambulanten Verkäufern, manche sind vor allem am Geld des jungen Italieners interessiert. Einer hat ihn bei der Polizei verpfiffen, der Geheimdienst beschattet Regeni seit Wochen schon. Einmal sieht er eine verhüllte Frau, die ihn aus der Ferne fotografiert. Er erzählt es seinen Freunden, er ist besorgt. «Ich gehe los», textet er seiner Freundin. Dann, an der Metrostation Dokki, verschwindet er, scheinbar spurlos.

Die italienischen Medien berichten zum ersten Mal über diesen engagierten Forscher aus Triest. Sein Verschwinden alarmiert all jene, die ihn kennen. Am 3. Februar findet man Giulio Regeni tot im Graben einer Ausfallstrasse. Die ägyptischen Behörden sagen: wohl ein Unfall. In Italien wird der Leichnam obduziert, er ist völlig verstellt von Folterspuren: fünf gebrochene Zähne, eine Gehirnblutung, Brandmale von Zigaretten, sieben gebrochene Rippen, Quetschungen, Schürfungen, tiefe Schnitte – auch alle Finger, Zehen und beide Beine sind gebrochen.

«Wir sind der italienischen Regierung und der Familie des Jungen die Wahrheit schuldig.»

Abdel Fattah al-Sisi, Ägyptens Herrscher, kurz nach dem Tod

Für die Gerichtsmediziner ist Regeni an Schlägen in den Nacken gestorben, seine Halswirbel sind zertrümmert. Der ägyptische Herrscher Abdel Fattah al-Sisi sagt in einem Interview, er werde alles daran setzen, dass die Wahrheit ans Licht komme: «Das sind wir der italienischen Regierung und der Familie des Jungen schuldig.»

 Er hatte Aufklärung im Fall Regeni versprochen: Abdel Fattah al-Sisi, Präsident Ägyptens.
Er hatte Aufklärung im Fall Regeni versprochen: Abdel Fattah al-Sisi, Präsident Ägyptens.
Foto: Keystone

Am 23. März postet dann Ägyptens Innenminister auf Facebook bereits die Lösung des Falls, triumphierend: Fünf Mitglieder einer kriminellen Bande, die mit gefälschten Polizeiausweisen Touristen täuschten und ausraubten, hätten Regeni überfallen. Dessen Sachen habe man in der Wohnung des Anführers gefunden.

Sagen können die fünf Männer nichts mehr, sie sollen bei einem Schusswechsel mit der Polizei umgekommen sein. Kurz darauf wird bekannt, dass der Bandenchef an jenem 25. Januar, dem Tag des angeblichen Überfalls, gar nicht in Kairo war. Und überhaupt: Warum soll die Bande Regeni eine Woche lang festgehalten, gefoltert und getötet haben, wenn sie doch nur seine Sachen wollte?

In Italien gilt die Geschichte mit den Gaunern von Beginn an als vorsätzliche Irreführung, erst noch amateurhaft konstruiert. Man fühlt sich genarrt. Aus Protest zieht Rom seinen Botschafter aus Kairo ab, ein ganzes Jahr lang bleibt die Vertretung unbesetzt – ein starkes Zeichen, mit dem die Italiener auch wirtschaftlich einiges riskieren: Eni, der italienische Ölkonzern, hat strategische Interessen an den Öl- und Gasquellen der Ägypter. Jede Verstimmung mit Sisis Regime könnte die Konkurrenz begünstigen, etwa den französischen Konzern Total. 2018 melden sich zwei Zeugen bei den italienischen Ermittlern, es sind ehemalige Agenten. Sie erzählen, dass sie Regeni in der Woche zwischen dem 25. Januar und dem 3. Februar in zwei Gefängnissen gesehen hätten: Er wurde wohl eine ganze Woche lang gefoltert.

«Das ist eine Beleidigung unserer Intelligenz.»

Erasmo Palazzotto, Präsident der parlamentarischen Untersuchungskommission

Der Fall bewegt die Italiener. An vielen Rathäusern im Land hängen noch immer gelbe Transparente mit dem lächelnden Gesicht des jungen Mannes und dem Spruch: «Verità per Giulio Regeni», Wahrheit für Giulio Regeni. Jeder Todestag wird begangen.

Ihr Sohn kehrte im Sarg aus Ägypten zurück: Die Eltern von Giulio Regeni, Paola Deffendi (Mitte) und Claudio Regeni (rechts neben ihr), auf dem Flughafen Roma-Fiumicino.
Ihr Sohn kehrte im Sarg aus Ägypten zurück: Die Eltern von Giulio Regeni, Paola Deffendi (Mitte) und Claudio Regeni (rechts neben ihr), auf dem Flughafen Roma-Fiumicino.
Foto: Keystone

Die Initiativen sind auch Solidaritätsadressen an die Eltern, an Paola und Claudio Regeni, sie kämpfen dafür, dass ihr trauriges Schicksal nicht vergessen geht. Nach dem gemeinsamen Communiqué der Ermittler sagten sie: «In diesen fünf Jahren sind wir von den ägyptischen Behörden verhöhnt und beleidigt worden, sie haben unseren Sohn nicht nur entführt, gefoltert und getötet: Sie haben ihn danach auch noch in den Schmutz gezogen.» Für Erasmo Palazzotto, den Präsidenten der parlamentarischen Untersuchungskommission zum Fall Regeni, sind die Argumente der Ägypter eine «Beleidigung unserer Intelligenz». «Dies ist keine private Angelegenheit der Familie Regeni, sondern eine nationale, die uns alle etwas angeht», sagte er.

Nun also machen die Italiener den Agenten den Prozess – und die Ägypter den toten Gaunern, wegen Diebstahls.

6 Kommentare
    Andreas Meyer

    Wenn die Europäer als Touristen nicht mehr nach Aegypten reisen, wird sich was bewegen!