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Gross’ Engagement bei Schalke 04Gefunden: Trainer mit Charisma und Erfahrung

Der 66-jährige Zürcher soll den Tabellenletzten der Bundesliga vor dem Abstieg bewahren. Anscheinend winkt eine millionenschwere Erfolgsprämie.

Zuletzt war Christian Gross Trainer bei al-Ahli in Saudiarabien. Nun zieht es ihn zurück in die grosse Fussballwelt.
Zuletzt war Christian Gross Trainer bei al-Ahli in Saudiarabien. Nun zieht es ihn zurück in die grosse Fussballwelt.
Foto: Keystone

Die leidgeplagten Anhänger des FC Schalke 04 erhielten am ersten Weihnachtstag eine ermutigende Ansage aus dem inneren Zirkel ihres Clubs. Matthew Hoppe, 19, legte ein Bekenntnis zum Verein ab, das leidenschaftlich den alten Geist des Arbeitervereins beschwor. Bloss seine Wortwahl irritierte: «Ich bin gerade bereit, meinen Hintern für S04 zu sprengen», twitterte der junge Angreifer, der neulich sein Bundesliga-Debüt im königsblauen Trikot gegeben hatte.

Hoppe, gebürtiger Kalifornier, ist im Sommer 2019 aus den USA nach Gelsenkirchen gekommen, und obwohl Schalke 04 im just endenden Jahr einer der erfolglosesten Proficlubs auf dem gesamten Erdball war, ist der Angreifer immer noch froh und dankbar, dass er ihm angehören darf. «Wir sind einer der besten Clubs der Welt», meldete er am ersten Weihnachtstag.

Ende 2019 hätten die Millionen Schalke-Fans im Ruhrgebiet diese Aussage für eine Selbstverständlichkeit gehalten. Bis in den frühen Herbst hinein lautete der Slogan, mit dem der Stadionsprecher die Besucher bei den Heimspielen zu begrüssen pflegte: «Willkommen beim geilsten Club der Welt!» Heutzutage beweist der Stadionsprecher in Gelsenkirchen das Feingefühl, auf jegliches Selbstbeweihräuchern zu verzichten, bevor er in der gebotenen Sachlichkeit die Namen der Mannschaft verliest.

Schlimme Zeiten und heftige Skandale

Kein Schalker würde derzeit behaupten, dass sein Verein zu den Besten der Welt zählt, das musste schon der aus den USA zugereiste Matthew Hoppe übernehmen, der mit einem glühenden Glauben ausgestattet ist und sich selbst als «Jesus Footballer» bezeichnet.

Wenn Christian Gross am Sonntag seinen Dienst beim FC Schalke 04 antritt, kommt er zu einem Club, der in seiner Geschichte schon schlimme Zeiten und heftige Skandale erlebt hat, aber noch nie eine sportliche Krise von vergleichbarer Ausdehnung. Gewiss, Schalke ist in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts dreimal in die zweite Liga abgestiegen, woran auch der Bundesligaprofi Gross 1981 Anteil hatte, als er mit dem VfL Bochum 6:0 im Parkstadion gewann.

Aber die Bilanz von 2020 stellt alles in den Schatten: Das erste Punktspiel hatte der Club noch glanzvoll gewonnen, danach aber folgten 29 Bundesliga-Partien ohne Sieg. Mittlerweile macht es nicht mal mehr den Anhängern des Erzrivalen Borussia Dortmund Spass, Schalke zu verhöhnen. Der Ex-Nationalspieler und Weltmeister Kevin Grosskreutz, ein Borusse durch und durch, erklärte jetzt, er werde sich selbstverständlich über den Abstieg der «Blauen» freuen, aber er wünsche sich, dass sie dann auch schnell wieder zurückkämen.

Nun beginnt die Sondermission

Noch hat Schalke nicht amtlich erklärt, dass der 66-jährige Gross mit der Sondermission beauftragt wird, den Club vor dem Abstieg zu retten. Das liegt aber lediglich an den Umständen der Weihnachtszeit. Gesucht wurde ein Mann mit Charisma und Erfahrung, der kein Risiko fürchten muss. Dieses Profil erfüllt Gross perfekt. Angeblich soll es eine millionenschwere Erfolgsprämie geben.

Allerdings schliesst er sich bei seiner Rückkehr in den Fussball einem Verein an, der ausser an der dramatischen Finanzlage und dem sportlichen Niedergang auch an einer Führungskrise leidet. Sportvorstand Jochen Schneider, der Mann, der ihn engagierte, kommt vielen Beobachtern – auch Mitgliedern des Aufsichtsrats – überfordert vor. Andererseits verdient der 50 Jahre alte Schwabe, mit dem Gross einst beim VfB Stuttgart zusammenarbeitete, Respekt für sein Durchhaltevermögen.

Schneider hat in der Fussballbranche einen guten Ruf und viele Kontakte, ein Rücktritt würde seine Karriere kaum beeinträchtigen – ihn selbst aber von vielen Sorgen erlösen. Doch der Manager versichert, er sei «nicht so gestrickt, in so einer Situation davonzurennen». Sein Einsatz für den Verein ist auch sonst beachtlich. So spendete er im Frühjahr einer von der Pandemie getroffenen Fan-Kneipe einen stattlichen Betrag aus der privaten Brieftasche, im Sommer verzichtete er auf zehn Prozent seiner Bezüge, damit der Club einen Konditionstrainer anstellen konnte.

Chaos im Club

Mit den Cheftrainern, die er verpflichtete, hatte Schneider kein Glück. An David Wagner hielt er im Sommer fest, obwohl ausser der Punktebilanz auch weitere Anzeichen gegen den Coach sprachen – nach zwei Spieltagen der neuen Saison musste er dann doch gehen. Nachfolger Manuel Baum erwies sich bald als ungeeignet für die heterogene Schalker Spielerkabine.

Als sich die sportliche Krise zuspitzte, traf Schneider verhängnisvolle Entscheidungen. Um Baums geschwächte Autorität zu stützen, löste er den Vertrag mit Torjäger Vedad Ibisevic auf. Was der Manager nicht wusste, als er mit Ibisevic zusammensass: Angreifer Nummer eins, Goncalo Paciencia, handelte sich zur gleichen Stunde im Training eine schwere Knieverletzung ein. So hatte Schalke auf einmal keinen statt zwei Mittelstürmer. Einen Transferexperten für die Beschaffung von Ersatz hatte der Club aber auch nicht mehr: Kaderplaner Michael Reschke musste wegen Unstimmigkeiten mit Schneider gehen, die damit begonnen hatten, dass er im Sommer gegen Wagners Weiterbeschäftigung votierte.

Nein, es wird nicht leicht werden für Christian Gross. Aber sollte er nach dem US-Boy Hoppe auch anderen Spielern beibringen können, ihren Hintern für S04 zu sprengen, dann ist ein erfolgreicher Dreikampf um Platz 16 mit den Konkurrenten Bielefeld und Mainz kein Ding der Unmöglichkeit.

10 Kommentare
    Thomas Meier

    Schalke ist fussballerisch kaum schlechter als etwa Bielefeld oder Mainz.

    Das Problem der Schalker ist die andauernde Erfolgslosigkeit. Statt frei und unbeschwert kommt eine Mannschaft mit zentnerschweren Beinen aufs Feld. Die mit jeder Niederlage noch schwerer werden.

    Was jetzt gefragt ist, ist Psychologie. Die Spieler müssen nicht den Fussball neu erfinden - sie müssen den Kopf frei kriegen.

    Ob Christian Gross der richtige Mann für diese Aufgabe ist, darf bezweifelt werden. Aber zu wünschen ist es ihm.