Geliebte Gestalten

Heute, am 400. Todestag von William Shakespeare (nach dem gregorianischen Kalender) stellen wir unsere zehn Lieblingsfiguren aus seinen Werken vor.

Illustration: Klaudia Meisterhans


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Richard III.«Richard III.»

Nachdem er den Vater umgebracht hat, heiratet er die Tochter, wendet sich an das Publikum und sagt in seiner geniesserischen Art: «I will have her. But I will not keep her long.» Richard III. lügt, intrigiert und mordet sich auf den Thron, und wir sitzen im Publikum und wünschen ihm alles Gute. Shakespeare macht uns zu Mitschuldigen, weil wir Mitwisser sind. Sein Tyrann weiht uns in seine Pläne ein, und wir hören zu als schweigende Zeugen. Al Pacino hat Richard III. als geduckten Psychopathen gespielt, ruchlos und fintenreich. Man könnte ihn sich aber auch als Talkmaster vorstellen, ein Conférencier des Grauens, der unterhält und massakriert. Kevin Spacey, der ­Richard III. auch auf der Bühne spielte, kombiniert in «House of Cards» beide Seiten der Figur: Solange es läuft, ist er bestens gelaunt. Wenn sich ihm jemand entgegenstellt, wird er zur Bestie. Vermutlich war der wahre Richard III. nicht so finster, wie Shakespeare ihn darstellte. Also auch langweiliger.
 Jean-Martin Büttner

Mercutio«Romeo und Julia»

Ich war zarte acht und zum allerersten Mal in der Oper, das Zürcher Ballett unter der Ägide von Uwe Scholz selig – und der Mercutio des Abends gelockt und in seinen Strumpfhosen mindestens so knackig wie sein BFF Romeo. Das machte Eindruck. Und erst das Drama, herrje!, das losgetreten wird ausgerechnet von diesem Mercutio, der doch so ­lebensfroh ist und stets zu Scherzen aufgelegt, selbst im Todeskampf noch, den ihm Julias finsterer Cousin Tybalt beschert – und dafür dann bald seinerseits Romeos Degen spürt. Kurz: Mercutio, das ist der personifizierte Wendepunkt dieser grössten aller Liebesgeschichten, wo aus spielerischer Fehde blutsbitterer Ernst wird. Prokofjew wusste das meisterhaft zu vertonen; es stockt einem der Atem, wenn zum Schluss des ersten ­Aktes Mercutios Melodie, wie sein Puls, immer langsamer wird und sich die Instrumente, eines nach dem andern, verabschieden, bis zuletzt ein einzelnes, trauriges Fagott stottert. Kurze Stille – danach gehts nur noch abwärts, für alle.
Paulina Szczesniak

Benedick«Viel Lärm um nichts»

Es war vor einem Vierteljahrhundert, in Stratford-upon-Avon, als ich mich verliebte: Verräterisch kräuselte Zigirauch sich über dem Busch auf der Bühne nach oben und lachte leise über diesen Benedick, der glaubt, dahinter gut versteckt seine Freunde zu belauschen, und dabei in Wahrheit selbst der Reingelegte ist. In Shakespeares Geburtsstadt zeigte man damals das komödiantische Problem-Play «Much Ado About Nothing» – jenes hinreissende Gelärme über die Nichtigkeit menschlicher Wahrnehmungen und die Hohlheit menschlicher Maximen – in schönem englischem Understatement. Umso schärfer traten die Ambivalenzen hervor: Benedick ist der hochkomische, hochintelligente Spötter, der von Freiheit alles und vom andern Geschlecht nichts hält; doch nachdem er sich in die Liebe hat hineinmanipulieren lassen, steht er stramm zu ihr und verbündet sich zugleich mit der Humanität – wider Ehre, Karriere, Gesellschaft, Männerfreundschaft; und trotz seiner zögerlichen Partnerin. Ein toller Typ!
Alexandra Kedves

Lady Macbeth«Macbeth»

«Look to the Lady!», mahnt ein fürsorglicher Macduff, und Banquo wiederholt: «Seht nach der Lady!» Der Mord an ­König Duncan wurde eben entdeckt, kein Anblick, den man einer Dame zumuten möchte. Aber die Dame ist die Lady Macbeth, kein zartes Gemüt also; sie hat den Mord gewollt, aus Machtgier, mehr noch als ihr Gatte, der ihrer Ansicht nach zu voll ist «von Milch der Menschenliebe». Sie ist dafür voll von jenem Alkohol, mit dem sie die Wachen ausgeschaltet hatte: «Was sie betäubte, hat mich stark gemacht», sagt sie, und kurz: Wenn es einen richtigen Kerl gibt im Hause Macbeth, dann ist das die Lady. Allerdings greift sie nicht selbst zum Dolch, weil der schlafende Duncan sie an ihren Vater erinnert, und später zerbricht sie an dem Mord. Ganz so kalt und böse, wie sie gern wäre, ist sie also doch nicht. Aber immerhin eine der stärksten Frauenfiguren der Theatergeschichte. Und ein Vorbild für unzählige Wahn­sinnige und Schlafwandlerinnen, die nach ihr die Bühnen bevölkerten.
Susanne Kübler

Prospero«Der Sturm»

Was wurde ihm an Interpretationen nicht alles zugemutet! Prospero, der auf eine Insel verbannte Herzog, hat schon Millionen von Studenten und Professoren zu analytischen Höchstleistungen angetrieben. Ist er ein Vertriebener oder selbst ein Tyrann? Wofür steht die Insel? Wieso bringt er dem Naturwesen Caliban Sprache bei und quält ihn dann doch? Und vor allem: Ist Prospero ­William Shakespeare? Schliesslich ist «Der Sturm» des Dichters letztes Stück. Es wird deshalb vermutet, dass Shakespeare sich mit Prospero identifizierte, der gegen Ende des Stücks ja seine Zauberkräfte ablegt. Als Student habe ich an diesem Bollwerk von Sekundärliteratur freudig mitgebaut. Heute sind mir solche Fragen ziemlich egal. Mehr als alles andere liegt der Reiz von Prospero in seinen seltsamen, eindringlichen Worten. Darunter der schönste Satz, den Shakespeare je eine Figur sagen liess: «Wir sind vom Stoff, aus dem die Träume sind, und unser kleines Leben beginnt und schliesst ein Schlaf.»
Philippe Zweifel

Mark Anton«Julius Cäsar»

Nein, sympathisch zeichnet der Dichter ihn nicht. Er sei «der Lust, der Wüstheit, den Gelagen ergeben», heisst es schon früh über Caesars Liebling. Das wird ihm später in «Antonius und Cleopatra» den Garaus machen: Er lässt sich in seinem «Liebeswahnsinn» von der ägyptischen Königin am Gängelband führen, statt Roms Feinde zu bekämpfen. Hier aber, in «Julius Caesar», hat er seinen grossen Moment, wendet er mit einer einzigen Rede – so will es jedenfalls Shakespeare – die Weltgeschichte. Eben noch hat er den Verschwörern die blutigen Hände geschüttelt, jetzt, an Caesars Leichnam, hetzt er das wankelmütige Volk gegen sie auf. Wie er die huldigende Floskel «Doch Brutus ist ein ehrenwerter Mann» durch ständige Wiederholung ins Ironische wendet und schliesslich wie eine leere Hülle wegwirft, das ist raffinierte Demagogie und dramaturgisch schlicht meisterhaft, und deshalb steht diese Rede in allen Rhetorik-Lehrbüchern. Antonius hilft sie nur kurzfristig; das letzte Wort im Drama hat schon der ­spätere Weltherrscher: Octavian.
Martin Ebel

Banquo«Macbeth»

Es komme Regen, sagt Banquo, bevor ihn seine Mörder niedermachen und sinnig anmerken: «Soll er halt fallen.» Dann ist der Krieger tot, der zu Beginn des Stücks der beste Gefährte von Macbeth war und der nun als sein Gegenspieler stirbt. Da sitzt Macbeth bereits auf dem Thron, den vorigen König hat er umgebracht. Leicht einzusehen, dass auch Banquo weg muss, der die Prophezeiung von seinem Aufstieg mitgehört hat. Man kann Banquo als den Guten zeigen, als ein weiteres Opfer des Mörders Macbeth. Doch ist er nicht nur Opfer, sondern auch Komplize. Denn die Prophezeiung hat auch Fleance, seinem Sohn, den Thron vorausgesagt. Das ist das Verhängnis von Banquo, wie es sich Shakespeare grausam ausdenkt: Macbeth muss töten, und er selbst muss ­sterben, damit seine Nachkommen den Thron gewinnen. Wenn Banquo also den Gegenpart gibt zu Macbeth, dann nicht als Moralist, sondern als Opportunist. «Hast recht schlecht drum gespielt», sagt er, nachdem Macbeth den Thron besetzt hat. «Doch still, kein Wort.»
Christoph Fellmann

Julia«Romeo und Julia»

Meine unoriginelle Liebe zu der Figur von Juliet mag daher rühren, dass mir die junge Claire Danes, die im Film ­«Romeo + Juliet» von 1996 als Julia hinter dem Aquarium vorbeischwebte, noch immer lieber ist als dieser ausgereifte Irrsinn von Claire Danes in der TV-Serie «Homeland». Sie hat aber auch mit diesen Sätzen von Juliet zu tun, ­geäussert auf dem Balkon gegenüber dem recht unter­belichteten Romeo (Achtung, Original): Do not swear at all. Or, if thou wilt, swear by thy gracious self, Which is the god of my idolatry, And I’ll believe thee. Hach, der «Gott meines Götzendiensts»! Darin steckt Rhythmus und Leidenschaft und poetische Paradoxie! (Und auch andere Übersetzungen stecken drin, aber die sind mir egal.) Klar, man soll überhaupt nicht schwören (Matthäus 5, 34), denn unsere Rede soll sein: Ja, ja; nein, nein. Aber bei Juliets gnädigem Selbst: Wenn man so schwört, sag ich: ja.
Pascal Blum

Earl of Richmond«Richard III.»

Er ist Shakespeares Superheld. Sein grosser Auftritt kommt erst im letzten Akt, dann aber fegt er Krüppelkönig ­Richard III. (siehe oben) auf dem Bosworth Field hinfort. Es ist eine gut geplante, perfekt exekutierte Tat. Ein wenig erinnert seine Rede danach an eine Pressekonferenz von Roger Federer anno 2006: Den Sieg hat er souverän eingefahren, nun lässt er die Niederlage des Gegners Revue passieren. Ja, er hat den «bloody dog» eigenhändig fertig­gemacht. Aber sonst will er niemanden mehr vernichten. Er ist bescheiden und total nett, er begnadigt die Truppen des Feindes. Richard liegt noch auf dem Schlachtfeld, und schon setzt Lord Stanley dem Earl die Krone auf. Gestatten, Henry VII. Die Funktion des allzu Perfekten im Stück ist klar: Er räumt auf und restauriert die alte Ordnung. Mit seiner edlen Ansprache auf dem Schlachtfeld («peace lives again») sorgt er für einen seltsam blassen Dramaschluss. Umso wuchtiger und entsetzlicher bleibt uns Richard III. in Erinnerung, wenn wir das Theater verlassen.
Linus Schöpfer

Puck«Ein Sommernachtstraum»

Es gebe mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, heissts im «Hamlet», als sich die Schulweisheit träumen lasse – und tatsächlich ist der Luftraum bei Shakespeare dicht bevölkert mit Geistern, Kobolden und Elfen. Königin Mab tanzt in «Romeo und Julia» den Würdenträgern im Schlaf auf der Nase herum, Ariel zieht im «Sturm» für Prospero die Strippen, und dann ist eben noch er: der Puck. Den Namen teilt er mit seinem Cousin, dem Teufel. Doch Puck haftet nichts Diabolisches an, er ist das Spielprinzip in Reinstform. Und die eigentliche Hauptfigur des «Midsummer Night’s Dream». Von einer Kalamität zur andern eilend, treibt er die Handlung voran. Die anderen im Stück lieben und hassen, streben nach Macht. All diese dunklen menschlichen Leidenschaften! Shakespeare sah wie keiner in sie hinein und erkannte, welch düsterer Ort die Erde wäre ohne die trickreichen Luftgeister, ohne die Kunst.
Ewa Hess

(Erstellt: 03.05.2016, 08:12 Uhr)

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