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Zwischenfall in iranischer Atomanlage«Geparden» attackieren Atomprogramm des Iran

In einer Urananreicherungsanlage im Iran sollen Dissidenten einen Brand gelegt haben. Getroffen wurde das Kernstück des umstrittenen Nuklearprogramms.

Nach dem mutmasslichen Brandanschlag: Die beschädigte Urananreicherungsanlage in Natans (Iran).
Nach dem mutmasslichen Brandanschlag: Die beschädigte Urananreicherungsanlage in Natans (Iran).
Foto: Keystone

Die Urananreicherungsanlage von Natans gehört zu den am besten geschützten Einrichtungen im Iran. Zäune und Wachtürme umgeben den vier Quadratkilometer grossen Komplex in einem Wüstental auf halbem Weg zwischen Isfahan und der heiligen Stadt Qom, dazu Luftabwehrstellungen, die man von der nahen Strasse aus erkennen kann.

Am frühen Donnerstagmorgen hat es gebrannt in der Anlage, die als Kernstück des umstrittenen Atomprogramms der Islamischen Republik gelten kann. Nicht in den zehn Meter unter der Erde verbunkerten Hallen, in denen Tausende silbrig glänzende Zentrifugen Uran anreichern, der Stoff aus dem sich Brennstäbe für Kraftwerke herstellen lassen oder auch der Kern für eine Atombombe – einen Anreicherungsgrad von 90 Prozent vorausgesetzt. Betroffen war ein überirdisches Gebäude.

Laut der Iranischen Atomenergie-Organisation (AEOI) handelte es sich um einen in Bau befindlichen Schuppen, der noch leer stand. Der Sprecher der Behörde, Behrouz Kamalvandi, liess sich vor dem beige ausgemauerten Flachbau vom Staatsfernsehen filmen. Dieser sei «beschädigt» worden. Es habe keine Verletzten gegeben und auch keine Unterbrechung der Urananreicherung. Radioaktive Substanzen seien ebenso wenig freigesetzt worden. Experten untersuchten die Ursache des «Vorfalls», sagte er.

Es muss zur Explosion gekommen sein

Indes lassen Fotos und Videoaufnahmen des angekohlten Hauses, verbreitet von iranischen Staatsmedien, eine Explosion vermuten. Die Ziegelwände sind an mehreren Stellen ausgebeult, Metalltüren aus ihren Angeln gerissen, Teile des Blechdachs hängen über die Fassade, verrusste Träger ragen hervor. Das alles lässt sich nur mit einer Druckwelle erklären, die ihren Ausgang im Inneren des Gebäudes genommen haben muss.

Natürlich ist ein technischer Defekt als Ursache nicht auszuschliessen, allerdings dürfte das Gebäude nicht leergestanden haben, wie die Iraner behaupten. Es weist auffällige Ähnlichkeiten auf mit jenem Bau, den das unabhängige Institute for Science and International Security (ISIS) in Washington schon 2016 auf Satellitenbildern als Werkstatt identifiziert hat, in der der Iran neuartige Zentrifugen montiert und auswuchtet.

Das Atomabkommen von 2015 erlaubt dem Iran die Erforschung und Entwicklung neuer Zentrifugentypen in eng begrenztem Umfang. Das Kapitel war bei den Verhandlungen in Wien eines der am umstrittensten, weil die Effektivität dieser grazilen Maschinen massgeblich dafür ist, wie schnell der Iran theoretisch genug Uran für eine Bombe anreichern könnte. Unausgesprochenes Ziel des Deals war immer, diese Ausbruchszeit von damals wenigen Wochen auf mehr als ein Jahr zu strecken.

Bekennerschreiben an die BBC

Moderne Zentrifugen sind um ein Vielfaches leistungsfähiger als der derzeit vom Iran überwiegend eingesetzte Typ IR-1. So wären nur einige Dutzend oder Hundert solcher moderner Maschinen nötig, um schnell genug Uran für eine Bombe herzustellen – zudem liesse sich eine solche Anzahl leichter verstecken. Der Iran hat die Produktion, Montage und Erprobung neuer Zentrifugen nach dem Ausstieg der USA aus dem Atomdeal beschleunigt. Das dabei gewonnene Wissen bliebe auch erhalten, sollte der Iran den Deal wieder vollständig umsetzen, etwa wenn Joe Biden in den USA Präsident werden und das Abkommen wiederbeleben würde.

Das alles würde eine solche Einrichtung zu einem plausiblen Ziel für Sabotageaktionen machen, wenn das Ziel ist, Fortschritte im iranischen Atomprogramm zumindest zu verlangsamen. Den Verdacht bestärkt ein per E-Mail versandtes Bekennerschreiben einer bislang unbekannten Gruppe, «Geparden des Vaterlandes», die sich als Dissidenten aus dem Sicherheitsapparat bezeichnen. Darin waren Informationen über den angeblichen Angriff – etwa die betroffene Anlage. Das Schreiben ging Stunden, bevor der Vorfall im Iran öffentlich wurde, beim persischen Dienst der BBC ein. Demnach soll es weitere Attacken gegeben haben, die das Regime zu verheimlichen versuche.

Sowohl das Atom- als auch das Raketenprogramm des Iran sind in der Vergangenheit immer wieder Ziel von Sabotageaktionen amerikanischer und israelischer Geheimdienste geworden und auch im Visier einiger arabischer und westlicher Staaten.

7 Kommentare
    Sacha Meier

    Der Gepard (Acinonyx jubatus venaticus) kommt bei den üblichen Verdächtigen eigentlich nur in den Halbwüsten Israel vor (Details vgl. Wikipedia). Damit hätten sich die Urheber des Anschlags meiner Vermutung nach eigentlich geoutet. Es ist durchaus verständlich, dass Israel sehr besorgt ist, falls der Iran einmal über Nuklearwaffen verfügt. Handkehrum ist Israel auch eine de facto Nuklearmacht. Darum werden israelische Militärs und Nachrichtendienstler nach meinen bescheidenen Erfahrungen immer sehr schmallippig, wenn es etwa um das «Kernforschungszentrum Negev» in Dimona geht. Bei einer solchen Bedrohung wird die iranische Führung genug schlau sein, keine Nuklearsprengsätze gegen Israel abzufeuern, weil das ungeschriebene Gesetz des Nuklearkrieges besagt, dass jeder Nuklearangriff auch nuklear vergolten wird. Darum ist meine Einschätzung, dass die politische Lage in der Region mit einer möglicherweise künftigen Atommacht Iran deutlich stabiler wird. Gleichgewicht des Schreckens, nennt sich das. Wie das ganz genau funktioniert, hat schon der Vorgang in Nordkorea gezeigt. Ein, zwei seismographisch bestätigte Atomtests reichten - und die Lust der US-Militärs nach einem Präventivschlag gegen das Land verflüchtigte sich schneller, als Präsident Trump denken konnte.