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Nachruf auf Gertrud Leutenegger
Es ging ihr um das Durchsichtigwerden der Welt

Porträt von Gertrud Leutenegger, Schriftstellerin, die auf einer Parkbank in einem öffentlichen Park in Zürich sitzt. Sie trägt einen dunklen Anzug und hat graues, schulterlanges Haar.

Seiltänzerisch geht es zu und her bei Gertrud Leutenegger. Waghalsig, aber stilsicher erzählen ihre traumschönen Texte mit teils rätselhaften Bildern davon, wie nahe Schönheit und Schrecken beieinanderliegen und wie es die Dinge zu durchdringen gilt, um an den Kern unseres Daseins zu gelangen. Die Figuren muten sich einander zu und lassen dabei nicht selten Federn. Die Geschichten geben auch der Natur immer einen wichtigen Platz und erzählen von Gefühlszuständen und der Gleichzeitigkeit von Gegenwart und Erinnerung.

1948 wurde sie in Schwyz geboren und lebte an vielen verschiedenen Orten auf der Welt, zuletzt in Zürich. 1975 debütierte Gertrud Leutenegger mit ihrem Roman «Vorabend» und schrieb fortan mit imponierender Souveränität Gedichte, Essays, Romane und Theaterstücke.

In ihrem Debüt wandert eine Frau nachts durch Zürich, es ist der Abend vor einer Demonstration der 68er Generation, was aber gar nicht so wichtig ist. Die Erinnerungen drängen sich der Erzählerin auf wie aus einem Strudel. Es geht um Kindheit und darum, dass die Liebe gefährdet ist. Leutenegger zeigte schon da, wofür sie später von der Kritik gewürdigt wurde: Dieses assoziative Ineinanderfliessen der Zeitebenen, bis sich eine Welt aufspannt, in der es nur um die Sprache geht. Nie schrieb sie linear erzählte oder plotgetriebene Bücher, vermutlich war die Handlung nur eine Art Gerüst, in das hinein sie lyrische Bilder setzte. Gertrud Leutenegger entschied sich oft für die Ich-Perspektive, gerade um von sich selbst weg zu schreiben, wie sie sagte.

Auszeichnungen ohne grosses Publikum

Ihre Texte fanden kein breites Publikum, aber die Anerkennung der literarischen Kritik. Sie erhielt den Schillerpreis der Zürcher Kantonalbank, 2023 den Solothurner Literaturpreis und 2024 wurde sie mit dem 50’000 Franken dotierten Kunstpreis der Stadt Zürich ausgezeichnet. Ihre Bücher erschienen im Suhrkamp-Verlag- und mit «Panischer Frühling» von 2014 stand sie als einzige Schweizerin auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und war ebenfalls für den Schweizer Buchpreis nominiert.

Er spielt im Frühling 2010 in London. Die Welt ist nach dem Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull im Ausnahmezustand. Die Erzählerin lebt ganz ohne Verpflichtungen für ein halbes Jahr im East End. Sie geht durch die Strassen der Stadt, durchwandert Parks, lässt sich treiben. Im Gespräch mit einem jungen Obdachlosen begegnet sie ihren Erinnerungen und alles beginnt zu fliessen wie die Themse: Traum und Realität, Gegenwart und Vergangenheit. Das liest sich stellenweise wie ein Gesang.

Allem fern und nah sein

An einer Stelle in «Panischer Frühling» antwortet die Erzählerin auf die Frage nach ihrer Arbeit so: «Allem fern sein, um allem nah zu sein. Und beides, Ferne und Nähe, noch lange nicht durchdringend genug.» Man kann kaum anders, als diesen Satz als poetologische Aussage der Autorin selbst zu verstehen.

Wer Gertrud Leutenegger einmal begegnet ist, hatte eine feingliedrige Person mit schulterlangem Haar und immer roten Lippen vor sich. In Gesprächen war sie so lebendig und klug, zog einen sofort in ihre gescheiten Gedanken hinein. Ihr heiteres Lachen war ansteckend, und die Augen, die waren ganz jung geblieben.

Gemachte Meinungen unerwünscht

Sie hat sich nie in Debatten eingemischt. Keine Petitionen unterschrieben oder Meinungsstücke veröffentlicht. Meinungen seien etwas Fertiges, sagte Gertrud Leutenegger. Das interessiere sie nicht. Mit Sprache etwas Neues erschaffen, das wollte sie und tat es auch. Dafür hat sie sich viel Zeit genommen und im Stillen geschrieben, laute Auftritte hatte sie nicht nötig. Mit einem einzigen Bild der Wirklichkeit könne niemand leben, das sei zu eng, sagte sie einmal. Erst wenn sich mehrere imaginäre Bilder überschnitten, setze sich eine Energie frei, die nur die Sprache erzeugen könne.

Der Roman «Späte Gäste», 2020 erschienen, ist vielleicht ihr schönster. Dort stimmt eigentlich alles. Es ist der Monolog einer Frau, geschrieben in leuchtender, kühner Sprache. Die Erzählerin kehrt in ein Tessiner Dorf zurück, in dem sie früher oft Zuflucht fand, wenn sie mit ihrer Tochter von ihrem Mann wegmusste. Plötzlich kommen Migranten in dieses Dorf, und Leutenegger erzählt von Geflüchteten und vom Ankommen in der Fremde.

Es geht um Flucht, Vertriebensein und Verlust. Und es geht oft um den Tod in diesem Text und um die Versuche, ihn von sich fernzuhalten. «Dass man an so viel Stille erwachen kann, ich wusste es nicht», sagt die Erzählerin einmal.

Man kann es sich nicht wirklich erklären, aber von dieser erstaunlichen Stille in Leuteneggers Sprache wird man ganz wach und findet in der Uneindeutigkeit ihres lavierenden Erzählens Trost. Gertrud Leutenegger betonte immer wieder, es gehe ihr beim Schreiben nicht um sich selbst, sondern um das Durchsichtigwerden der Welt.

Am Freitag ist sie im Alter von 76 Jahren in Schwyz gestorben. Sie hinterlässt eine Tochter.

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