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Steinmaur statt Austin, TexasGestrandet in der Schweiz – auf unbestimmte Zeit

Anja Rutishauser wollte nur kurz ihr Visum für die USA verlängern, wo sie wohnt und forscht. Das war Anfang März. Seither steckt sie wegen der Corona-Krise in der Schweiz fest. Ihren Lebenspartner und ihren Hund hat sie deshalb seit über sechs Monaten nicht mehr gesehen.

Anja Rutishauser, Hund Alfie und Kirk Scanlan – seit sie zum letzten Mal zusammen waren, sind über sechs Monate vergangen.
Anja Rutishauser, Hund Alfie und Kirk Scanlan – seit sie zum letzten Mal zusammen waren, sind über sechs Monate vergangen.
Foto: PD

Am 21. Dezember, kurz vor Weihnachten, verabschiedet sich Anja Rutishauser von Kirk, ihrem Lebenspartner. Mit ihm ist sie seit über achteinhalb Jahren zusammen. Die beiden umarmen sich nochmals am Flughafen von Austin, Texas. Sie wissen: Es wird Monate dauern, bis sie sich wiedersehen. Rutishauser geht auf Feldforschung in die Antarktis, Kirk – selbst Geophysiker – wird in den nächsten vier Monaten auf Hund Alfie und die gemeinsame Wohnung aufpassen und weiterhin an der University of Texas arbeiten. Eine Weile getrennt zu sein, darauf waren sie vorbereitet. Doch dass sie sich Ende Juni 2020 noch immer nicht wieder in die Arme schliessen konnten, damit haben sie nicht gerechnet.

Zuerst verläuft alles nach Plan. Die 32-Jährige arbeitet zusammen mit dem Koreanischen Polarinstitut (Kopri) erfolgreich in der Antarktis zusammen und sammelt haufenweise Daten. Sie führt Radarmessungen per Helikopter am Thwaites-Gletscher durch. Der Gletscher gilt als eine der für die Veränderung des Meeresspiegels wichtigste Eismasse der Welt und schmilzt derzeit rapide.

Anfang März fliegt Rutishauser dann nicht direkt zurück in die USA, sondern zuerst in die Schweiz. Denn um auch weiterhin in den USA wohnen und forschen zu dürfen, muss sie alljährlich ihr J-1-Visum erneuern. «Da das Visum Ende März ausgelaufen wäre, machte es Sinn, es vor meiner Rückreise in die USA zu verlängern, denn der Prozess kann bis zu zwei Wochen dauern», erzählt Rutishauser.

USA machen die Grenzen dicht

Das Visum kann Rutishauser verlängern lassen – gerade noch. Denn kurz darauf schliesst die US-Botschaft in der Schweiz für Nicht-US-Bürger ihre Pforten. Und dann folgt der Hammer: Die Grenzen zu den USA werden in der Nacht auf den 14. März geschlossen. Als Schweizerin in die Staaten zu fliegen, ist – trotz gültigem Visum – nicht mehr möglich.

Für Anja Rutishauser und Kirk Scanlan ist die Nachricht der Grenzschliessung von grosser Tragweite. Seit über vier Monaten haben sie sich zum damaligen Zeitpunkt nicht mehr gesehen. Nun scheint ein Wiedersehen, eine Rückkehr in ihr gemeinsames Leben, erst recht in weite Ferne gerückt zu sein. «Die emotionale Last, die auf einem liegt, wenn man so lange voneinander getrennt ist, ist gross», sagt Rutishauser.

Also suchen die beiden nach Möglichkeiten, wie die Exil-Steinmaurerin trotzdem zurückkehren könnte. Rutishauser bucht für den 16. März einen Flug nach Kanada. Denn über den Landweg ist eine Einreise in die Staaten weiterhin möglich. Kirk bereitet sich darauf vor, während über vier Tagen insgesamt 24 Stunden mit dem Auto und Alfie an Bord nach Kanada zu fahren, um seine Lebensgefährtin abzuholen.

Doch so weit kommt es nie. Denn auch Kanada schliesst seine Grenzen – und zwar genau am 16. März. Anja Rutishauser steht schon mit Gepäck am Flughafen Zürich und muss dort umdrehen. Das Geld für den Flug ist sie auch los.

Die Ungewissheit ist besonders anstrengend

Am 22. Juni steht Anja Rutishauser wieder an einem Check-in-Schalter von Air Canada. Sie will es noch einmal probieren, nachdem die Kanadier die Einreisebestimmungen im Juni gelockert haben. Und da Kirk Kanadier ist, ist die Hoffnung gross, dass es für sie erlaubt sein könnte, zu ihm reisen zu dürfen. Doch wieder wird nichts daraus. Der Haken: Kirk wohnt derzeit nicht in Kanada.

Und somit wohnt Rutishauser aktuell weiterhin bei ihren Eltern in Steinmaur. «Es hat auch Vorteile. So sehe ich wenigstens meine Familie öfter als in den letzten sieben Jahren, in welchen ich meistens nur einmal im Jahr für ein paar Tage in der Schweiz war», sagt sie. Trotzdem sei die Situation für sie insgesamt sehr schwierig. «Es ist diese Ungewissheit, die fast am schlimmsten ist. Denn ein Ende ist nicht in Sicht. Die Einreisebestimmungen könnten sich in den nächsten 24 Stunden ändern – oder erst in Monaten.»

Aus Hoffnung wird Enttäuschung

Besonders schlimm sei es auch, sich immer wieder Hoffnung zu machen, die dann in Enttäuschung umschlägt. «Ich packe meinen Koffer und alle meine Sachen. Gehe an den Flughafen. Freue mich darauf, endlich wieder in mein Zuhause zurückkehren zu können. Kirk wiedersehen zu können und meinen Hund, der mich wahrscheinlich gar nicht mehr wiedererkennt. Und dann telefoniert der Mitarbeiter am Check-in mit den kanadischen Behörden, und es heisst, ich dürfe nicht fliegen», erzählt sie. Die Sorge um ihren Partner treibt sie besonders um.

«Es war und ist keine spassige Zeit», bestätigt Kirk in einem Gespräch per Videoanruf. Die ganze Situation sei sehr erschöpfend. «Ich vermisse Anja. Und wir haben Alfie, der auf mich angewiesen ist. Vor allem aber waren die vergangenen Wochen eine harte und einsame Zeit.» Da weder er noch Rutishauser aus den USA sind, haben sie beide keine Familie in den Staaten, mit welchen Kirk sich von Angesicht zu Angesicht austauschen könnte. «It’s just lonely» – «es ist einfach einsam», sagt der Geophysiker.

Yoga und Alfie helfen ihm

Je länger er allein in der gemeinsamen Wohnung gelebt habe, desto schwieriger sei es für ihn geworden, sich nur schon für simple Sachen wie etwa Kochen zu motivieren. «Als ich dann erfahren habe, dass Anja vielleicht während Monaten nicht zurückkehren könnte, wusste ich: Ich muss etwas ändern.» Nun kocht Kirk wieder regelmässig und macht Yoga, um sich besser konzentrieren zu können. «Und Alfie hilft mir in dieser Zeit auch sehr.»

Immerhin: Es ist nicht alles schlecht. Angst um ihre Jobs müssen sich beide derzeit nicht machen, ihre Arbeit können sie von zu Hause aus und von der Schweiz aus erledigen, auch wenn es aufgrund der siebenstündigen Zeitverschiebung zu Austin für Rutishauser manchmal schwierig ist, an Workshops und Meetings teilzunehmen. Sowohl Anja Rutishauser als auch Kirk Scanlan machen sich zudem derzeit keine ernsthaften Sorgen um das gesundheitliche Wohl des anderen. Immerhin miteinander sprechen können sie dank des Internets trotzdem. «Mit ihr zu reden, das hilft mir immer», sagt Kirk. Aber sie hüten sich beide davor, zu erwarten, dass sich ihre Situation bald ändern könnte.