Gewalt und Leidenschaft im Garten des Teufels

Krimi der Woche: «Red Grass River» vom grossen Erzähler James Carlos Blake ist ein faszinierendes Gangster-Epos aus der Gründerzeit Floridas.

Arbeitete als Schlangenfänger, Automechaniker, Swimmingpool-Wartungsmann, Gefängnisverwalter und Lehrer: James Carlos Blake. (Bild: Maria Anne Wahl)

Arbeitete als Schlangenfänger, Automechaniker, Swimmingpool-Wartungsmann, Gefängnisverwalter und Lehrer: James Carlos Blake. (Bild: Maria Anne Wahl)

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Der erste Satz
Falls sich der Teufel je einen Garten angelegt hat, dann die Everglades.

Das Buch
James Carlos Blake ist ein grosser Geschichtenerzähler aus dem Süden der USA, der mit Meistern wie Cormac McCarthy verglichen wird. Er hat bisher ein gutes Dutzend Romane geschrieben, doch «Red Grass River», im Original vor 20 Jahren erschienen, ist – nach «Das Böse im Blut» und «Pistolero» – erst der dritte, der auf Deutsch erscheint. In dem Wälzer zieht Blake einen tief in die Geschichte, in die Everglades in Florida vor rund 100 Jahren: «In diesem Schlamm finden sich Knochen, die eine Million Jahre alt sind, aber auch welche von letzter Woche. Tierknochen. Menschenknochen. Dort draussen liegen zehntausend Geschichten begraben, die ausser dem Teufel niemand kennt.»

Die Geschichte, die Blake erzählt, kennt nicht nur der Teufel. Es geht um einen historischen Banditen, der auf viel Sympathie bei der armen Bevölkerung zählen konnte: John Ashley wurde zu seinen Lebzeiten mit dem legendären Jesse James verglichen. Sein Vater brannte illegal Schnaps in den Everglades, ein gutes Geschäft, als in Miami kurz nach der Gründung der Stadt der Alkohol verboten wurde: «Natürlich hielt ein Alkoholverbot die Leute im Miami nicht vom Trinken ab, genau wie ein Atemverbot die Leute auch nicht blau anlaufen lässt – abgesehen von ein paar Idioten vielleicht.» Als landesweit die Prohibition verhängt wurde, explodierte das Schnapsgeschäft. Ashley und seine Brüder waren vor allem als Schmuggler unterwegs. Mit seiner Gang überfiel John auch Banken. Er wurde mehrfach geschnappt, brach aber immer wieder aus Gefängnissen aus.

Neben der Geschichte der Ashley-Familie zieht sich vor allem die Todfeindschaft zwischen John Ashley und Bobby Baker durch die über ein Dutzend Jahre gehende Handlung. Seit der Sohn des Schwarzbrenners dem Sohn des Sheriffs an einem Tanzabend ein Mädchen ausgespannt hatte, schwelte der Konflikt zwischen den beiden. Während John zum Gangster wurde, trat Bobby in die Fussstapfen des Vaters. Und als Polizist hatte er vor allem ein Ziel: John Ashley, der ihn auch nach der Geschichte mit dem Mädchen immer wieder blamierte, zur Strecke zu bringen.

Ausschweifend, mit Fabulierlust und viel Humor entwirft Blake ein faszinierendes Gesellschaftsbild voller Gewalt und Leidenschaft aus dem US-Süden, in dem vor 100 Jahren Pioniergeist und Gewalt Hand in Hand gingen. In der jungen, dem Sumpf abgetrotzten Stadt Miami, wurde betrogen und gemordet, getanzt und gefeiert. Und es war eine Zeit des Umbruchs. Menschen wie die Ashleys, die am Rand der Zivilisation lebten, passten immer weniger in die Zeit. Ihr Lebensraum, die Everglades, wurde mehr und mehr trockengelegt: «Manche sagten, aus dem Garten des Teufels würde in absehbarer Zeit der Parkplatz des Teufels.»

Die Wertung

Der Autor
James Carlos Blake, geboren 1947 in Tampico, Mexiko als Mexikaner in der dritten Generation mit amerikanisch-englisch-irischen Vorfahren, besuchte die Grundschule in Brownsville, Texas, und die High School in Miami, Florida. Nach seinem Dienst in der US Army Airborne («Green Berets») studierte er an der University of South Florida Tampa Bay und an der Bowling Green State University in Ohio. Er arbeitete als Schlangenfänger, Automechaniker, Swimmingpool-Wartungsmann und Gefängnisverwalter, vor allem aber als College-Lehrer. 1997 gab er den Lehrerjob auf, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Geschrieben hat er seit seiner Teenagerzeit. Sein erster Roman «Pistolero» erschien 1995 (deutsch 2015 bei Liebeskind). Auf Deutsch ist 2013 zudem eines der wichtigsten Werke Blakes, «Das Böse im Blut» (Original: «In the Rogue Blood», 1997), erschienen. «Red Grass River» war 1998 Blakes vierter Roman; insgesamt gibt es inzwischen mehr als ein Dutzend Romane von ihm. Er wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem auch in Japan und Frankreich. Heute lebt James Carlos Blake in Arizona.

James Carlos Blake: «Red Grass River» (Original: «Red Grass River», Avon Books, New York, 1998). Aus dem Englischen von Stefan Lux. Liebeskind, München, 2018. 526 S., ca. 35 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.03.2018, 09:53 Uhr

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