Gewaltorgie mit philosophischer Dimension

Krimi der Woche: «Mann am Boden» von Roger Smith ist ein unglaublicher Thriller. Unglaublich gut konstruiert und erzählt. Und unglaublich brutal.

Eine bitterböse wie brutale Geschichte, die von einer Gesellschaft handelt, in der es keine Grenzen zwischen Gut und Böse mehr gibt: «Mann am Boden» von Roger Smith.

Eine bitterböse wie brutale Geschichte, die von einer Gesellschaft handelt, in der es keine Grenzen zwischen Gut und Böse mehr gibt: «Mann am Boden» von Roger Smith. Bild: Marijan Murat/Klett-Cotta

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Der erste Satz
Eine Stunde, bevor die bewaffneten Männer kamen, stand John Turner neben seinem überdimensionalen Swimmingpool, trank Mineralwasser aus einer Flasche und beobachtete, wie die Sonne langsam über den Tucson Mountains unterging.

Das Buch
Das Jahr ist noch frisch, doch schon jetzt steht fest: Wenn wir Ende dieses Jahres auf die deutschsprachige Krimiernte 2018 zurückblicken werden, wird «Mann am Boden» von Roger Smith zumindest die Liste der härtesten Romane anführen. Aber auch auf der Bestenliste wird er weit vorne stehen.

Auf der vierten Textseite dieses nachtschwarzen Romans dringen drei maskierte und bewaffnete Männer ins Haus der Familie Turner irgendwo in Arizona ein. Die Frau will noch zum Smartphone greifen, «doch einer der grossen Männer stürmte auf sie zu und schlug ihr so fest mit dem Lauf seiner Pistole ins Gesicht, dass ihre Wange aufplatzte und eine Blutfontäne an die weisse Wand spritzte». Das ist der im Verhältnis zu dem, was folgt, recht harmlose Auftakt einer ebenso bitterbösen wie brutalen Geschichte. Sie handelt von Gewalt, von Manipulation, Missbrauch und Machtspielen, von Schuld, von einer Gesellschaft, in der es keine Grenzen zwischen Gut und Böse mehr gibt.

Der Überfall zieht sich über die gesamte Länge des Romans, dazwischen erzählt Roger Smith in Rückblenden die ganze Vorgeschichte von John Turner im Post-Apartheid-Südafrika. Es ist die Geschichte von einem «Mann, der seit der Pubertät in einer Drehtür aus Alkohol, Cannabis, Methaqualon, Kokain, LSD, Psilocyvin, Secobarbital, Amobarbital, Amphetamin, Kodein und jeder anderen denkbaren beruhigenden oder aufputschenden Substanz, die er schlucken, rauchen oder sogar spritzen konnte, gefangen gewesen war». Seine Frau Tanya ist mit ihm und ihrer Tochter «von der Grausamkeit Afrikas in ein Land geflohen, das sie verachtete». Die Ehe liegt inzwischen längst in Trümmern. Seit zehn Jahren leben sie im Süden der USA, wo Turner erfolgreich automatische Poolreiniger vertreibt, als sie von der Vergangenheit eingeholt werden und die verstörende Tragödie unaufhaltsam ihren Lauf nimmt.

Die Geschichte ist meisterhaft konstruiert. Die Handlung ist äusserst brutal, aber die Gewalt ist nicht Selbstzweck. «Die Leute tun es», begründete der südafrikanische Autor in einem Interview die exzessive Gewalt in seinen Büchern, «darum schreibe ich darüber.» So hart wie «Mann am Boden» war keiner der früheren Thriller, die fast alle auf Deutsch vorliegen. Nicht nur durch die Zitate von Philosophen wie Ralph Waldo Emerson und Jean-Paul Sartre, welche die fünf Teile des Buches einleiten, gibt Roger Smith seinem Roman eine philosophische Dimension. Nach und nach zeigt sich, dass – ausser vielleicht der Teenager-Tochter der Turners – niemand ohne Schuld ist. Das Zitat des römischen Philosophen Seneca, das Smith dem letzten Teil vorangestellt hat, fasst den blutigen Albtraum in sechs Worten messerscharf zusammen: «Jeder Schuldige ist sein eigener Henker.»

Die Wertung

Der Autor
Roger Smith, geboren 1960 in Johannesburg, war als Drehbuchautor, Regisseur und Filmproduzent tätig. Er hat seit 2009 rund zehn Romane veröffentlicht, von denen neun auf Deutsch erschienen sind (acht Titel bei Tropen), auch ein Horrorroman, den er unter dem Pseudonym Max Wilde publizierte («Schwarzes Blut», Heyne). Derzeit lebt Roger Smith in Thailand.

Roger Smith: «Mann am Boden» (Original: «Man Down», Tin Town, 2014). Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Tropen/J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart, 2018. 319 S., ca. 23 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.01.2018, 10:30 Uhr

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