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Die Frau für HochprozentigesSie macht Gin für jede Lebenslage

Barb Grossenbacher stellt im Entlebuch Gin her. Bis zur eigenen Brenn-Ecke und zum «World’s Best Gin»-Titel war es ein langer – und auch trauriger Weg. Wir haben ihre Cocktail-Tipps.

Nach vielen Litern Probe-Gin und noch mehr geernteten Pflanzen: Barbara Grossenbacher mit ihrem eigenen Gin.
Nach vielen Litern Probe-Gin und noch mehr geernteten Pflanzen: Barbara Grossenbacher mit ihrem eigenen Gin.
Foto: Stefano Schröter

Das Entlebuch: hügelig. Grün, jetzt im Sommer. Ruhig, immer. Wobei das vielleicht nicht ganz stimmt, hier im Lindenhof, einem Hotel in Ebnet LU, es steht an der Hauptstrasse, Töfffahrer machen gerne halt an der Tankstelle gegenüber. Barbara Grossenbacher – sie stellt sich als Barb vorschaut ihnen manchmal zu, ihre Destillieranlage steht am Fenster zur Strasse hinaus. Im selben Gebäude wird auch Bier gebraut. Der Name ihres Gins, Edelwhite, ist mehrdeutig. Doch sie will die Geschichte von Anfang an erzählen, unruhig rutscht sie auf einer Holzbank herum, in Jeans und T-Shirt mit Logo, und sie will dann ja auch noch zur Kräuteranbaugenossenschaft.

Mit 50 fragte sich Barb Grossenbacher: Was mache ich noch aus meinem Leben? 1980 hatte die Kanadierin beim Jobben in einem Resort in den Rocky Mountains den Schweizer Koch Fritz kennen gelernt. Nach einigem Hin und Her zog sie zu ihrer Liebe ins Entlebuch, wo sie heute noch lebt. Oder vielleicht ist es auch umgekehrt: wo sie das Entlebuch lebt. Denn ihre Wahlheimat ist die Hauptzutat in ihrem Gin, im übertragenen Sinne und auch ein wenig in echt: Im Edelwhite werden 27 Kräuter verarbeitet, Wurzeln, Rinden, Blätter, Beeren und Früchte. 14 davon aus der Umgebung. Gin war die Antwort auf ihre Frage.

100 Versuche

Vorher hatte Barb Grossenbacher mit ihrem Mann zwei Hotels geführt, zwanzig Jahre lang den Landgasthof Drei Könige in Entlebuch und zehn das Kurhaus Heiligkreuz in Hasle, wo sie wohnt. Sie liess sich zur Weinakademikerin ausbilden, zuerst auf Deutsch, dann auf Englisch. Als Abschlussarbeit für den Wine and Spirit Education Trust wollte sie einen Gin herstellen – weil das Entlebuch eine lange Destilliertradition hatte, sagt sie, aber noch keinen Gin. Und der kam gerade wieder in Mode.

Hauptbestandteil von Gin ist Wacholder. Welche Noten sonst noch herauszuschmecken sind, hängt von den Pflanzen ab, die mitdestilliert werden, man nennt sie Botanicals. Bei der Auswahl dieser Kräuter half eine Kollegin, Sandra Limacher, eine Heilpflanzenfrau mit eigenem Garten. «Nach ungefähr 100 Versuchen zu einem halben Liter hatten wir eine Rezeptur, mit der wir zufrieden waren», sagt Barb Grossenbacher.

Bunt und regional: Blumenblüten für Barb Grossenbachers Gin.
Bunt und regional: Blumenblüten für Barb Grossenbachers Gin.
Foto: Stefano Schröter

Sie hat Tränen in den Augen, als sie es erzählt. Sandra Limacher starb vor einem Jahr an Brustkrebs. An dem Tag, an dem das Edelwhite-Team Bescheid erhielt, dass sein Gin den «World’s Best Gin»-Titel gewonnen hatte. Ein durchaus prestigeträchtiger Titel: An der International Wine and Spirits Competition entscheidet eine 400-köpfige Jury darüber, welche der 600 Produzenten aus 70 Ländern einen Preis erhalten. Viele sind es nicht. Und zum ersten Mal überhaupt ging die Auszeichnung in die Schweiz. Ihrer Freundin hat Barb Grossenbacher versprochen, dass es weitergehen würde mit Edelwhite. Sie hielt Wort.

Angefangen hatte es ja auch damit, dass die beiden Gin-Frauen den Lokalbrenner Bruno Limacher engagiert hatten. Wo dieser sich aufhält, sei immer einfach auszumachen: bei dem Bauernhof, wo Rauch aufsteigt und bei dem es nach Brennen riecht. Jedenfalls: Dieser erste Brandeigentlich für Familie und Freunde – kam so gut an, dass Barb Grossenbacher weitermachte. Ihr Sohn, ein Grafiker, bestand darauf, dass sie sich so was wie eine Corporate Identity zulegen müsse, einen guten Namen, ein Logo, einen Instagram-Account. Barbara hiess früher White. Und ihr Gin heute Edelwhite. Und auch im Instagrammen übt sie sich, sie wedelt gerade mit ihrem Handy und zeigt Bilder: «Letzte Woche habe ich zum ersten Mal Blueberry-Gin gemacht. Also mit Heubeeri!»

Fast 100 Prozent Entlebuch

Das «r» hat noch etwas Kanadisches, man hört Frau White noch ein wenig heraus. Sonst ist bei Barb Grossenbacher alles Biosphäre Entlebuch. Oder fast. Limetten, Zitronen oder Grapefruits wachsen hier nicht, dafür schält sie sie selber, bis vor kurzem in ihrer Garage. Der Rest ist ganz frisch: Rosmarin, Zitronengras, Edelweiss. Gänseblümchen, Schlüsselblümchen, wilde Veilchen. Was früher in Sandra Limachers Garten wuchs, bezieht Barb Grossenbacher heute bei der Kräuteranbaugenossenschaft Entlebuch. Und da will sie jetzt hin.

Barb Grossenbacher inmitten von Entlebucher Kräutern. Alle landen in ihrem Gin.
Barb Grossenbacher inmitten von Entlebucher Kräutern. Alle landen in ihrem Gin.
Foto: Stefano Schröter

Die befindet sich in Entlebuch, im ehemaligen Gebäude des Ackermann-Versandseinem riesigen Gebäude, in dem man sich verlaufen könnte. Aber Grossenbacher kennt sich hier bestens aus. 15 Familien aus der Region bauen für diese Genossenschaft Pflanzen an, Ricola ist der Hauptabnehmer. Manche sammeln auch wild, und man organisiert sich über eine Whatsapp-Gruppe. Alles ist sehr familiär, auch hier.

Natürlich ist das Barbara Grossenbacher sehr wichtig. Weil sie das Entlebuch lebt, unter anderem. Und weil sonst ihr Gin garantiert nicht so gut gelingen würde.