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Krimi der WocheGnadenlose Menschenjagd in Colorado

Schiesswütige Wärter sind hinter entflohenen Gefangenen her. «Flucht» von Benjamin Whitmer gilt als «Quintessenz des Noir».

Der Ausbruch ist erst der Anfang. Benjamin Whitmer liefert einen Krimi mit bestechendem Erzählrhythmus.
Der Ausbruch ist erst der Anfang. Benjamin Whitmer liefert einen Krimi mit bestechendem Erzählrhythmus.
Foto: Getty Images

Der erste Satz

Einer hat sich in die Hose geschissen.

Das Buch

Für seinen dritten Roman hat Benjamin Whitmer, einer der neuen Meister der amerikanischen Noir-Kriminalliteratur, in den USA keinen Verlag gefunden. Vor zwei Jahren erschien er in Frankreich und wurde hochgelobt. Jetzt liegt das Meisterstück auf Deutsch vor: «Flucht» erzählt von einer eiskalten, fast endlos langen Winternacht in den Bergen von Colorado im Jahr 1968, wohin ein paar Häftlinge ausgebrochen sind. Der Gefängnisdirektor schickt seine Leute hinaus, um die Flüchtigen zu jagen. Er verlangt, dass jeder erwischt wird, lieber tot als lebendig.

Eine Gruppe von Gefangenen hat bei ihrer Flucht Wärter als Geiseln genommen und sich zum Teil selbst in deren Uniformen gekleidet, damit die Schützen in den Wachtürmen nicht auf sie schiessen. Was dann geschieht, erzählt Whitmer aus verschiedenen Perspektiven. Es gibt nicht einen, sondern eine ganze Reihe von Protagonisten.

«Es gibt hier nichts als Gefängniswärter mit Igelschnitt und Gesichtern platt wie Hammerhaie.»

Der Häftling Mopar Horn «ist neben dem Gefängnis aufgewachsen, hat es sein ganzes Leben lang gesehen, aber nichts hat ihn vorbereitet auf seinen ersten Gang hinein». Besucht hat ihn nur seine Cousine Dayton, die auf ihrer Farm Marihuana anbaut und die ihm nun bei der Flucht helfen will. Wie sie ein Aussenseiter ist Jim Cavey, ein Wärter und der beste Fährtenleser vor Ort. Dann sind da die Zeitungsleute aus Denver, ein Journalist und ein Fotograf. Bad News wird einer der Flüchtenden genannt, der in seinem Leben wohl etwas zu viele Drogen genommen hat. Der Direktor treibt seine schiesswütigen Wärter über das lokale Radio von seinem Büro aus an.

Die Geschichte ist raffiniert aufgebaut und hervorragend erzählt. Die kurzen Kapitel, die zwischen den einzelnen Figuren hin und her wechseln, handeln nicht nur von der gnadenlosen Jagd, sondern auch von der Stadt und den Menschen, die dort leben. «Es gibt hier nichts als Gefängniswärter mit Igelschnitt und Gesichtern platt wie Hammerhaie.»

Die Stadt um das Gefängnis ist selbst ein Gefängnis. Und jeder Mann schleppt ein Kriegstrauma mit sich herum. Vietnam. Korea. In dieser Nacht findet ein Krieg in der Stadt und in der Umgebung statt, während ein Schneesturm tobt.

Die tiefschwarze Geschichte voller Gewalt, Blut und Tränen hat einen bestechenden Rhythmus. Whitmer schreibt starke Dialoge und versteht es, mit kleinen Details nicht nur Stimmungen, sondern ganze Lebenswelten zu vermitteln. Dabei sind alle Protagonisten Verlierer. Und es geht immer wieder ans Eingemachte. «Die Welt ist nicht für Ausbrüche gemacht», denkt Dayton einmal. «Die Welt ist erschaffen worden, um dein Herz gefangen zu halten, bis es zermalmt wird.»

Die Wertung

  • Originalität: ★★★★★
  • Spannung: ★★★☆☆
  • Realismus: ★★★★☆
  • Humor: ★★★☆☆
  • Gesamteindruck: ★★★★★

Der Autor

Schrieb nebst Krimis auch Sachbücher: Benjamin Whitmer.
Schrieb nebst Krimis auch Sachbücher: Benjamin Whitmer.
Foto: Joshua Mork

Benjamin Whitmer, geboren 1972, wuchs in Zurück-zur-Natur-Kommunen und Gegenkultur-Enklaven zwischen Süd-Ohio und Upstate New York auf. Als Kind war er viel mit seiner Mutter per Autostopp unterwegs. Er brach die Highschool ab, war Hausbesetzer und arbeitete unter anderem als Fabrikarbeiter, Staubsaugervertreter, Tellerwäscher, College-Lehrer und technischer Redaktor.

Er veröffentlichte Sachbücher sowie Geschichten in Zeitschriften und Anthologien. Sein erster Roman «Pike» (Deutsch: «Im Westen nichts», 2017) erschien 2010, sein zweiter Roman «Cry Father» 2014 (Deutsch: «Nach mir die Nacht», 2016). Dazwischen erschien 2012 die Autobiografie des Country- und Gospel-Duos Louvin Brothers, «Satan is Real. The Ballad of the Louvin Brothers», die Whitmer zusammen mit Charlie Louvin geschrieben hatte.

Der jetzt auf Deutsch erschienene Roman «Flucht» ist im Original bisher nicht veröffentlicht worden, aber 2018 in Frankreich mit dem Titel «Evasion». Der prominente französische Schriftsteller Pierre Lemaitre bezeichnete ihn als «Quintessenz des Noir».

Whitmer ist geschieden und lebt mit seinen zwei Kindern im Teenager-Alter in Colorado.

Benjamin Whitmer: «Flucht». Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Alf Mayer. Polar-Verlag, Stuttgart 2020. 407 S., ca. 30 Fr.