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Interview mit Metal-Kenner«Gölä ist auch nicht gerade Antifa»

Heavy-Metal-Experte Jörg Scheller über die Bedeutung der härtesten Musik der Welt – und ihre politische Ausrichtung.

Prominente Metalband Metallica: James Hetfield und Kirk Hammett auf der Bühne.
Prominente Metalband Metallica: James Hetfield und Kirk Hammett auf der Bühne.
Foto: Redferns

Derzeit kursieren Memes, in denen eine wikingerhafte Metalband zu sehen ist. Dazu der Text: «Weisse Menschen machen Musik.» Wie lächerlich ist Heavy Metal?

Die Gleichzeitigkeit von Lächerlichkeit und Erhabenheit ist gerade das Interessante am Metal. Dazu kommt das Wechselspiel von Ironie und Ernst. Wer über einen heilig-ernsten Blick verfügt, sieht natürlich nur das Peinliche.

Trotzdem: Schwarze hören kein Heavy Metal. Wieso?

Das stimmt nicht. Denken Sie nur an Ice-T. Musik mit Hautfarbe zu verknüpfen – hier Rhythmus, dort Melodie – ist zu vereinfachend. Beim Metal mischten in der Entstehungszeit auch Schwarze mit, zudem darf Jimi Hendrix' Einfluss auf das entstehende Genre nicht unterschätzt werden. Dann kam Hip-Hop – und Schwarz-Weiss differenzierte sich aus. Aber das Schwarz-weiss-Schema greift sowieso zu knapp.

Weshalb?

Schauen Sie sich die «Black Lives Matter»-Debatte an. Wir laufen Gefahr, wieder in Schwarz-weiss-Kategorien zu denken. Was ist mit dem postkommunistischen Osteuropa? Was ist mit Asien? In Asien ist Metal riesig. In Südamerika ebenfalls – dort war und ist es sogar ein Ventil für linke politische Kritik, etwa an Militärdiktaturen.

Und in Europa?

Bei uns drückt traditioneller Metal ein diffuses Unbehagen an der Kultur aus, ohne dabei aktivistisch zu werden. Im Unterschied zum Punk, der viele Sprösslinge aus dem bürgerlichen Milieu anzog, war Metal anfänglich die Musik männlicher Arbeiter. In Deutschland, wo ich aufgewachsen bin, war Metal quasi ein konservatives Sprachrohr der Sozialdemokratie: «Die Welt ist schlecht, die Eliten sind korrupt, wir werden mies bezahlt – und jetzt bitte Feierabendbier.»

Ich war einmal an einem Iron-Maiden-Konzert. Da kamen die Fans in Shirts, auf denen abgehackte Köpfe abgebildet waren. Aber bei näherem Hinsehen waren das ganz friedliche Leute.

Na klar! Was könnte friedlicher sein als ein abgehackter Kopf? Von dem hören Sie sicherlich keine Hate Speech! Aber im Ernst: Heavy Metal bietet zunächst einmal ein Paralleluniversum, in das die Fans flüchten. Für mich ist das ein Akt der Freiheit. Gesellschaften ohne solche Fluchträume sind grausame Gesellschaften.

Wovor flüchten die Fans?

Wenn ich mich an meine Jugend in den 80er-Jahren erinnere, dann erinnere ich mich an Scheinfrömmigkeit plus Konsumkultur. Mit seiner schieren Intensität ermöglichte Metal die Flucht vor einer Mittelmässigkeit, vor einem müden Bürgertum, das wenig zu bieten hatte, nicht einmal eine Konfrontationsfläche. Metal war eine Kraft, die einen aus diesem zähen gesellschaftlichen Schleim herausholte, und sei es nur für ein paar Stunden. Bei anderen war es vielleicht eine Flucht aus dem Job oder dem Familienleben.

Gesellschaftlichen Eskapismus bieten seit Jahrzehnten auch die Doors sowie viele moderne Bands. Wieso flüchtet heute jemand zu Axt schwingenden Henkern und eiternden Zombies?

Heavy Metal hält ästhetisch alles am Leben, was die Wohlstandsgesellschaft verdrängt hat. Das Faulige, das Schmerzhafte und Gewaltvolle. Je zuckriger die Konsumkultur wurde, desto extremer wurde der Metal. Es ist auch Ausdruck einer Faszination mit dem Zivilisationsverlust, der ja tatsächlich nicht so fern ist, wie wir Möchtegernaufgeklärten glauben. Metal ist ein Memento.

Wie ist Metal heute politisch zu deuten? Es gibt prominente AC/DC-Fans wie Roger Köppel oder Theodor zu Guttenberg.

AC/DC ist Hardrock, nicht Metal. Die Band hat Fans quer durch alle Schichten. Metal wiederum gliedert sich in unzählige Subgenres und ist grundsätzlich offen für alle politischen Strömungen.

Album «The Trooper» von Iron Maiden.
Album «The Trooper» von Iron Maiden.
Foto: PD

Vielleicht ist das der Grund, wieso es für rechte Politiker interessant ist. Weil die meisten anderen Bands linksliberal sind.

Da fehlen mir belastbare Zahlen. Ich bezweifle, dass es im deutschsprachigen Raum Scharen von Metalfans unter rechten Politikern gibt. Rockmusik ist stark, körperlich, das mag den einen oder die andere ansprechen. Ansonsten – Xavier Naidoo ist rechts und spielt Soul, Frank Rennicke ist ein Nazi und spielt Folk, Gölä ist auch nicht gerade Antifa. Ich vermute, dass linksliberale Bands schlicht präsenter in den Medien sind. Prominente Metalbands wie Metallica unterbreiten im Grunde ein demokratisch-pluralistisches Angebot: Sänger James Hetfield bedient die Rednecks, Drummer Lars Ulrich ist der kosmopolitische Geschäftsmann, Gitarrist Kirk Hammet der queere Künstlertyp, Bassist Robert Trujillo der lässige Sportler.

Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus? Man hat das Gefühl, es dominieren seit Jahrzehnten dieselben Bands wie etwa Iron Maiden.

Der klassische Metal ist museal, der Hardrock galt gar schon in der 70ern als barock, bierbäuchig, träge. Heute nutzt selbst ein biederes Unternehmen wie Energie Wasser Bern Speedmetal für seine Werbung. Doch wie andere Musikrichtungen brachte auch der Metal immer wieder neue Stile hervor. Im Bereich Extreme Metal tun sich interessante Dinge.

Wie muss man sich Extreme Metal vorstellen?

Extreme Metal verhält sich zu Heavy Metal wie die Formel 1 zum Seifenkistenrennen. Seit den frühen 80er-Jahren befindet sich Metal in einem Überbietungswettbewerb der Subgenres. Ob extrem schnell oder extrem langsam, extrem puristisch oder extrem hybrid – was zählt, ist die Ausdehnung der Kunstkampfzone, ob mit Noise, Ambient, Jazz, Hardcore oder Folk. Darin ähnelt Extreme Metal den Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts. Diese Öffnung beschränkt sich nicht auf die Musik. Gerade im Extreme Metal mischen zunehmend Frauen mit, auch in der boomenden Metalforschung.

Brachial, aber präzise gespielt: Was sagt die Musik über die Musizierenden und ihre Fans aus?

Freudianisch gedeutet ist es wohl eine Veredelung des Extremen. Nicht chaotisch-explosiv wie der Punk, sondern eine kalkulierte Härte, kontrolliert, durchkomponiert. Es gibt ja auch kaum Improvisationen in dieser Musik. Metal ist ein Raubtier im Käfig.

Was ist von Schweizer Metal zu halten?

Die Schweiz tat sich immer wieder als Ort von Metal-Pionieren hervor. Celtic Frost etwa hat massgeblich den Extreme Metal geprägt. Heute kommt mit Zeal & Ardor wieder ein grosser Innovator aus der Schweiz. Die vermischen Black Metal mit Gospel – zwei Szenen, die weiter nicht auseinander liegen könnten.

Klingt schrecklich.

Was wäre Metal, der nicht schrecklich klänge? Aber nein, musikalisch ist das sehr inspirierend – nicht zuletzt zeigen Zeal & Ardor, dass Musikstile nicht an sogenannte «Identitäten» gekoppelt sind. Wir sind frei, uns Dinge anzueignen. Lieber kreative Anarchie als identitäre Kasernierung. Ich sage immer: Metal can be melted – Metall kann geschmolzen werden.

Wieso sollte jemand Metal hören, der das bis anhin noch nie getan hat?

Weil es das beste Genre gegen Apokalypse-Blindheit ist: Metal schützt vor der Naivität, die wir in Wellness-Wohlfühlwelten entwickeln. Überhaupt ist Metal die Musik der Stunde. Wer von der Corona-Pandemie überrascht wurde, hat ein paar Metal-Alben zu wenig gehört. Seuchen gehören da zum Standardrepertoire.