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Gedanken über den AusgangGömmer in Usgang

Unsere Autorin stellte sich lange unter der Tätigkeit etwas ganz anderes vor als das wilde Tanzen in einem schummrigen Club.

Es braucht nicht für jeden Ausgang eine Tür.
Es braucht nicht für jeden Ausgang eine Tür.
Foto: Claudio Schwarz/Unsplash

Ich sass in der Küche meiner Tante und meines Onkels, ich sehe die Kacheln vor mir. Ich war noch ein Kind. Wir feierten einen Familiengeburtstag, drei Generationen waren zusammengekommen. Wie immer schlich ich meinem älteren Bruder hinterher, wenn er den Raum verliess und ich befürchtete, er würde etwas Lustiges anstellen ohne mich.

Als die Erwachsenen beim Kaffee angelangt waren, stand mein Bruder auf, ging aus der Küche und setzte sich zu meinen beiden Cousinen ins Wohnzimmer. Er konnte mit Denise und Michèle, 13 und 10 Jahre älter als ich, mehr anfangen als mit mir. Ich folgte ihm und setzte mich auf die Sofalehne.

Das Wort «Usgang» fiel oft, und sie taten so, als sei das ein Ort, von dem nur sie drei wussten und ich keine Vorstellung hatte.

Salome Müller

Sie berieten sich, was sie an diesem angebrochenen Samstagabend noch tun sollten. Hier zu bleiben, bei den Erwachsenen und mir, der Kleinsten, war für sie abwegig. Es musste etwas Abenteuerliches sein, sie wollten Dinge erleben – ich erkannte es in ihren Gesichtern und ahnte, dass sie mich zurücklassen würden. Das Wort «Usgang» fiel oft, und sie taten so, als sei das ein Ort, von dem nur sie drei wussten und ich keine Vorstellung hatte. Irgendwann ging ein Ruck durch ihre Körper, sie erhoben sich, streckten ihre Köpfe zur Küche hinein und riefen ihren Eltern zu: «Mir gönd in Usgang!» Auch sie schienen zu verstehen, was dieser Ausgang bedeutete.

Onkel und Tante nickten ihnen nur zu und wünschten viel Spass. Meine Mutter sagte, dass meine Cousinen bitte auf meinen Bruder aufpassen sollten und er nicht zu viel trinken möge. Die drei grinsten, zogen sich ihre Jacken über und schlossen die Tür hinter sich.

Ich blieb bei meinen Eltern sitzen und nahm mir vor, später nach meinem Bruder und den Cousinen zu sehen. Erst sollten sie ein bisschen Zeit ohne mich haben. Ich versuchte, meine Sehnsucht, dabei zu sein, zu unterdrücken. Ich wollte niemandem auf die Nerven gehen.

Nach einer Weile, vielleicht einer halben Stunde, stand ich auf. Ich ging auf die Haustür zu und meinte schon, sie draussen auf der Treppe reden zu hören. Ganz sicher lachte mein Bruder gerade über einen Witz von Denise. Freudig drückte ich die Klinke hinunter, riss die Tür auf und erblickte – niemanden. Ich verstand plötzlich nichts mehr. Das hier war doch der Ausgang?

1 Kommentar
    Conny

    Eine tolle Geschichte Danke