Zum Hauptinhalt springen

Transport auf eigene KostenGratis abzugeben: Mythenschloss

Das «Mythenschloss» soll einem Neubau weichen. Schade, findet ein Zürcher Grafiker, und hat eine Idee.

Lange steht das «Mythenschloss» nicht mehr.
Lange steht das «Mythenschloss» nicht mehr.
Foto: Andreas Konrad

Manche Gebäude haben mehr als ein Leben. Die Villa Windegg an der Bellerivestrasse etwa. Das erste Leben verbrachte sie an der Bahnhofstrasse, bis ihrem Besitzer angeblich die Trams zu laut wurden. Stein für Stein wurde sie abgebrochen, um im Seefeld ihr neues, zweites Leben zu beginnen.

Am Mythenquai steht ein Gebäude, dass vielleicht sogar drei Leben haben könnte. Unter dem Namen «Mythenschloss» bekannt, prägt es seit bald 100 Jahren das Zürcher Stadtbild. Und vielleicht steht es bald über die ganze Stadt verstreut.

Abgerissen, neu gebaut, abgerissen…

Seine erste Geburt hatte das «Mythenschloss» 1928. Damals erhielt es die noch heute prägende Fassade. Fünfzig Jahre später suchte die damalige Schweizerische Rückversicherung ein neues Bürogebäude und fand es am Mythenquai. Abrissbager machten sich am stattlichen Gebäude zu schaffen, das alte «Mythenschloss» wich einem Neubau. Mit den neuen Mietern zog aber auch der Geist des alten Gebäudes ein: In Form der klassischen Fassade, die an das alte Gebäude erinnern sollte.

2020 rollen wieder schwere Maschinen vor. Die Schweizerische Rückversicherung, mittlerweile in SwissRe umgetauft, sucht wieder ein neues Gebäude. Erneut soll das «Mythenschloss» einem Neubau weichen.

Beschwerden sind gescheitert, das Baurekursgericht attestiert dem Gebäude «bescheidene architektonische Qualität». Das Prunkschloss wirke nur alt, sei jedoch eine Rekonstruktion des Vorgängerbaus.

Das zweite Leben des «Mythenschlosses» geht zu Ende, sein drittes – kreatives – steht an. Geburtshelfer: Der Zürcher Andreas Konrad.

Alles ist zu haben, seien es die Säulen,…
Alles ist zu haben, seien es die Säulen,…
Foto: Andreas Konrad
… die Fassade,…
… die Fassade,…
Andreas Konrad
Bruchstellen verraten, dass sich hinter der alt wirkenden Fassade ein Betonbau versteckt.
Bruchstellen verraten, dass sich hinter der alt wirkenden Fassade ein Betonbau versteckt.
Andreas Konrad
1 / 7

Wer will, braucht ein grosses Auto

Er bedaure den Abriss, zitiert die Architekturzeitung Hochparterre den Grafiker. Er fragte sich, ob nicht zumindest ein Teil davon gerettet werden könnte. Nach Erkundigungen bei verschiedenen Stellen landete er schliesslich beim Abbruchunternehmen. Dieses gab grünes Licht: Man nehme, was man wolle.

Konrad will selbst nichts, doch er würde gerne Interessenten vermitteln. Kunststeinsäulen mit Balkon könnten also bald ein Zürcher Einfamilienhaus prägen. Auch prunkvolle Marmorsäulen aus dem Eingangsbereich warten auf neue Besitzer. Grafiker Konrad macht auch gleich Entwürfe, wie das aussehen könnte.

Grafiker Andreas Konrad hat sich überlegt, wie Teile des «Mythenschlosses» bestehende Gebäude ergänzen könnten.
Grafiker Andreas Konrad hat sich überlegt, wie Teile des «Mythenschlosses» bestehende Gebäude ergänzen könnten.
Andreas Konrad
Andreas Konrad
1 / 4

Die Geschichte des «Mythenschlosses» könnte weitergehen. Vielleicht in Oerlikon, Schwamendingen oder Winterthur. Vielleicht auch an allen Orten gleichzeitig. Interessenten dürfen sich bei Konrad melden. Die Teile des alten «Mythenschlosses» werden kostenlos abgegeben. Abbau und Transport gehen selbstverständlich auf eigene Kosten.

24 Kommentare
    Heinrich Frei

    Das Mythenschloss in der Enge wurde 1928 gebaut. Fünfzig Jahre später, also 1978 wurde es abgebrochen. Der Neubau wurde damals mit der alten Fassade von 1928 garniert. Jetzt bricht die SwissRe dieses Bürohaus schon wieder ab. Schon vor einigen Jahren wurde das gut erhaltene Bürogebäude der SwissRe am Mythenquai, das 1968 vom Architekturbüro Werner Stücheli entworfen wurde, auch «ersetzt» durch einen Glaspalast. 1968 zeichnete ich bei Stücheli einige Pläne für dieses Haus.

    Beim aktuellen Klimanotstand lassen sich solche Demolitionen von gut erhalten Gebäuden mit Ersatzneubauten nicht mehr rechtfertigen. Der Erhalt von bestehenden Bauten ist ein wichtiger Punkt, um bis 2030 netto null CO2 Emissionen im Bausektor zu erreichen. Warum? Etwa 50 Prozent der CO2 Emissionen eines Gebäudes während seiner Lebensdauer wird verbraucht für die Produktion der Rohstoffe, der Herstellung von Bauteilen, für den Bau, den Transport und die Entsorgung. Dies wird als «graue Energie» bezeichnet.

    Aber der «Rückbau», wie der Abbruch von Häusern heute schönfärberisch genannt wird, ist in Zürich Alltag:

    Die Pensionskasse der Credit Suisse plant im Brunaupark in Zürich ihre Siedlung mit 400 Wohnungen abzubrechen, darunter Wohnungen die teils kaum dreissig Jahre alt sind. Ein Teil der Überbauung ist sogar erst 23 respektive 26 Jahre alt.

    Das Hallenbad Zürich-Oerlikon, Baujahr 1978 soll auch verschwinden und neu gebaut werden.

    Die Mensa der UNI Irchel in Zürich soll durch ein Hochhaus ersetzt werden.