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Protest gegen MonopolsenderGratisarbeit für SRF

Das Schweizer Fernsehen sucht Konzepte für neue Serien. Wer mitmacht, hat die Chance, eine grosse TV-Kiste zu entwickeln. Doch bezahlt wird die Arbeit am Konzept nicht.

Tote auf der Juraweide: Rosa Wilder (Sarah Spale) ermittelt jetzt zwischen Tannen und tiefen Schluchten.
Tote auf der Juraweide: Rosa Wilder (Sarah Spale) ermittelt jetzt zwischen Tannen und tiefen Schluchten.
Foto: SRF

«Modern, originell, frisch und auch mutig» dürfen sie sein – die Serien, die das Schweizer Fernsehen zukünftig produzieren will. So steht es in einer offenen Ausschreibung von SRF, die seit Montag online ist. Es ist also einiges möglich. Und alle – also auch Sie! – könnten ein Konzept für eine Serie einreichen.

Für eine Bewerbung genügt ein Dossier, in dem auf 10 bis 14 Seiten die Figuren, ihre Beziehungen und Konflikte wie auch das «serielle Potenzial» beschrieben sind. Überzeugt das Konzept, öffnet sich die Tür zu einem mehrstufigen Verfahren, aus dem eine SRF-Serie hervorgehen kann, die so aufwendig produziert ist wie «Wilder» und «Der Bestatter».

Dagegen regt sich Widerstand bei einigen Drehbuchautorinnen und -autoren. Denn die Erarbeitung des ersten Konzepts wird vom Schweizer Fernsehen nicht bezahlt. Von Ausbeutung ist die Rede. Protestiert wird hinter vorgehaltener Hand, denn SRF ist Monopolist: Wer hiesige Serienfiktion schreiben will, ist vom Schweizer Fernsehen abhängig. Nutzt SRF seine Marktmacht aus, um Kreativität auszubeuten?

«Wertvolle Chance»

Offiziell will niemand auf Ideenwettbewerbe für Drehbücher verzichten: «Grundsätzlich» begrüsse man solche Ausschreibungen, heisst es beim Schweizer Verband für Filmregie und Drehbuch. Die Ausschreibungen seien «eine wertvolle Chance», ein erstes Projekt zu realisieren und so den Einstieg ins Serienschreiben zu finden. Nicht zuletzt erhöhe eine offene Ausschreibung «die Diversität an Themen und Sichtweisen», wofür sich der Verband für Filmregie und Drehbuch besonders stark einsetzt.

Kein Fan von Wettbewerben ist Simone Schmid, mit dem «Zwingli»-Film von Stefan Haupt wohl eine der erfolgreichsten Schweizer Drehbuchautorinnen. «Weil Leerläufe entstehen können», wie Schmid sagt, aber immerhin gebe es mit offenen Ausschreibungen «ein transparentes Bewerbungsverfahren». Vor einem Jahr nahm Schmid dennoch an einer Ausschreibung des Schweizer Fernsehens teil. Damals wurde eine Nachfolgeserie für den «Bestatter» gesucht.

Gratisarbeit ist anfangs «okay»

Rechtfertigen lasse sich die Teilnahme an einem solchen Wettbewerb, wenn man sie als Investition sieht und weil ein erstes Konzept etwas sei, was «ich ohnehin leisten muss, wenn ich eine Idee einem Produzenten vorstellen will», sagt Simone Schmid. Gut ein Dutzend Seiten für ein erstes Konzept findet sie daher nicht zu viel.

Vielleicht, weil sie Glück hatte und ihr Projekt für die Weiterentwicklung ausgewählt wurde, was fast ein ganzes Jahr bezahlte Arbeit bedeutet? Nein, fügt Schmid hinzu, «ich würde das auch sagen, wenn mein Projekt nicht ausgewählt worden wäre, da 10 bis 14 Seiten etwas sind, was ich relativ schnell geschrieben habe».

Dreharbeiten zur SRF-Krimiserie «Der Bestatter» mit Mike Müller.
Dreharbeiten zur SRF-Krimiserie «Der Bestatter» mit Mike Müller.
Foto: Alexandra Wey/ Keystone 

Ähnlich sieht das der Autor und Regisseur Samuel Schwarz. Auch er hat vor einem Jahr an der SRF-Ausschreibung für die «Bestatter»-Nachfolge teilgenommen. Schwarz hat es bis zum «Pitchen» geschafft, also bis zur Präsentation seines Projekts beim Schweizer Fernsehen. Anders als Simone Schmid wurde sein Konzept dann aber nicht für eine Weiterentwicklung ausgewählt. Aber auch Schwarz findet es «okay», dass SRF die Erstellung des ersten Konzepts nicht honoriert.

«Aber das Pitching muss zwingend bezahlt sein», sagt Schwarz. Und zwar mit «mindestens 10’000 Franken», was dem Aufwand entspricht, den er und sein Team dabei hatten, etwa durch Investition in ein «Audio-Prototyping», also eine Art Hörspiel-Variante der Serie, sowie eine Visualisierung und Aufrisse der Folgen. Wie Schwarz fordert auch der Regie- und Drehbuchverband «mindestens» 10’000 Franken für das Pitching. Aber «viel fairer» wäre es, wenn für die Bewerbung ein Kurzkonzept von einer Seite genügen würde.

Arbeitsstunden im Wert von mehreren Hunderttausend Franken

Bis zu 70 Einreichungen gab es bei den letzten SRF-Ausschreibungen für Serienprojekte. Gemäss SRF genügte dabei nur rund die Hälfte der Konzepte professionellen Standards. Dennoch wurde wohl Gratisarbeit im Gegenwert von mehreren Hunderttausend Franken geleistet, wenn man mit den Angaben und Forderungen des Drehbuchverbands und von Samuel Schwarz rechnet.

Beim Schweizer Fernsehen sieht man es als ein «grosses Anliegen», dass Autorinnen und Autoren von Serienprojekten «korrekt entlöhnt» werden, sagt Urs Fitze, Bereichsleiter Fiktion. Er rechtfertigt die Gratisarbeit damit, dass das Pitchen letztlich nur aus einem «ein- bis zweistündigen Termin» bestehe. Dabei würden die Autorinnen und Autoren Gelegenheit erhalten, ihr Serienkonzept «persönlich zu präsentieren». In der Ausschreibung sind zwei Monate für die Vorbereitung des Pitchens vorgesehen. Selbstverständlich setzt die Präsentation bei SRF eine gewisse Vorbereitungsarbeit voraus, «der eigentliche Aufwand besteht jedoch in der Erarbeitung der Dossiers für die Eingabe», meint Fitze.

Schweizer Fernsehen erwartet «Vorleistung»

Anders sehen das die angefragten Drehbuchautoren: Das Pitchen sei wesentlich aufwendiger als das Erarbeiten eines ersten Konzepts. Insgesamt sei für sie und ihre Produzenten gut ein Monat Gratisarbeit für das erste Konzept und die Vorbereitung des Pitchens angefallen, sagt Simone Schmid. «Da könnte man sicher darüber diskutieren, ob es dafür ein Honorar geben sollte.»

Und die Arbeit wäre ja nicht umsonst, ergänzt Samuel Schwarz: Mit dem Pitching könnten Konzepte entstehen, die «bei Bedarf» auch fünf Jahre später wieder aus der Schublade geholt werden können. Wichtig sei daher ein «Urheberrechtsschutz», damit Figuren oder Plots nicht einfach «kopiert oder in irgendeiner modifizierten Form geraubt werden können».

«Grundsätzlich» sei die Honorierung von Eingaben beziehungsweise die Teilnahme an Pitchings «denkbar», sagt Urs Fitze von SRF. Es sei «jedoch branchenüblich, dass Einreichungen nicht honoriert werden, sondern dass eine Vorleistung erwartet wird», also letztlich eben doch Gratisarbeit – in einer Branche, in der es hierzulande nur einen Player gibt: das gebührenfinanzierte Schweizer Fernsehen.