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Zum Tod von Konrad SteffenGrönland war seine Leidenschaft

Am Samstag verunglückte Konrad Steffen, der Direktor der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL, an jenem Ort tödlich, wo es ihn seit über 30 Jahren immer wieder hinzog: in der Nähe seines Swiss Camp.

Konrad Steffen bei der Wartung einer Meteo-Station auf dem grönländischen Eisschild.
Konrad Steffen bei der Wartung einer Meteo-Station auf dem grönländischen Eisschild.
Foto: WSL

Er starb auf seiner Scholle. Auf seinem «flachen Kuchen», wie Konrad Steffen jeweils sagte. Grönland war die Leidenschaft des Direktors der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). Er konnte deshalb seit seiner Anstellung vor bald acht Jahren nicht darauf verzichten. So trieb es ihn jeweils einen Monat pro Jahr in den hohen Norden, weg von der beschaulichen Schweiz, hin in die Weite der arktischen Landschaft. Dorthin, wo alles anfing vor 30 Jahren.

1990 baute er in Grönland das Swiss Camp, um die klimatischen Veränderungen und das Verhalten des grönländischen Eises auf der dänischen Insel zu beobachten. Daraus wurde schliesslich ein Messnetz von 18 automatischen Klimastationen, verteilt auf der gesamten Insel. Steffen war ein Pionier. Das Messnetz liefert heute die längste Messreihe über das grönländische Klima. Steffen gehörte zu den ersten Wissenschaftlern, die auf den schnelleren Abfluss des grönländischen Eises ins Meer aufmerksam gemacht hatten – verursacht durch die menschgemachte Erderwärmung.

Damals war Steffen noch an der University of Colorado in Boulder, bis 2011 leitete er als Professor für Geografie 740 Mitarbeiter am renommierten Institut für Umweltwissenschaften Cires. Seit 2012 amtete er nicht nur als WSL-Direktor, sondern hatte auch einen Lehrstuhl inne für Klima und Kryosphäre an den ETH in Zürich und Lausanne. «Er war ein charismatischer Mann, der durch seine Begeisterungsfähigkeit und sein Wissen überzeugte», sagt Christoph Hegg, der als stellvertretender WSL-Direktor Steffens rechte Hand war.

Er überzeugte die Nasa, das Swiss Camp weiter zu finanzieren

So konnte Steffen auch die amerikanische Weltraumagentur Nasa überzeugen, trotz seines Wegzugs aus Boulder das grönländische Projekt weiterhin zu finanzieren. Ein Abbruch des Camps wäre für ihn ein herber Verlust gewesen. Dass es dieses Messnetz überhaupt gibt, war jedoch nicht nur Steffens Verdienst. Es brauchte auch eine Naturgewalt, den Ausbruch des philippinischen Vulkans Pinatubo 1991, der den Globus für mehrere Jahre abkühlte. In Grönland gab es damals vor allem Niederschläge, das Eis schmolz nur wenig. Das für zwei Jahre konzipierte Swiss Camp wurde eingeschneit und konnte nicht abgebrochen werden.

Forscherlager auf dem grönländischen Eisschild: Das Swiss Camp.
Forscherlager auf dem grönländischen Eisschild: Das Swiss Camp.
Foto: Konrad Steffen

Steffen verbrachte seit 1975 Jahr für Jahr Monate in der Arktis oder der Antarktis. Zweimal überwinterte er im hohen Norden. Er arbeitete in Alaska, in Kanada, auch in China. Der renommierte Berner Klimaforscher Thomas Stocker kannte Konrad Steffen bereits während des Studiums an der ETH Zürich in den 1980er-Jahren. Seither hatten sie stets engen Kontakt und arbeiteten an verschiedenen gemeinsamen Projekten. «Wir haben einen passionierten Wissenschaftler verloren», sagt Stocker. «Ich konnte sehen, wie er die WSL inspirierte und das Institut wissenschaftlich weiterbrachte.» Steffen hatte stets das grosse Bild vor Augen, er ging Probleme pragmatisch an und mit viel Generosität. Dafür arbeitete er hart, auch als Hauptautor für verschiedene Klimaberichte des Weltklimarats IPCC.

Steffen habe dem Institut gutgetan, sagt auch WSL-Kollege Hegg. Sein Vorgänger James Kirchner war als Direktor geachtet, als Amerikaner fehlte ihm aber der gute Draht zu den Behörden und den schweizerischen Gepflogenheiten – eine Eigenschaft, die für eine Eidgenössische Forschungsanstalt in angewandter Forschung von grossem Vorteil ist.

Seine Studenten rätselten, ob Espresso durch seine Adern fliesse

Der schweizerisch-amerikanische Doppelbürger Steffen beherrschte die Kommunikation meisterlich. Interviews mit ihm brauchten keine Warmlaufphase, der hagere, gross gewachsene Mann war von Beginn weg wach, nahm sich viel Zeit bei den Antworten – und wurde sehr deutlich, wenn es etwa um die Weltpolitik in der Arktis ging und die Folgen für das empfindliche Ökosystem. Die Machenschaften der Erdölwirtschaft waren ihm zuwider. «Würde man die Forschungsergebnisse ernst nehmen, so müssten die Aktien von Erdölkonzernen massiv an Wert verlieren», sagte er in einem Interview.

Das gab er auch den Politikern in der Schweiz, in Europa und den USA in Vorträgen und an Kongressen zu spüren. Kommunikation sei ein Teil seiner Mission. sagte er. Und er konnte auch provozieren. Windenergieanlagen im Nationalpark waren für ihn nicht partout ausgeschlossen, falls eine Prüfung der Umweltfolgen das zulassen würde.

Kommunikationstalent und unerschöpflicher Macher: Konrad Steffen im 
Januar 2013.
Kommunikationstalent und unerschöpflicher Macher: Konrad Steffen im
Januar 2013.
Foto: Dominique Meienberg

Konrad Steffen war auch mit 68 Jahren noch fit, seine Statur und sein Vollbart erinnerten an einen Abenteurer. Und so gibt es eben auch viele Geschichten über ihn. So kondolierte das Institut für Umweltwissenschaften Cires auf besondere Weise per Twitter. «Koni bleibt uns in Erinnerung, seine Espressos und Zigaretten, seine Hingabe, den Klimawandel zu verstehen und seine Vitalität.»

Nur vier Stunden Schlaf brauche er, und oft habe er sich in der Früh allein mit dem Motorschlitten aufgemacht, um den Standort der nächsten Messstation zu suchen – mit dabei hatte er einen Schlafsack, das Satellitentelefon und ein Päckchen Marlboro. Seine Studenten rätselten, ob Espresso durch seine Adern fliesse. So steht es in einem amerikanischen Wissenschaftsmagazin. Doch das war einmal. Steffen hatte das Rauchen aufgegeben, und er brauche heute auch etwas mehr Schlaf, sagte er in einem Interview vor wenigen Jahren.

Vor mehr als 30 Jahren verunfallte er schon einmal schwer

Der Tod des Klimaforschers zeigt, dass Gletscher- und Polarforschung gefährlich sein kann – zumal die Eismassen immer stärker schmelzen und sich tückische Schmelzwasserflüsse bilden. Die Expeditionen bereitet Steffen deshalb bis ins Detail vor. Was vermeidbar ist, soll vermieden werden. Vor mehr als 30 Jahren machte er allein Messungen im Norden Kanadas, als der Boden auf einem Gletscher nachgab, er unter den Motorschlitten zu liegen kam und verletzt wurde: ein offener Beinbruch, eine schwere Hirnerschütterung. Hilfe kam erst zwölf Stunden später nach einem Schneesturm.

Trotz guter Planung gibt es ein Restrisiko. Wie Konrad Steffen am Wochenende verunfallte, ist noch nicht exakt geklärt. Die WSL weiss nur, dass der Unfall nicht weit weg vom Swiss Camp passierte, und Steffen in eine mit Wasser gefüllte Gletscherspalte stürzte.

Im Sommer 2021 wäre Konrad Steffen pensioniert worden. Der Bundesrat hatte sein Amt als WSL-Direktor verlängert. Nicht zuletzt auch wegen der Pläne des ETH-Rats, die WSL mit dem Wasserforschungsinstitut Eawag zu fusionieren.