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Kanon der Quarantäne«Grosse Erwartungen» – grosses Kino

Charles Dickens erzählt von einem Waisenjungen, den ein unbekannter Gönner zum Gentleman machen will. Ein Thriller mit Gothic-Elementen und Szenen, die man nie vergisst.

Waisenjunge Pip läuft dem entflohenen Sträfling Pip Abel Magwitch über den Weg. nur eine der gruseligen Szenen im Buch von Meister Dickens.
Waisenjunge Pip läuft dem entflohenen Sträfling Pip Abel Magwitch über den Weg. nur eine der gruseligen Szenen im Buch von Meister Dickens.
Getty Images

Soziale Aufsteiger empfinden oft Schuld gegenüber der Klasse, die sie verlassen haben. In Frankreich haben Annie Ernaux, Didier Eribon oder Edouard Louis darüber geschrieben. Aber schon Charles Dickens wusste, wie sich das anfühlt. Pip, der junge Held seines Romans «Grosse Erwartungen» (1860/61), wächst als Waisenjunge in einer ländlichen Schmiede auf, sein Ziehvater Joe ist eine der Figuren, deren übermenschliche Herzensgüte und Schlichtheit man nur erträgt, weil sie der Autor in ein Bad unfreiwilligen Humors taucht.

Als Pip von Miss Havisham als kindlicher Gesellschafter engagiert wird, schämt sich der Junge seines «gewöhnlichen» Milieus und will «ungewöhnlich werden», nämlich ein Gentleman. Und, als ihm ein unbekannter Gönner ein beträchtliches Vermögen in Aussicht stellt, bekommt er die Chance dazu. Der gesellschaftliche Aufstieg korreliert mit einem moralischen Abstieg – eine Korrelation, die Dickens, unheilbarer Moralist, am Ende wieder umkehrt.

«Grosse Erwartungen», sein vorletzter Roman – Kenner sagen, sein bester –, lässt sich auf viele Arten lesen und geniessen. Als Bildungsroman. Als Geschichte einer grossen Desillusion. Als Thriller mit Gothic-Elementen – einem Grusel-Schloss, in dem die Zeit stillsteht, zwei entflohenen Sträflingen, in ewigem Hass aufeinander verstrickt, einer Doppelintrige, die sich erst ganz zum Schluss entwirrt. Man kann es lesen als Sittenbild des frühen 19. Jahrhunderts mit prätentiösen Kleinstädtern und weltgewandten Londonern.

Ein Roman, um eine Zeitschrift zu retten

Schliesslich liest sich der Roman als grandiose Comédie humaine mit unvergesslichen Figuren und Szenen. Da ist der raffinierte Anwalt Jaggers, ein Gauner auf der Seite des Gesetzes, dem jede Unterhaltung zum Kreuzverhör gerät. Oder der Haushalt der Pockets, in dem die Dienstboten Regie führen und ein unglaubliches Chaos anrichten, dieweil die Hausherrin im Adelskalender blättert. Da ist Pips cholerische Schwester, die den Waisenjungen «von Hand aufgezogen» hat – mit der Schlaghand. Oder die vergreiste ewige Braut, die ihre Adoptivtochter zum Instrument der Rache an der Männerwelt heranzieht.

Dickens ist nicht zuletzt ein grosser Stimmungskünstler. Das unheimliche Marschland am Unterlauf der Themse, der gruselige Friedhof, auf dem Pips Eltern liegen, der Showdown neben der todbringenden Kalkgrube, die abenteuerliche Flucht über den Fluss: Das ist grosses Kino. Solche Szenen macht ihm keiner nach, in solchen Momenten gehört er zu den Allergrössten. Und mit diesem ganzen dicken Roman, den er in stärkster Bedrängnis schrieb, um seiner serbelnden Zeitschrift aufzuhelfen, sowieso.