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Kommentar zu den Zürcher ClubsGut, dass sie weitertanzen dürfen

Es ist zu einfach, das Partyvolk zu kritisieren. Die wochenlange Diskussion um den optimalen Schutz im ÖV hat gezeigt, dass Menschen Zeit zum Lernen brauchen.

Ausgang im Sommer 2020: Abwägen zwischen Ausgelassenheit und Ernst.
Ausgang im Sommer 2020: Abwägen zwischen Ausgelassenheit und Ernst.
Foto: Andrea Zahler

Ein «Schuss ins eigene Bein» sei das, sagten Jugendliche dem «Blick» und «20 Minuten». Sie wurden in Videoumfragen auf jene Mailadressen angesprochen, die Partygänger im Zürcher Club Flamingo falsch angegeben hatten. Die Kontaktaufnahme mit den Gästen war deshalb unmöglich. Die Personen haben sich im Flamingo vielleicht mit dem Coronavirus angesteckt und verbreiten es weiter, ohne es zu wissen.

So vernünftig wie die Jugendlichen in der Videoumfrage sind kaum alle Menschen, die nach wochenlangem Verzicht wieder tanzen gehen. Genauso wenig sind aber alle Clubs so dilettantisch wie das Flamingo, wo sich Mängel im Schutzkonzept offenbart haben. Das hat auch die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli erkannt. Sie sieht vorerst davon ab, alle Lokale zu schliessen. An der Pressekonferenz am Mittwoch sagte Rickli: «Die Freiheiten, die wir haben, sollten wir in Eigenverantwortung versuchen zu leben.»

Das Stichwort der Stunde

Eigenverantwortung ist das Stichwort der Stunde. Es meint, dass wir ständig abwägen müssen, welchem Risiko wir uns und andere aussetzen wollen. Und dass wir erkennen sollten, wann wir an Grenzen stossen.

Als das Coronavirus in die Schweiz kam, hiess es, die älteren Menschen seien zu schützen. Es dauerte, bis sie selbst verstanden hatten, dass sie nun zur Risikogruppe gehörten. Sie mussten lernen, sich aus dieser neuen Perspektive zu betrachten.

Ähnlich ist es mit der Maskenpflicht, die ab Montag schweizweit im öffentlichen Verkehr gilt. Für manche kommt diese Pflicht zu spät. Die Trams und Züge füllten sich, die nötige Distanz liess sich immer weniger einhalten, die Ansteckungsgefahr wuchs. Wir sind an eine Grenze gestossen, und der Bundesrat hat reagiert.

Mit den Clubs sollten wir nun auch grosszügig sein. Sie sind gerade mal drei Wochen geöffnet und tragen das Risiko, die Verbreitung des Virus besonders zu begünstigen. Die jungen Menschen, die feiern, müssen das Abwägen zwischen Ausgelassenheit im Ausgang und Ernst durch das Coronavirus erst noch üben.

Sie haben es verdient, lernen zu dürfen.