Zum Hauptinhalt springen

Fussballfunktionär Ilja Kaenzig«Haben viele Szenarien – aber keines mit Fans»

Keine Zuschauer im Jahr 2020 in den Stadien. Ein düsteres Szenario für die Fussball-Fans. Ilja Kaenzig sieht in der Zeit der Krise aber auch eine Chance.

Ilja Kaenzig (2.v.r) ist seit 2018 Geschäftsführer beim deutschen Zweitligisten VfL Bochum.
Ilja Kaenzig (2.v.r) ist seit 2018 Geschäftsführer beim deutschen Zweitligisten VfL Bochum.
Christof Koepsel
Zwischen 2010 und 2012 führte er die Geschäfte bei den Young Boys.
Zwischen 2010 und 2012 führte er die Geschäfte bei den Young Boys.
Keystone/Peter Klaunzer
1 / 4

Die Corona-Krise sorgt für viel Ungewissheit sowie unzählige Problem und wirft Fragen auf. Nur eines scheint festzustehen: Eine Rückkehr zur Normalität wird es nicht so schnell geben. Ilja Kaenzig zeichnete am Sonntag im Sportpanorama ein Horror-Szenario für Fans. «Wir wissen eigentlich heute schon, dass es im Jahr 2020 keine Spiele mit Zuschauern mehr geben wird», sagte der Schweizer Geschäftsführer des deutschen Zweitligisten VfL Bochum bei SRF überzeugt.

Ilja Kaenzig, wie können Sie so sicher sein, dass es im Jahr 2020 keine Fussballspiele mehr mit Zuschauern geben wird?

Die Entwicklung derzeit verläuft dynamisch, aber Veranstaltungen bei denen 60'000 oder 70'000 Zuschauer zusammenkommen, ist gemäss Experten aktuell nicht vorstellbar. Wir haben im deutschen Fussball viele Szenarien für 2020 durchgesprochen, aber eine mit Zuschauern ist nicht dabei. Alle hoffen, dass sich etwas zum Guten ändert. Aber zum aktuellen Stand der Informationen aus Wissenschaft und Politik laufen die Planungen nicht mit Zuschauern in den Stadien. Für die Clubs wären aber Geisterspiele eine Hilfe, finanziell das Jahr zu überstehen.

Können Sie beziffern, wie viel Geld dem Club durch die fehlenden Zuschauereinnahmen entgeht?

Pro Heimspiel haben wir einen Einnahmeverlust von rund 500'000 Euro.

Rechnen Sie mit Regressforderungen von Jahreskarteninhabern und Sponsoren?

Wir müssen erst einmal mit Forderungen in Millionenhöhe planen. Dass die letzte Rate der TV-Gelder aus der laufenden Saison im Mai ausbezahlt werden soll, würde helfen und ist ein Gesprächsthema zwischen der Liga und den TV-Sendern. (Anm. d. Red: Es geht um einen Vorbezug zur Begleichung der Mai-Rate)

Die reinen Sportsender haben allerdings auch Probleme.

Alle müssen schauen, dass sie nicht kaputt gehen. Es gibt logischerweise momentan wenig Neuanmeldungen. Geisterspiele kämen auch dem TV entgegen. Wichtig ist, dass die Fans nicht zum Stadion kommen. Und es gibt weitere Zufallspunkte, denn wo Freude ist, gibt es auch Frust. Zum Beispiel im Fall von Niederlagen. Das ist eine Herausforderung, an der wir noch arbeiten.

Die Bundesliga pausiert zunächst bis 30. April. Steht ein Plan für die mögliche Fortsetzung der Meisterschaft?

Der Plan ist, dass die Saison am 2. oder 9. Mai fortgesetzt wird. Der Spielplan steht, aber noch fehlt das Go seitens der Politik. Mitte April wissen wir vielleicht mehr. Die gesundheitlichen Rahmenbedingungen müssen aber zu hundert Prozent erfüllt sein, damit gespielt wird.

Dank einer Lockerung der Behörden-Auflagen wurde die Aufnahme des Trainingsbetriebs möglich. Wie sehen die Auflagen aus?

Den Trainingsbetrieb zu organisieren, ist ein riesiger Aufwand. Es beginnt damit, dass wir das Gelände abschirmen und abriegeln müssen, damit kein Spaziergänger auf die Idee kommt, im Training vorbeizuschauen. Die Spieler ziehen sich zuhause um und duschen dort. Das Training darf nur in Kleingruppen erfolgen – zwei Spieler, ein Trainer. Auf verschiedenen Plätzen, im Kraftraum, alles nach Plan. Für die Physiotherapeuten braucht es mehrere Zimmer und auch das Catering mussten wir organisieren. Das klingt alles einfach, ist in Corona-Zeiten aber sehr aufwändig.

Es gab zuletzt Spekulationen, dass die Spieler regelmässig auf das Coronavirus getestet werden müssen. Stimmt das?

Wir Clubs haben am Montag einen Schreiben der im Zuge der Corona-Krise erschaffenen «Medical Task Force» erhalten, die intensiv daran ist, die Details für den Trainings- und Spielbetrieb auszuarbeiten. Man hat klar signalisiert, dass solche Tests nicht zu Lasten der Bevölkerung ausfallen dürfen.

Was war die grösste Herausforderung für Sie in dieser Ausnahmesituation?

Mit der fast depressiven, düsteren und drückenden Stimmung umzugehen war schwierig. Aber langsam schwingt wieder Hoffnung mit.

Woher nahmen Sie die Zuversicht, der düsteren Stimmung entgegenzuwirken?

Für die Stadt Bochum hat der VfL und der Fussball sehr grossen Wert und wir müssen dafür sorgen, den Club möglichst gut aufzustellen für die Zeit nach der Corona-Krise. Der Fussball wird wieder boomen, Zuschauer werden in die Stadien strömen und Sponsoren die Clubs unterstützen. Aber erst heisst es: auf Sicht manövrieren und eine Etappe nach der anderen nehmen.