Harte Action und schwarzer Humor

Krimi der Woche: «Mit einem Bein im Grab» vom Amerikaner J. A. Konrath ist ein harter, politisch ziemlich unkorrekter, aber unglaublich lustiger Actionthriller.

«Mit einem Bein im Grab» war Konraths allererster Roman, den er 1994, zwei Jahre nach seinem College-Abschluss geschrieben hat. Bild: J. A. Konrath

«Mit einem Bein im Grab» war Konraths allererster Roman, den er 1994, zwei Jahre nach seinem College-Abschluss geschrieben hat. Bild: J. A. Konrath

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Der erste Satz
«Ich sterbe», sagte ich.

Das Buch
Gleich nach dem College hatte J. A. Konrath begonnen, Romane zu schreiben. Es dauerte dann aber zwölf Jahre, bis sein erstes Buch erschien, der erste Band einer Serie um Lieutenant Jacqueline «Jack» Daniels vom Chicago Police Department. Jack Daniels war eine Nebenfigur in seinem ersten Roman «Mit einem Bein im Grab», den Konrath nun überarbeitet und erstmals veröffentlicht hat. Hier ist Phineas Troutt der Held, «ein Problemlöser»: «Ich bin jemand, der gegen Bares Probleme mit Gewalt löst. So einfach ist das.» Daraus ergibt sich eine Geschichte, die rasant und brutal, actionreich und gleichzeitig unglaublich witzig ist. Getreu Konraths Devise, die er im Vorwort der deutschen Ausgabe seines ersten Jack-Daniels-Krimis «Der Lebkuchenmann» so zusammenfasste: «Ich möchte, dass Sie vor Angst zusammenzucken und sich gleichzeitig vor Lachen auf dem Boden wälzen.»

Das gelingt ihm gar nicht schlecht. Dabei ist der Roman aber nicht so simpel gestrickt, wie man es vielleicht erwartet; es mangelt ihm keineswegs an gesellschaftlich relevanten und psychologischen Aspekten. Angeheuert wird der Mann fürs Grobe («Die Leute heuern mich als Mann fürs Grobe an und wundern sich dann, wenn ich tatsächlich grob werde.») von einer Ärztin indischer Herkunft, die in einem Vorort von Chicago eine Abtreibungsklinik betreibt und bedroht wird. Hinter den Drohungen, die sich durch brutale Mafiosi und bezahlte Demonstranten manifestieren, steht ein ultrakonservativer Politiker, der seine Stadt «säubern» will.

Von Gutmenschen hält der schwer an Krebs erkrankte, sich mit Alkohol und Drogen betäubende Phineas Troutt wenig. «Der Mensch ist nichts weiter als ein Klumpen Kohlenstoff, der sich reproduziert und glaubt, dass sein Bewusstsein ihn von anderen Lebewesen unterscheidet», erklärt er der Ärztin einmal seine zynische Philosophie, «aber im Endeffekt läuft es auf das Überleben des Stärkeren hinaus.» Doch ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben stürzt er sich in den Kampf gegen die Bösen, die die Ärztin bedrohen. Er hat ja nicht mehr viel zu verlieren.

Neben slapstickartiger brutaler Gewalt gibt es viel schwarzen Humor. Etwa wenn ein Freund Troutts mit Spargelurin gegen die Demonstranten vor der Klinik vorgehen will, sich dann aber nur selber damit einsaut. Oder wenn Gänse sich an Troutts Erbrochenem gütlich tun und davon drogensüchtig werden. Solche Zwischenspiele zeugen von der überbordenden Fantasie und dem Schalk des Autors. Wer sich von drastischen Szenen nicht abschrecken lässt, wird dieses Buch mit Vergnügen lesen.

Die Wertung

Der Autor
J. A. (Joseph «Joe» Andrew) Konrath, geboren 1970 in Skokie, Illinois, schloss 1992 das Columbia College in Chicago ab «und verbrachte die nächsten zwölf Jahre mit fast 500 Absagen für neun unveröffentlichte Romane», wie es auf seiner Wikipedia-Seite heisst. Erst sein zehntes Buch, «Whiskey Sour», wurde von einem Verlag veröffentlicht, der erste Band der Serie um Lieutenant Jacqueline «Jack» Daniels vom Chicago Police Department. Seither hat er zahlreiche Romane in den Genres Thriller, Horror (teils als Jack Kilborn), Erotica (als Melinda DuChamp) und Comedy veröffentlicht. Laut seiner Website hat er mehr als 30 Romane und über 100 Kurzgeschichten geschrieben. Nach seinen ersten Veröffentlichungen wandte er sich rasch vom hergebrachten Verlagswesen ab und wurde zum Self-Publishing-Pionier, wobei er vor allem die Kanäle von Amazon nutzt. Inzwischen hat er nach eigenen Angaben in 20 Ländern mehr als zwei Millionen Bücher verkauft. Der jetzt auf Deutsch erschienene Titel «Mit einem Bein im Grab», der erste Band der Phineas-Troutt-Trilogie, war sein allererster Roman, den er 1994, zwei Jahre nach seinem College-Abschluss geschrieben hat. Für die späte Erstveröffentlichung habe er die Romane «gründlich und ausführlich überarbeitet», schreibt er im Nachwort. J. A. Konrath lebt in Schaumburg, Illinois, einem Vorort von Chicago.

J. A. Konrath: «Mit einem Bein im Grab» (Original: «Dead on My Feet», Selbstverlag, Schaumburg, Illinois 2017). Aus dem Englischen von Peter Zmyj. Edition M/Amazon Media, Luxemburg 2018. 315 S., ca. 15 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.07.2018, 14:17 Uhr

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