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GastkommentarHeilung vom Social-Media-Wahn

Die Pandemie treibt die Vereinzelung und Isolierung im Kapitalismus auf die Spitze. Religionsgemeinschaften sind das Gegengift.

Social Distancing grassierte schon vor Corona: Den Blick aufs Smartphone geheftet statt aufs Gegenüber.
Social Distancing grassierte schon vor Corona: Den Blick aufs Smartphone geheftet statt aufs Gegenüber.
Foto: Piroschka Van de Wouw (Keystone)

Social Distancing und Selbstisolation sind älter als die Corona-Krise. Diese hat Vereinzelung und soziale Absonderung nur auf die Spitze getrieben. Denn seitdem die sozialen Medien die Gehirne der Menschen okkupiert haben, sondert sich jeder immer mehr in seiner virtuellen Welt ab. Man kennt die Bilder aus dem öffentlichen Verkehr. Einige blättern noch in einer Gratiszeitung, die meisten schauen gebannt, lächelnd oder gequält auf ihr Display. Und ein paar ignorierte Alte starren ins Leere.

Es ist nur ein Reflex einer zusehends atomisierten Gesellschaft. Nicht böse Kapitalisten beuten heute das Humankapital aus. Sondern jeder hat sich selbst zu einer stets zu optimierenden Ich-AG gemacht, einem Profitcenter der freiwilligen Selbstausbeutung. Von der Geisterhand des Marktes zusammengeführt, ergibt dies die fast perfekt funktionierende westliche Wirtschafts- und Gesellschaftsform. Sie läuft wie eine gut geölte Tinguely-Maschine – wenn sie nicht gerade durch eine Seuche lahmgelegt wird. Die Frage bleibt freilich, wozu sie da ist und was sie pausenlos produziert.

Auch die menschliche Interaktion ist in diesem System dem Zwang zur Produktion unterworfen. Die sozialen Medien haben dazu geführt, dass man unaufhörlich sich selbst als authentisch und einmalig produziert und dabei doch nur einer uniformierenden Mode folgt. Das hat den koreanisch-deutschen Philosophen Byung-Chul Han zum maliziösen Satz inspiriert: «Die neoliberale Hölle des Gleichen wird von tätowierten Klonen bewohnt.»

Die einst gelebte reale Gemeinschaft ist zur «Community» geworden, zur Summe der Claqueure, die mit ihren Likes und Smileys den nicht selten narzisstisch angehauchten Egos der Selbstdarsteller applaudieren. Vielleicht wird man die sozialen Medien eines Tages die asozialen Medien nennen.

Die Heilung vom Authentizitäts- und Selbstperformancewahn sieht Han im Ritual. Es kanalisiert den überbordenden Individualismus und führt zur gelebten Gemeinschaft. Allerdings ist Ritual ein weiter Begriff. Auch in James-Bond-Filmen begegnen wir Ritualen. Das Ritual entstammt der Welt des Religiösen. Es ist eine gemeinschaftliche Handlung zur Diesseitsbewältigung. Im Christentum sind das die Sakramente. Sie schaffen Gemeinschaft, jedoch nicht nur horizontal, sondern auch vertikal, indem sie dem Menschen eine Sichtweise eröffnen, die über das Funktionieren und Produzieren hinausweist.

Die Religionsgemeinschaften haben also gute Gründe, weiterhin Rituale zu feiern. Denn sie sind ein Gegengift zum individualistischen Selbstverwertungsbetrieb. Und sie stützen sich auf eine menschliche Grundkonstante, die Alexis de Tocqueville so beschrieben hat: «Das Verlangen nach dem Unendlichen und die Liebe zu dem, was unsterblich ist, hat sich der Mensch nicht von selbst eingeflösst.» Die Seele habe Bedürfnisse, die befriedigt werden müssten. Und möge man noch so bestrebt sein, sie von sich selbst abzulenken, empfinde sie bald Langeweile, werde ängstlich und unruhig inmitten der vordergründigen Genüsse.

Die Corona-Krise hat uns vor Augen geführt, was Vereinzelung und soziale Isolation letztlich bedeuten. Vielleicht liegt einer der positiven Erträge dieser Krise für westliche Gesellschaften darin, dass sie angesichts des Individualisierungsexzesses wieder den Wert sinnstiftender Gemeinschaften und Rituale schätzen lernen.

Eine Utopie ist das nicht. Denn die Corona-Krise hat dem Menschen drastisch vor Augen geführt, wie verletzlich er auch im 21. Jahrhundert noch ist. Er bedarf der Gemeinschaft, gerade auch solcher, die seinem Tun Bedeutung über den Tag hinaus gibt.

17 Kommentare
    Theo Zbinden

    Grichting gehört, zusammen mit Huonder, zu den ewiggestrigen Religionspopulisten, der im Bistum Chur Demokratie mit Füssen tritt. Seine Betrachtungen zur Digitalisierung mögen zutreffen. Es ist aber kein Wunder, dass sich die Jugend von dieser hypokriten Bistumsleitung verabschiedet. Allerdings ist gerade auch ein Grichting nicht in der Lage, dies intellektuell zu verstehen. Von daher ist nachvollziehbar, warum die kath. Kirche massenweise Austritte zu verzeichnen hat. Sie täte gut daran, im Bistum volksnahe und fürsorgliche Kirchenvertreter zu stellen, welche einen Bezug zu den Gläubigen haben.