Zum Hauptinhalt springen

Mamablog: Interview zum Stillen«Heute pumpen die Mütter lieber ab»

«Ich lerne von jeder Frau dazu!» sagt Franziska Summermatter, Gründerin der Zürcher Hebammenpraxis. Foto: Brigit Rufer

Liebe Franziska, in meinem Umfeld habe ich schon die ganze Bandbreite erlebt. Mütter, die ihre Babies vom ersten Tag mit Babymilch-Kapseln aus einer schön designten Maschine zugefüttert haben, oder andere, die mit einem Nervenzusammenbruch in die Klinik eingeliefert wurden, weil es mit dem Stillen nicht geklappt hat. Also ich wäre heute definitiv verwirrter als noch vor 10 Jahren.

Genau, ich könnte den heutigen Zustand nicht besser beschreiben. Es ist richtig, dass sich eine Frau heutzutage fragen darf, ob sie überhaupt stillen möchte. Die Vorzüge sind bekannt, jedoch kann sich nicht jede Frau mit diesem Gefühl anfreunden und das müssen wir akzeptieren. Die meisten Frauen sind aber sehr fürs Stillen und nehmen Hilfe gerne an. Als zweifache Mutter habe ich vor 30 Jahren überall und immer gestillt, schliesslich liefen wir ja auch ohne BH rum, und «Oben-ohne» im Freibad zu liegen, war normal. Heute pumpen die Mütter lieber ab und geben draussen Fläschchen, als dass sie in der Öffentlichkeit stillen. Für mich ist das gewöhnungsbedürftig. Überall sehen wir nackte Brüste! Brust-OP’s werden schon im Nachmittagsfernsehen gezeigt, aber das natürlichste der Welt soll dann eklig sein? Da komm ich nicht mehr mit!

Viele Jungmütter wollen nicht in der Öffentlichkeit stillen: Sportangebot in der Zürcher Hebammenpraxis. Foto: Brigit Rufer

In der Schweiz sind wir ja mit 14 Wochen Mutterschaftsurlaub nicht gerade zeitgemäss unterwegs. Was rätst Du den Müttern in Bezug auf Arbeit und Stillen?

Die meisten Mütter möchten solange wie es geht stillen. Sie machen sich aber schon ihre Gedanken, wie es dann mit dem Abstillen gehen soll. Das wäre weniger der Fall, wenn wir eine gescheite Elternzeit hätten, wie sie unsere nördlichen Nachbarländer kennen. Wenn sie ihr Kind in eine Kita geben, müssen sie ja abgepumpte Milch mitgeben können. Nicht allen Frauen gelingt das Abpumpen aber gleich gut. Es ist ein grosser Druck, alles unter einen Hut zu bringen. In den Pausen abzupumpen, die Milch zu kühlen und sie dann abends nach Hause zu transportieren. Nicht alle Arbeitgeber können sicherstellen, dass ein Raum zur Verfügung steht (nicht das WC!!), wo eine Mutter unter hygienischen Bedingungen pumpen oder stillen kann. Das ist sicherlich auch ein Grund, warum viele Mütter frühzeitig mit dem Stillen aufhören.

Gibt es etwas zum Thema Stillen, das Dir besonders am Herzen liegt?

Ja, mich ärgert masslos, dass impliziert wird, dass alle Frauen voll stillen können. Das stimmt so einfach nicht und erzeugt einen enormen Druck auf uns Frauen! Es ist genauso, wie wenn man behaupten würde, dass jeder Mann einen 12 Zentimeter langen Penis hat. Es gibt anatomische, psychologische und hormonelle Begebenheiten, welche man berücksichtigen muss, um eine Still-Situation gut zu erfassen. Ich wünsche mir, die Leute würden mehr Hilfe leisten, statt zu behaupten, man wisse, wie frau es «richtig» macht. Je älter ich werde, desto mehr weiss ich: Ich lerne von jeder Frau dazu! Und dafür und für das grosse Vertrauen, bin ich sehr dankbar.

Was soll dieser Druck auf uns Frauen? Stillen ist keine Selbstverständlichkeit. Foto: Brigit Rufer
16 Kommentare
    Bettina Kunz

    Mir gibt es schon zu denken, dass die Emanzipation, die sich die Frauen erkämpft haben, durch diese "Still-Euphorie" wieder sukzessive zurückgebaut wird. Wer mit dem Partner die Kinder gemeinsam grossziehen will und eine egalitäre Aufteilung der Erwerbs-, Haus- und Familienarbeit anstrebt, kann schlecht auf ein monatelanges Stillen setzen (es sei denn, der Partner hat auch monatelang Vaterschaftsurlaub und übernimmt jeweils das Wickeln und die Körperpflege des Babys).

    Wer monatelang stillt und auf sich nimmt, dies auch noch mit Arbeit und Krippe zu vereinbaren, muss sich nicht wundern, wenn in der Familie danach die Rollen traditionell verteilt sind.