Das Elfenbeinmassaker

Lässt sich die Ausrottung der Elefanten in Tansania noch verhindern? Ja, wenn sich Tierschutz für Einheimische lohnt.

Die Überreste eines Elefanten, den Wilderer erschossen und dem sie die Stosszähne abgesägt haben. Foto: Michael Nichols («National Geographic», Getty Images)

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Sie sind nirgendwo zu sehen. Obwohl Ben, der ­Pilot, seine Cessna so tief über den Rufiji-Fluss steuert, dass ihre Flügel in einer der unzähligen Kurven das Wasser zu berühren drohen. Von der Maschine aufgeschreckt, drängeln sich Hunderte von Nilpferden in Richtung Ufer, fast ebenso viele Krokodile lassen sich verstört ins Wasser gleiten. Aber Elefanten? Keine. Weder lebendige noch tote, die als voluminöse graue Masse mit einer klaffenden Wunde im Gesicht auf dem Boden liegen würden. Lediglich in Matambwe, dem Hauptquartier der Reservatsverwaltung, lassen sich kurz nach Bens rauer Landung vier Dickhäuter blicken: als ob sie wüssten, dass sie nur hier wirklich sicher sind.

«Killing Field»

Einst tummelten sich im Selous-Tierreservat im Süden Tansanias so viele Elefanten wie nirgendwo sonst auf der Welt. Mehr als 110'000 streiften vor 40 Jahren durch die Trockenwälder – heute sollen es noch 15'000 sein. Das Naturschutzgebiet von der Grösse der Schweiz gilt unter Experten als Afrikas «Killing Field»: Wenn es so weitergehe, hat der World Wide Fund for Nature (WWF) ausgerechnet, werde das 1982 zum Weltkulturerbe erklärte Schutzgebiet in zwölf Jahren «elefantenfrei» sein.

Das Massaker hinterlässt nicht einmal Spuren. Wegen der schieren Ausdehnung des Wildgebiets haben sich Hyänen, Geier und Insekten bereits der Überreste der geschlachteten Dickhäuter angenommen, lange bevor einer der knapp 700 Ranger des Reservats auf deren Überreste stossen würde – falls die Wilderer neben den wertvollen Stosszähnen nicht auch das Elefantenfleisch mitgenommen haben. In diesem Fall sind die einzigen Zeugen des Verbrechens höchstens ein paar Fahrräder, die aufgestörte Wilddiebe im Busch zurücklassen. Sie wurden im Hauptquartier Matambwe zu Dutzenden auf der Ladefläche eines Lastwagens aufgestapelt.

Im südafrikanischen Johannesburg begann letzten Samstag die 17. Konferenz der 183 Mitglieds­staaten der Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora ­(Cites), auf der bessere Schutzmassnahmen debattiert werden. Die Erfahrungen im Selous-Reservat spielen dabei eine herausragende Rolle.

Auf Wildhüter wird geschossen

James Nchimbi wird von seinen Freunden «Rambo» genannt. Der 34-jährige Vater von zwei Kindern trägt eine grüne Uniform und ein knallrotes Béret, auf dem eine goldene Büffelkopfbrosche prangt. Nchimbi ist Mitglied einer Taskforce, die Tansanias Ministerium für Naturressourcen kürzlich aufgestellt hat: von amerikanischen und israelischen Spezialkräften ausgebildete Rangers, welche die ­illegalen Elfenbeinjäger stoppen sollen.

«Rambo» zieht zweimal im Monat mit mehreren notdürftig ausgebildeten Dorfbewohnern los, um zehn Tage lang zu Fuss einen minimalen Teil des Reservats an dessen Südwestgrenze zu patrouillieren – eine Tätigkeit, die er bereits mehrmals um ein Haar mit dem Leben bezahlte. Einmal verfehlte ihn der Schuss eines Wilderers nur knapp. Ein anderes Mal stellte er eigenhändig zwei Elefantenkiller kalt, nachdem seine Begleiter geflüchtet waren. Beim Nahkampf, den der Kung-Fu-Experte für sich entscheiden konnte, brach er sich ein Bein: Trotzdem schleppte er sich – erst zu Fuss und dann auf dem Motorrad – noch selbst ins Spital.

Wilderer mit alten Schiessbrügeln

In den vergangenen drei Jahren sah Nchimbi mehr als 30 Elefantenkadaver, verhaftete 50 Wilderer und sagte in 76 Gerichtsverfahren aus. Auf dem Handy hat er unzählige Fotos und Videos gespeichert, die verstümmelte Elefanten, verhaftete Wilderer und deren Gewehre zeigen. Weil sich der Ranger ein umfangreiches Informantennetz aufgebaut hat (deren Mitglieder er zum Teil aus eigener Tasche bezahlt), weiss er über die Operationsweise der Elfenbeindiebe mehr als jeder andere: dass sie in Gruppen von fünf bis zwanzig Personen los­ziehen, denen Ortskundige als Führer sowie zumindest ein ehemaliger Soldat als Schütze angehören.

Meist verfügen die Wilderer über alte Schiessprügel oder unpräzise russische AK-47-Schnellfeuer­gewehre, die das Töten der Dickhäuter laut Nchimbi zu einer «ekelhaften Angelegenheit» machen.

Worüber der Ranger nicht so gerne spricht: Die Hintermänner der Wilderer sitzen oft in den höchsten Ebenen der tansanischen Politik. Mohsin Abdallah, der im von Nchimbi patrouillierten Teil des Reservats eine Jagdkonzession hält, wird verdächtigt, in den Stosszahnhandel verwickelt zu sein. Der Mann zählt zum Kern der seit der tansanischen ­Unabhängigkeit vor 55 Jahren regierenden Partei der Revolution (CCM) und ist mit deren früherem Generalsekretär befreundet. Als der damalige ­Naturschutzminister Khamis Kagasheki vor drei Jahren zum Kampf gegen die Wilderer aufrief, wurde er von seiner Partei schnell wieder zurückgepfiffen. Die zu Hilfe gerufenen Soldaten griffen viel zu hart durch, hiess es. Die erfolgreiche Kampagne wurde schleunigst wieder abgebrochen.

Das Selous-Reservat in Tansania Grafik vergrössern

Jetzt hoffen die Elefantenschützer auf John Magufuli, der im vergangenen Jahr an die Macht kam und sich als Korruptionsbekämpfer einen Namen macht. Tatsächlich nahm die Polizei endlich die seit den 70er-Jahren in Tansania lebende Chinesin Yang Feng Glan fest, die vermutlich nicht zu Unrecht den Beinamen «Ivory Queen» trägt. Glan soll den illegalen Elfenbeinhandel zwischen Tansania und China organisiert haben. Nach monatelangem Hin und Her hat letzten Freitag der Prozess gegen die 66-Jährige begonnen. China und dessen Nachbarstaat Vietnam sind die wichtigsten Abnehmer­länder des Elfenbeins, das auf dem Schwarzmarkt 1000 bis 1500 US-Dollar pro Kilogramm einbringt. Am Verlauf der Verhandlung gegen die Elfenbeinkönigin wird abzulesen sein, wie ernst die ­tansanische Regierung den Kampf gegen die Elefanten­killer nimmt.

Endgültig wird dieser Krieg allerdings vor Ort im Selous-Reservat entschieden. Denn solange die am Rand des Reservats lebende Bevölkerung die Elefanten nicht als wertvolle Nachbarn schätzt, werden die grössten Landtiere der Welt nie Ruhe finden. «Viele der Leute hier hassen die Elefanten», sagt Ranger Nchimbi. Und das nicht ohne Grund: Erst vor wenigen Wochen tötete ein Elefant im Dorf Likuyuseka wieder einen Farmer. Dieser war gerade 26 Jahre alt, arbeitete auf seinem Feld und hatte eine schwangere Frau.

Weil das ­Selous-Reservat keine Zäune hat, um die Wanderungen der Elefanten einzuschränken, dringen die mächtigen Tiere immer wieder in die Siedlungsgebiete der Menschen ein. «Wird dieser Konflikt nicht sorgfältig gemanagt», sagt Johannes Kirchgatter, Afrika-Direktor des WWF, «werden alle Bemühungen zum besseren Elefantenschutz nichts bringen.»

Nützt kontrollierte Jagd den Tieren?

Auf Initiative des WWF schlossen sich Dörfer, die am Rand des Selous-Parks liegen, zu Wildlife ­Management Associations (WMA) zusammen. Sie entwickeln Strategien zur Koexistenz mit den Tieren und nutzen ihre Umgebung als wirtschaftliche Ressource. Die Dörfer erhalten ein Viertel der 30'000 US-Dollar, die Jagdfirmen für eine Konzession im Jahr bezahlen, und zusätzlich die Hälfte der Summe, die ein Jäger für jedes geschossene Tier hinblättern muss. Damit können sich die Dorf­bewohner den Bau neuer Brunnen oder Schul­gebäude leisten. Im Dorf Maganga läuft das prima: «Wir sind zufrieden», sagt ein Grundschullehrer.

Wenige Autostunden entfernt, in Kiuma, sieht die Lage ganz anders aus. Auch hier haben sich Dörfer zu einer WMA vereint: Doch alle Bemühungen, eine Jagdfirma für eine Konzession zu finden, misslangen. Nun bekommt die Dorfbevölkerung kein Geld. Dafür trampeln die Elefanten ihre Felder platt. «Wenn die Leute hier die Tiere schützen sollen, dann muss für sie etwas herausspringen», sagt Matumura Matumura in fliessendem Deutsch. Der Arzt lehrte einst an der Heidelberger Uniklinik und leitet nun Kiumas Missionskrankenhaus.

Wenn Matumura eines nicht ausstehen kann, dann sind es Europäer, die Afrikanern erklären, wie sie ihre Umwelt zu schützen haben. Indem sie etwa sagen, dass die Jagd gegen den Tierschutz verstosse und unterlassen werden müsse. Obwohl kontrollierte Jagd durchaus umweltfreundlich sei und die Anstrengungen zum Schutz des Reservats nur durch Grosswildjagd finanziert werden könnten, sagt Matumura. «Es gibt keine Alternativen.»

Ein schwarzes Loch

Mit dem Selous-Reservat hat die tansanische Regierung ein Siebtel der Landesfläche für den Naturschutz reserviert. Ökonomisch ist das riesige Gebiet jedoch ein schwarzes Loch: Jährlich nimmt die Regierung gerade sechs Millionen Euro aus Jagd- und Tourismusabgaben im Selous ein – die Kosten für den Schutz des Reservates liegen um ein Viel­faches höher. Zugute kommt die unangetastete ­Region in erster Linie ausländischen Tierfilmern oder wohlhabenden Europäern, die hier Ferien machen. Die Bevölkerung Kiumas dagegen hat ausser Ärger nichts davon. Der Wert des Weltkulturdenkmals ist äusserst unfair aufgeteilt: Er nützt dem reichen Norden und kostet den armen Süden.

Kein Wunder, dass die Begehrlichkeiten nach einer profitableren Nutzung des Reservats immer grösser werden. In Selous’ Westen entdeckten ­Geologen vor Jahren Uran: Um dem russischen Nuklearkonzern Rosatom den Abbau des Bodenschatzes zu ermöglichen, wurde eine Fläche von 700 Quadratkilometern aus dem Reservat ausgegliedert. Auch im Rest des Gebiets wurden schon Konzessionen zur Erkundung von Gas- und Erdölreserven vergeben. Zudem kursieren Pläne, mitten im Selous einen über 1000 Quadratkilometer grossen See aufzustauen, um die Hauptstadt Dar es Salaam mit mehr Strom versorgen zu können. Und schliesslich treiben immer mehr nomadische Hirten ihr vom Bevölkerungswachstum und der Klimaerwärmung verdrängtes Vieh in das Wildgebiet. Kürzlich machten Ranger vom Flugzeug aus mehr als 20'000 Rinder innerhalb der Selous-Grenzen aus.

Verschärfen oder liberalisieren?

Noch eineinhalb Wochen werden Cites-Delegierte in Johannesburg darüber beraten, wie sich das Aussterben der Elefanten verhindern lässt. Dabei steht vor allem zur Debatte, ob man der Gefahr eher mit verschärften oder liberalisierten Handelsverboten begegnet. Die Frage, wer Afrikas Schutzgebiete ­finanzieren soll, kommt nur am Rand zur Sprache. Vertreter der Industrienationen glauben, dass afrikanische Staaten für die Pflege des Welterbes auf eigene Entwicklungsmöglichkeiten verzichten sollen. Dieses Kalkül könnte sich als Fehler erweisen. «Erst wenn die Leute hier feststellen, dass ein lebender Elefant für sie wesentlich mehr wert ist als ein toter», weiss Ranger James Nchimbi, «werden die grossartigen Lebewesen wirklich sicher sein.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.09.2016, 11:30 Uhr

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