Der aufrechte Gang

Ötzis Schuhe waren gepolstert. Roms Legionäre legten bis zu 60 Kilometer am Tag zurück. Das Trottoir verdanken wir der Französischen Revolution: Eine Geschichte des Zufussgehens in elf Aperçus.

Manche Handwerksgesellen verelendeten auf der jahrelangen Wanderung: Zimmerleute 1936 auf der Walz. Foto: Ullstein Bild

Manche Handwerksgesellen verelendeten auf der jahrelangen Wanderung: Zimmerleute 1936 auf der Walz. Foto: Ullstein Bild

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Ardi mit der Spezialzehe

Die Bipedie, das Gehen auf zwei Beinen, stammt allem Anschein nach aus Afrika. Ardi, wie Forscher das in Äthiopien entdeckte Fossil tauften, dürfte vor 4,4 Millionen Jahren die erste Fussgängerin gewesen sein. Allerdings nur in Teilzeit. Ardi lebte in zwei Welten. In den Bäumen der Savanne zog sie auf allen Vieren durch das Astwerk und krallte sich mit weit abspreizbaren grossen Zehen fest; auf dem Boden hingegen richtete sie sich auf. Lucy von der Gattung Australopithecus afarensis ging dann, vor 3,2 Millionen Jahren, schon sehr viel souveräner. Sie konnte den Fuss abrollen, legte weite Wege zurück, schaffte pro Stunde drei bis vier Kilometer. Durch den aufrechten Gang bekam der Zweibeiner die Hände frei und konnte Dinge tragen: ­Babys, Nahrung, Waffen. Die Steigerung seiner Beweglichkeit forderte und stimulierte sein Gehirn entscheidend.

Der Homo erectus als Migrant

Das Phänomen Migration ist zwei Millionen Jahre alt. Clans von Homo ergaster und Homo erectus verlassen irgendwann Ostafrika. Die Wanderung, die sich über unendlich viele Generationen erstreckt, zielt zuerst nach Indonesien, Zentralasien, China. In einem Höhlensystem bei Peking hat man 780'000 Jahre alte Knochen von 50 Exemplaren des Homo erectus entdeckt. Vor gut 600'000 Jahren kommen die Vormenschen nach Europa. Sie erlegen mit dem Wurfspeer Grosswild. Jagen bedeutet prinzipiell gehen: Man folgt dem Wild tagelang und muss höher gelegene Geländepunkte erklimmen, um zu spähen. Eine Jägerhöhle der Urzeit liegt im Appenzeller Alpstein; auf 1450 Metern über Meer haben Forscher beim Wildkirchli Werkzeug von Jägern gefunden, die vor 50'000 Jahren hier lagerten.

Ötzi auf der Kupferstrasse

Im bayrischen Abensberg gibt es vor 7000 Jahren ein Feuersteinbergwerk, das Material für Bohrer, Klingen, Pfeilspitzen liefert. Aus dem Verkehr von und zu dem Bergwerk entsteht Europas älteste Handelsroute, die Feuersteinstrasse zwischen Bayern und Böhmen. Im 4. Jahrtausend vor Christus wird die Kupferstrasse wichtig, die von Norden über die Alpen nach Verona führt. Auf ihr ist Ötzi, der Mann aus dem Eis, um 3200 vor Christus unterwegs. Bei seinem Tod ist er gut 45, tätowiert, hat Flöhe und besitzt ein Kupferbeil. Und er trägt Hosen und einen Mantel aus Schaffellstücken. Seine bergtauglichen Schuhe sind kunstvoll gefertigt. Den Innenschuh bildet ein mit Heu gepolstertes Grasschnurnetz. Der Aussenschuh besteht aus Hirschleder. Die mit Lederriemen ­fixierte Sohle ist aus Bärenleder, die Schnürsenkel aus Lindenbast.

Kaiser Sandälchen

Das Römische Reich hat zeitweise Hunderttausende Legionäre unter Waffen. Und es unterhält Strassen von der Sahara bis zur Nordsee und von Mesopotamien bis zum Atlantik. Die Gesamtlänge beträgt 80'000 Kilometer. Roms Viae publicae und Viae militares sind in der Regel fünf Meter breit, mit Kies oder Sand belegt oder gar mit Steinen gepflästert. Die Legionäre sollen in Sechserreihe ausziehen können. Alle 1000 Doppelschritte, alle 1,5 Kilometer, steht ein Miliarium (eine Liste solcher Meilensteine in der heutigen Schweiz findet man bei Wikipedia unter Miliarium). Ein Tagesmarsch mit Gepäck ist 30 Kilometer lang. Im Eilschritt muss der Legionär 36 Kilometer täglich zurücklegen. Steht eine Schlacht an, werden es bis zu 60 Kilometer, wobei das Gepäck nachgeliefert wird. Die genagelte Ledersandale Caliga des Legionärs gibt in der Verkleinerungsform Kaiser Caligula den Beinamen. Er verbrachte seine Jugend in Militärlagern.

Vierstündiger Kirchgang

Im Mittelalter leben gut neun Zehntel der Menschen Mitteleuropas auf dem Land. Die Landwirtschaft ist Tag für Tag mit endlosen Fussmärschen verbunden. Viele Bauern halten weit auseinander­liegende Kleinstgrundstücke; sie zu erreichen, bedingt Gänge von bis zu 30 Kilometern. Die Feldarbeit besteht auch aus Gängen, für das Pflügen einer Hektare Ackerland sind rund 100 Stunden nötig. Hinzu kommen Botengänge für den Grundeigentümer, Einsätze als Jagdtreiber, Marktgänge. Sowie der Kirchgang. Kleine Dörfer haben keine eigene Kirche, sodass am Sonntag weite Fussmärsche nötig sind. So müssen die Leute des Walserweilers Fondei über Langwies im Schanfigg im Hochmittelalter nach St. Peter in den Gottesdienst. Das sind hin und zurück gut vier Stunden.

Pseudoblinde und Klopffechter

Nach Pestepidemien, aber auch nach dem Dreissigjährigen Krieg (1618–1648) ist ein Zehntel der Menschen Mitteleuropas permanent unterwegs – aus purer Not. Gruppen und Berufe, die man auf den Wegen und Strassen antrifft: Söldner, Wanderarbeiter, Handwerksburschen, Hausierer, Zigeuner, Pilger, Mönche und Nonnen, Begarden und Beginen (Angehörige frommer Gemeinschaften), universitäre Scholaren, Klopffechter (Schaukämpfer auf Jahrmärkten), Spielleute, Quacksalber, Teufelsbeschwörer, Akrobaten, Tänzer, Taschenspieler, Jongleure, Clowns, Feuerfresser, Tierstimmenimitatoren, Bärenführer, Dresseure (mit Hunden, Böcken, Meerschweinchen), Tagwerker, Kesselflicker, Scherenschleifer, Korbflechter, Krüppel. Und dazu falsche Kranke, die betteln: Leute mit blutig angemaltem Arm in der Binde, Grautener (falsche Epileptiker), Pseudoblinde. Viele von ihnen sterben frühzeitig an Unterernährung und Kälte. Denn wasserabstossende Textilien gibt es nicht. Fällt kalter Regen, folgt schlimmstenfalls die Lungenentzündung.

Pilgern für einen Toten

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit ist die Christenheit äusserst mobil. Geistliche streben Synoden und Konzilen zu, Bettelmönche gehen um, und vor allem sind da die Fernpilger. Sie wallfahren nach Jerusalem, nach Rom zu den Gräbern von Petrus und Paulus, nach Santiago de Compostela zu den Gebeinen des Apostels Jakobus oder zu Einsiedelns Schwarzer Madonna. Die Klöster sind überfordert, weswegen Hospize und Hospitäler entstehen. Am Jakobsweg steht circa alle 15 Kilometer eine Ess- und Schlafstation. Mit dem Buchdruck kommen die ersten Pilgerhandbücher. In einem dieser Führer empfiehlt der Bettelmönch Hermann Künig Schuhe mit Schnürung auf Knöchelhöhe, damit «kein Kot darein falle». Um dem Dreck, den Strapazen, den Halsabschneidern zu entgehen, nehmen Reiche wo möglich gern das Schiff. Oder sie hinterlassen testamentarisch Geld für Söldnerpilger, die nach ihrem Tod stellvertretend für sie pilgern.

Wandern ist des Müllers Unlust

«Das Wandern ist des Müllers Lust», heisst es im Lied. Das Gegenteil trifft zu. Die Gesellenwanderei ist Regelterror. Je nach Zunft dauert sie Jahre. Sie muss in Continuo, ohne Unterbruch und Heimat­visite, vonstatten gehen. Die Gesellen auf Walz werden an so manchem Stadttor abgewimmelt. Bei Schlagbäumen und Zollstationen kommt es zu Verhören, bevor das Wanderbuch abgestempelt wird. Mancherorts müssen die ­Gesellen eine Untersuchung auf ansteckende Krankheiten über sich ergehen lassen. Die Wanderschaft über Tausende Kilometer dient der Steuerung des Arbeitsmarktes: Es gibt zu viele Meister, weswegen der Nachwuchs vergrault wird. Viele Gesellen enden in den Fängen militärischer Werber. Sie verkommen zu Vaganten und Bettlern. Oder sie enden in einem Armenspital der Fremde. August Bebel, Begründer der deutschen Arbeiterbewegung, macht sich 1858 als Drechslergeselle auf die Walz. Sein Bericht beginnt mit dem Satz: «Am 1. Februar trat ich die Reise zu Fuss bei heftigem Schneetreiben an.»

Galopin und Schnapphahn

Bis ins 16. Jahrhundert halten sich Adelige und hohe Kleriker sogenannte Vorläufer. Diese erkunden den Weg der Kutsche, legen bei Rad- und Achsbruch Hand an, leuchten mit der Fackel den Weg aus, scheuchen rüde das Volk aus dem Weg. Auch als Galopins werden sie eingesetzt, als private Postläufer von ­Palais zu Palais. Daraus entsteht der Stand der Meldeläufer und Kuriere, die speziell trainiert werden und in bleiernen Schuhen Übungsläufe absolvieren. Nach dem Aufstieg des Bürgertums gibt es die Schnellboten weiterhin, einer stellt 1530 seinen Stand in einem Flugblatt vor: «Im Winter leyd ich grosse kelt/im herbst mich das ungwitter quelt/Im Summer leyd ich grosse hyz/Da ich mich offt Beym Wirt versitz.» Bezahlt werden die Boten nach Meilen; für Dringlichkeitssendungen, Nachtgänge, besondere Gefahren gibt es Zulagen. Einer der Feinde der Zunft ist der Schnapphahn. Der Wegelagerer.

Rousseaus Doggenunfall

Der Sonntagsspaziergang hat als Institution bis heute überlebt. Geboren ist das fussgängerische Flanieren aus dem Geiste der Französischen Revolution. Als sie Ende des 18. Jahrhunderts ausbricht, sind die meisten Strassen von ­Paris trottoirlos. Zu Fuss gehen ist unangenehm, ja gefährlich, Kutschen schiessen aus Toreinfahrten und nehmen keine Rücksicht, Reiter preschen vorbei, wobei Kot spritzt – der aufstrebende Bürger sieht sich unterwegs in der Stadt auf Schritt und Tritt gefährdet und gekränkt. Vordenker und Pionier des Spazierens ist der Genfer Philosoph Jean-Jacques Rousseau. Er fordert auch, dass Kinder mehr gehen statt sitzen und kleine Mädchen aus ihren steifen Röcken befreit werden. Rousseau selbst geht oft und viel zu Fuss. Er liest dabei Zeitschriften und Bücher, kritzelt Ideen auf Spielkarten, prallt einmal mit einer dänischen Dogge zusammen, sodass er stürzt. Bald nach Rousseaus Tod im Jahre 1778 beginnt unter Napoleon flächendeckend der Bau von Trottoirs. Europa schaut hin und macht es nach.

Hölderlins Osterroute

Den Volkssport Wandern begründen massgeblich Deutsche. Während in der Industrialisierung die Bevölkerung zu wachsen beginnt, suchen deutsche Dichter in der Natur eine neue Freiheit. Die verachtete Bewegungsart der Unterschicht begeistert nun die Gebildeten und Gehobenen. Friedrich Hölderlin ist einer der frühen Wanderer, die andere inspirieren. Mit zwei Freunden wandert der Poet zu Ostern 1791 mal kurz von Tübingen via Schaffhausen, Winterthur, Zürich zum Vierwaldstättersee und retour. Die Landschaftsbeschreibungen deutscher Autoren, speziell ihre Schwärmerei über die Schweizer Alpenkulisse, lösen den hiesigen Frühtourismus aus. Schliesslich werden die Schweizer selbst zu Wanderern, und sei es nur, um Fremde zu führen. 1934 werden die Schweizer Wanderwege, eine nationale Erfolgsgeschichte, von einem Lehrer mitgegründet: Eine frustrierend gefährliche Wanderung der Klausenpassstrasse entlang hat Johann Jakob Ess auf die Idee gebracht, dass es Pfade speziell für Fussgänger braucht. Heute gibt es hierzulande 62'000 Kilometer markierte Wanderwege.

Quelle: Bücher über das Gehen, vor allem Johann-Günther Königs «Zu Fuss. Eine Geschichte des Gehens», Reclam, 2013. 239 S., ca. 17 Fr.

Erstellt: 27.03.2014, 08:42 Uhr

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Der aufrechte Gang

Der aufrechte Gang Der Mensch als Fussgänger - die ersten vier Millionen Jahre.

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