Die Krise des Sozialismus

Die Sozialisten verlieren ihre Vorbilder.

Wurde von der Juso jahrelang als Vorbild gehegt und gepflegt: der verstorbene venezolanische Präsident Hugo Chávez. Foto: Keystone

Wurde von der Juso jahrelang als Vorbild gehegt und gepflegt: der verstorbene venezolanische Präsident Hugo Chávez. Foto: Keystone

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Das sozialistische Modell Venezuelas implodiert, François Hollandes Sozialisten werden an der Urne hart abgestraft, und bei mir werden Erinnerungen wach. Erinnerungen an ein Podium des «Tages-Anzeigers» zur Zukunft der SP, auf dem ich vor vier Jahren sass. Mehr als meine eigene beeindruckte mich damals die Performance von Jacqueline Fehr und ganz besonders von Cédric Wermuth. Sie waren die SP-Aushängeschilder der Stunde und mit ihrer Vorstellung einer neuen, kämpferischen Sozialdemokratie trafen sie den Nerv des Publikums. Anders als viele ihrer Parteikollegen hatte die beiden «die Krise des Kapitalismus» nicht auf dem falschen Fuss erwischt.

Als Lehman 2008 pleiteging, die Finanzmärkte zum Stillstand kamen und die Welt in eine Wirtschaftskrise stürzte, brandete Kapitalismuskritik bis weit in bürgerliche Kreise hinein. Viele Genossen mussten sich dagegen erst einmal neu sortieren. Sie hatten den Zusammenbruch des Sozialismus miterlebt, waren vom Krebsgang der Gewerkschaften geprägt und oft stärker an postmateriellen Werten und Ökologie interessiert als an der Kritik am Kapitalismus.

Doch nun sprachen plötzlich Leute wie der Zeremonienmeister von Davos, Klaus Schwab, von dessen Krise. Während die Genossen der (Wende-) Generation X den Kapitalismus als Kampfbegriff überhaupt erst in ihren aktiven Wortschatz integrieren mussten, blühten die noch jüngeren Juso auf. Den realexistierenden Sozialismus und sein klägliches Ende hatten die späten 80er-Jahrgänge nicht miterlebt. Die Probleme des realexistierenden Kapitalismus, das Ende der Ära Schröder/Blair und die Orientierungskrise, in der die Sozialdemokratie seither steckt, dagegen sehr wohl.

Dass die sozialistisch orientierte Linke seit Jahrzehnten ohne realpolitischen Einfluss war, wurde 2008 auf einmal zu ihrem Trumpf. Es waren offensichtlich die anderen, die für die Fehlentwicklung verantwortlich waren. Genau dies wussten Fehr und Wermuth damals am Podium im Zürcher Kaufleuten sehr geschickt für sich zu nutzen. Während sie ihr linkes Utopia in schönsten Farben malten, musste, wer dagegen argumentierte, mit mauen und grauen Fakten hantieren. Doch in der langen Frist genügt Utopia nicht. Und selbst ein begnadeter Rhetoriker wie Wermuth muss auf das eine oder andere reale und erfolgreiche Vorbild verweisen können. Eines davon war François Hollande. Im Präsidentschaftswahlkampf 2012 mauserte sich der Franzose zum Helden derer, die den Erfolg der Linken – programmatisch und elektoral – in der radikalen Abkehr von «New Labour» und «Neuer Mitte» sahen. Statt sich gegen die Mitte zu verbeugen, scheute sich Hollande nicht vor klassenkämpferischer Rhetorik – genau, wie es sich die linken Sozialdemokraten auch hierzulande wünschten.

Heute, nur zwei Jahre später, steckt Hollande tief in der Krise und Schröders eben noch verachtete Agenda-Politik wird aus den Reihen der französischen Sozialisten auf einmal zum Königsweg erklärt.

Vorbild Chávez?

Düsterer noch steht es um ein anderes Vorbild, das besonders von den Juso jahrelang gehegt und gepflegt wurde: Hugo Chávez’ venezolanischer Sozialismus. Es ist noch kein Jahr her, da schrieb Wermuth in einem Autorenbeitrag in «Le Matin» sehr wohlwollend über den Weg des lateinamerikanischen Petrostaats.

Es stimmt durchaus, dass Chávez einige Erfolge in der Armutsbekämpfung vorzuweisen hatte. Nur stimmt eben auch die alte Erkenntnis, dass nachhaltig nur umverteilen kann, wer Wohlstand generiert. Venezuelas wirtschaftliches Grounding deckt schonungslos auf, was seit dem Zusammenbruch des Sozialismus vor einem Vierteljahrhundert bei einigen aus dem Blickfeld gerückt ist: Der Kapitalismus mag nicht perfekt sein – aus dem Sozialismus macht dies noch lange keine bessere Alternative. Nun, da sich auch Kuba in eiligen Schritten vom Sozialismus entfernt, bleibt als Vorbild wohl nur noch Nordkorea übrig. Anders als damals im Kauf­leuten angekündigt, hat die Reorientierung nach links übrigens auch die Schweizer SP nicht wirklich auf den Erfolgspfad zurückgebracht.

Erstellt: 01.04.2014, 06:33 Uhr

Michael Hermann

Der Politgeograf wechselt sich mit der Autorin und Schauspielerin Laura de Weck und dem ehemaligen Preisüberwacher Rudolf Strahm ab.

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