Wie Snowden im letzten Moment aus dem Hotel flüchtete

Journalist Glenn Greenwald erzählt in seinem neuen Buch, wie er NSA-Whistleblower Edward Snowden in Hongkong aufspürte.

«Sie müssen schnellstens nach Hongkong, am besten morgen, oder?» Glenn Greenwald im Sommer 2013 in Rio de Janeiro, wo er lebt. Foto: Sergio Moraes (Reuters)

«Sie müssen schnellstens nach Hongkong, am besten morgen, oder?» Glenn Greenwald im Sommer 2013 in Rio de Janeiro, wo er lebt. Foto: Sergio Moraes (Reuters)

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3. Juni 2013, Hongkong, Stadtteil Kowloon, kurz vor 10 Uhr morgens: Die Journalisten Glenn Greenwald und Laura Poitras irren durch das Fünfsternhotel Mira auf der Suche nach dem verdammten Plastikalligator. Spätestens zur vollen Stunde müssen sie dort eintreffen, um den Informanten nicht zu verpassen. Laut Anweisungen sollen sie in einem Raum, in dem eine Krokodilskulptur aufgestellt sei, einen Hotelmitarbeiter fragen, ob es in der Nähe ein geöffnetes Restaurant gebe. Das wäre das Zeichen für den Informanten, sich zu erkennen zu geben. Falls bis 10.02 Uhr niemand auftaucht, sollen sie es um 10.20 Uhr nochmals versuchen.

«Woher wissen wir, dass er es ist?», fragt Greenwald.

«Er wird einen Rubik-Zauberwürfel in der Hand haben», antwortet Poitras.

Schliesslich finden sie den Alligator. Sie stellen einem Angestellten die Code-Frage, setzen sich auf ein Sofa und warten. Aber niemand taucht auf.

Tagebuch, Krimi, Streitschrift

So schildert es der Reporter und ehemalige Anwalt Greenwald in seinem Buch «Die globale Überwachung», das heute in Europa und den USA erscheint. Das Werk ist Tagebuch, Krimi, Rechercheprotokoll und Streitschrift in einem. Erstens fasst Autor Greenwald die Überwachung durch die National Security Agency (NSA) nochmals zusammen und zeigt auf, wo überall Daten abgegriffen werden, vom Unterseekabel bis zum Facebook-Server. Zweitens plädiert er dafür, das Recht auf Privatsphäre härter zu verteidigen: «Wir begreifen alle instinktiv, dass der Privatbereich der Ort ist, wo wir ohne den wertenden Blick anderer handeln, denken, sprechen und darüber entscheiden können, wie wir sein wollen.» Drittens übt er Kritik an den US-Medien, die sich «zum Sprachrohr der Regierung gemacht haben und für sie die Drecksarbeit erledigen». Und viertens berichtet er erstmals en détail von jenen Tagen in Hongkong, als er seinen Informanten kennen lernte. Der Stoff ist im Wortsinne filmreif: Wie der «Guardian» gestern bekannt gab, steht Greenwald in Verhandlungen mit der Produktionsfirma Sony. Es geht um einen Kinofilm.

10.20 Uhr. Immer noch kein Informant beim Plastikalligator.

«Ein surrealer Thriller»

Würde man Greenwald nach dem Genre des Films fragen, würde er antworten: «ein surrealer Thriller». Mit diesen Worten umschreibt er seine Tage in Fernost. Als er in Hongkong ankommt, weiss er so gut wie nichts über seine Quelle. Erst wenige Tage zuvor hatte er erfahren, dass ein Informant namens «Verax» ihn in der Stadt treffen wollte – wegen einer hochgeheimen Sache. Laura Poitras, die auf Überwachung und Geheimdienste spezialisierte US-Dokumentarfilmerin, hatte den Kontakt hergestellt. Greenwald war zuerst misstrauisch. Er erhielt nach eigenen Angaben täglich Nachrichten von dubiosen Quellen, die ihm sensationelle Enthüllungen versprachen. Dann aber hatte «Verax» ihm ein verschlüsseltes Datenpaket geschickt, das eine journalistische Bombe enthielt: Die NSA betreibe ein Geheimprogramm namens Prism, mit dem sie bei US-Unternehmen wie Microsoft, Skype oder Apple Informationen über Bürger «direkt von den Servern» saugen könne. Seither stand Greenwald unter Strom.

Mit den Prism-Files im Gepäck reist er sogleich von seinem Wohnort Rio nach New York, um die Dateien dem US-Ableger des «Guardian» zu zeigen. Seit neun Monaten schreibt er eine Kolumne für das britische Traditionsblatt. «Ach du heilige Scheisse», entfährt es der Leiterin Janine Gibson, als sie das Material sieht. «Sie müssen schnellstens nach Hongkong, am besten morgen, oder?»

Im Flugzeug erhält Greenwald von Laura Poitras ein zweites, umfassendes Datenpaket – streng nach Themen und Unterthemen geordnet, Hunderte Dokumente. Dutzende Geheimprogramme werden darin enthüllt. Zum Paket gehört auch ein Manifest, in dem Edward Snowden seine Identität offenlegt und festhält, er sei bereit, für seine Enthüllungen ins Gefängnis zu gehen – «mir ist klar, dass ich durch mein Handeln schmerzliche Konsequenzen zu tragen haben werde und dass die Rückgabe dieser Informationen an die Öffentlichkeit mein Ende bedeuten wird».

Greenwald erwartet als Informanten einen 50- bis 60-Jährigen, einen erfahrenen Geheimdienst-Kadermann. Einen, der nichts mehr zu verlieren hat.

«Ziemlich dünn und blass»

10.22 Uhr. Ein junger Mann schreitet auf die beiden Journalisten zu. Greenwald sieht ihn zuerst nur in einem Spiegel, dann dreht er sich um. Edward Joseph Snowden steht vor ihm, in der linken Hand einen Zauberwürfel. Greenwald erinnert sich:

«Er war zu der Zeit 29 Jahre alt, wirkte mit seinen Jeans, dem ­weissen T-Shirt mit irgendeinem verwaschenen Schriftzug und der modischen Nerd-Brille aber deutlich jünger. Trotz des spärlichen, ­stoppeligen Kinnbarts sah er aus, als hätte er erst vor kurzem ­begonnen, sich zu rasieren. Er wirkte insgesamt recht proper, hielt sich militärisch gerade, war aber ziemlich dünn und blass.»

Poitras und Greenwald folgen Snowden in sein Hotelzimmer. Dieses gleicht einer versifften Studentenbude:

«Auf dem Tisch stapelten sich halb leer gegessene Teller vom Zimmerservice, überall lagen schmutzige Kleider herum. Snowden bestand darauf, dass ich mein Handy in den Kühlschrank der Minibar legte, um ein Abhören zu erschweren.»

Das Interview dauert fünf Stunden. Greenwald überhäuft Snowden mit Fragen. Wie er aufgewachsen sei. Wie ausgebildet. Für wen er gearbeitet habe. Wie viel er verdient habe. Und immer wieder: Warum er sein Leben in Hawaii wegwerfen wolle, um sich mit der mächtigsten Regierung der Welt anzulegen. Snowden antwortet gelassen, fast unterkühlt. Erzählt davon, wie er an der Zulässigkeit der NSA-Programme zweifelte. Wie er intern mit seiner Kritik aufgelaufen sei. Wie er den Entschluss fasste, an die Öffentlichkeit zu treten. Am Ende sind die Journalisten überzeugt: Der meint es ernst. Greenwald, gleichermassen übermüdet wie beeindruckt, kehrt in sein Hotel zurück, schreibt fiebrig an vier Artikeln, die ganze Nacht hindurch.

Das Ultimatum

«Wir müssen reden», tippt er am nächsten Tag in seinen Laptop. Via Chat berichtet er Janine Gibson, der «Guardian»-Chefin in New York, von seinem Treffen. Die ersten Artikel seien bereits fertig. «Das muss jetzt raus!»

Aber Gibson bremst. Die Anwälte des «Guardian» wollen zuerst mit der Regierung Kontakt aufnehmen. Das Gesetz verlange, dass die Behörden Einwände vorbringen dürften, wenn die nationale Sicherheit gefährdet sei. Greenwald reagiert gereizt, flucht über die «institutionellen Barrieren», erwägt, seinen Vertrag zu kündigen. Er telefoniert mit Onlinemagazinen, für die er früher gearbeitet hat, spielt mit dem Gedanken, die Storys auf einer eigenen Website aufzuschalten. Er setzt dem «Guardian» ein Ultimatum. Dieses ist seit 40 Minuten abgelaufen, als am 5. Juni um 17.40 Uhr die Meldung eintrifft: «Es ist raus.»

Damit ist die Bombe gezündet. In den sozialen Netzen verbreitet sich der Artikel in rasendem Tempo. Am folgenden Morgen klinken sich die US-Medien ein. Greenwald gibt Interview um Interview. Snowden schaut CNN – «es läuft überall», sagt er. «Sie scheinen es kapiert zu haben.» Der Text dreht sich um den ­US-Telefonanbieter Verizon, der aufgrund eines geheimen Beschlusses sämtliche Telefondaten an die NSA weitergereicht hatte: «Damit ist erstmals belegt, dass unter der Regierung Obama wahllos und in grossen Mengen Telekommunikationsdaten von Millionen US-Bürgern abgegriffen werden.»

Eine Koje in Guantánamo

In den folgenden Tagen stellt sich eine Arbeitsroutine ein: Greenwald eilt zwischen den Hotels hin und her, nachts schreibt er an seinen Artikeln, tagsüber gibt er Interviews und spricht mit Snowden. Schlafen kann er nur noch stundenweise, mithilfe von Beruhigungsmitteln. Ganz anders sein Informant:

«‹Ich kriege eine Koje in Guantánamo›, witzelte Snowden, wenn er über die nahe Zukunft redete. Selbst jetzt, da seine Zeit in Freiheit ablief, ging er immer noch um 22.30 Uhr zu Bett. ‹Ich haue mich in die Falle›, verkündete er lässig jeden Abend. Nach siebeneinhalb Stunden Schlaf erschien er tags darauf wieder, gesund und munter.»

Nach dem vierten Artikel «soll die Quelle» per Interview der Öffentlichkeit präsentiert werden. Laura Poitras schneidet ein Video zusammen. Der inzwischen berühmte Film beginnt so: «Ähm, mein Name ist Ed Snowden.» Jetzt weiss die Welt Bescheid. Wenige Stunden später ruft ein Freund Greenwald in dessen Hotelzimmer an. Er will Snowden zwei Anwälte vermitteln:

«Wir sind bereits hier, am Empfang. Im Foyer wimmelt es von Journalisten. Die Medien sind auf der Suche nach Snowdens Hotel. Es wird nicht lange dauern, bis sie es gefunden haben, und die ­Anwälte sagen, sie müssen unbedingt mit ihm sprechen, ehe die Medien ihn aufspüren.»

Greenwald vertraut den Anwälten, lässt sie mit Snowden chatten. Per Chat erteilt der ihnen die Vertretungsvollmacht. Dann startet Greenwald ein Ablenkungsmanöver: Damit die Anwälte ungestört das Hotel verlassen und zu Snowden gelangen können, spaziert er mit einer dritten Anwältin aus dem Hotel und plaudert eine halbe Stunde lang öffentlich mit ihr.

Der Trick funktioniert. Wie Greenwald später erfährt, verkleidete Snowden sich und schaffte es aus seinem Zimmer, bevor die Journalisten auf seiner Etage auftauchten. In einem nahe gelegenen Einkaufszentrum wartete ein Wagen auf ihn. Die beiden Anwälte hatten ihm bei seiner Flucht geholfen. Wo sie sich getroffen hatten? In einem Konferenzraum, bei einem Plastikalligator.

Erstellt: 13.05.2014, 06:24 Uhr

Glenn Greenwald


Die globale Überwachung Droemer-Verlag, München. 368 Seiten, ca. 30 Franken.

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