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Gebäude mit NS-Vergangenheit Hitlers Geburtshaus wird zur Polizeistation

Der Umbau soll die Erinnerung an den Nationalsozialismus beseitigen, anstatt sie zu reflektieren. Ein Akt ignoranter Architektur – und nicht der einzige.

Der Siegerentwurf schlägt eine Gliederung in drei Bauten vor, hier die Ansicht vom Hof samt Blumenwiese, wie sie idyllischer, familienfreundlicher und vergesslicher kaum denkbar ist (Marte. Marte Architekten).
Der Siegerentwurf schlägt eine Gliederung in drei Bauten vor, hier die Ansicht vom Hof samt Blumenwiese, wie sie idyllischer, familienfreundlicher und vergesslicher kaum denkbar ist (Marte. Marte Architekten).
Foto: AP

Es ist dieser Eishauch der Geschichte, vor dem man sich an Hitlers Geburtsort Braunau am Inn ängstigt. In dem unglücklich berühmt gewordenen oberösterreichischen Städtchen im Innviertel wurde Adolf Hitler 1889 geboren. Auf Google Maps ist zu sehen, dass «Hasan's Kebap» und «Jia's Asia Tisch» nah sind.

Im Buch «Er ist wieder da» hätte diese schockierende Erkenntnis von anti-arischen Gastro-Umtrieben eine Schlüsselszene sein können. Braunau ist zwar die Stadt einer monströsen Ausgeburt des Faschismus, aber es ist deshalb noch lange kein Hotspot wiederkehrender Rechtsradikalität.

Auch wenn die Grenzstadt seit dem Krieg immer wieder mal von den üblichen NS-Eishauch-Pilgern heimgesucht wird, die auch am Obersalzberg in den bayerischen Alpen, am Königsplatz in München oder im Berliner Olympiastadion zu sichten sind wie eine hoffentlich bald aussterbende lurchartige Untergattung. Die baulichen Hinterlassenschaften sind jedenfalls ein seit jeher schweres Erbe in Stein. Der Umgang damit ist bis heute umstritten.

Langjährige Debatte

Seit sich das Ensemble – es handelt sich um einen ehemaligen Braugasthof mit Nebengebäuden und Wohnungen aus dem 17. Jahrhundert – im Staatseigentum befindet, seit 2017, gab es in Braunau und weit darüber hinaus immer wieder Debatten um die Neunutzung, vor allem aber auch um die Neuinterpretation der Architektur. Unter Historikern ist übrigens umstritten, ob der spätere Diktator im bestehenden Haupthaus oder in den schon lange ruinösen Nebengebäuden geboren wurde. Fest steht: Hitler lebte hier nur für kurze Zeit, als Säugling und Kleinkind.

Blick auf Adolf Hitlers Geburtshaus in den NS-Zeit.
Blick auf Adolf Hitlers Geburtshaus in den NS-Zeit.
Foto: Getty Images

Jahrelang wurden für das Haus, das vor Hitlers Geburt eine Wirtschaft war, in der NS-Zeit eine Führerkultstätte und danach eine Behinderteneinrichtung, alle möglichen Nutzungsvarianten diskutiert. Eine Jugendbegegnungsstätte konnte man sich vorstellen, ein Museum oder auch Künstlerateliers. Der damalige österreichische Innenminister plädierte gar für den Abriss als «sauberste Lösung».

Letztes Jahr einigte man sich auf die Umwidmung des Baudenkmals, das eben auch ein Mahnmal sein könnte, zur Polizeistation. Ausgerechnet. Eine Kommission hatte zuvor dazu geraten, in dem Bau eine "lebensbejahende Organisation" unterzubringen. Ja, die Polizei kann eine Demokratie bejahen und verteidigen. Aber die Polizei kann auch in einem Polizeistaat wirken. Offenbar verband sich mit der Wahl der neuen Mieter die Hoffnung, die Polizei könne an solchem Ort fürderhin effizient unterbinden, dass das Haus doch noch zur Pilgerstätte der Vorgestrigkeit wird.

Fragen des Umgangs mit NS-Geschichte werden versimpelt

Problematischer als die Umnutzung ist die Wettbewerbsauslobung: «Durch die äusserliche Umgestaltung des Bestandsgebäudes soll die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus beseitigt (...) werden.» Das gilt explizit für das «bejahende Gedenken an den Nationalsozialismus», unglücklicherweise schliesst es aber auch das reflektierende Nachdenken über den Ort aus. Nicht nur die Erinnerung will man «beseitigen», auch der Ort als Ort des Erinnerns wird «neutralisiert». Braunau, spätestens seit Kriegsende und Kapitulation am Hitler-Geburtsort-Dasein leidend, ist seiner Geschichte, die nicht nur die des Diktators ist, seltsam müde. Viel Wert legt die denkwürdige Auslobung auf Fragen ökologischer Bauweise. Fragen des Umgangs mit NS-Geschichte werden versimpelt.

Gewonnen hat den Wettbewerb das angesehene Vorarlberger Büro «Marte. Marte Architekten», geführt von den Brüdern Bernhard und Stefan Marte. Nach Ansicht der Jury, die den Entwurf einstimmig zur Realisierung empfiehlt, hat der Entwurf «die Kraft des Einfachen» – «Umso einfacher sich das Gebäude darstellt, desto weniger wird es Aufmerksamkeit erregen.»

Ignorante Architektur

Merkwürdiger Trend: Hitlers Münchner Wohnsitz ist heute auch ein PolizeiquartierGenau das ist das Defizit einer Architektur, die nicht nur zeitgemäss «zeitlos», sondern auch vergessend geraten ist. Weshalb das Haus auch eine gut gestaltete Sparkassenfiliale sein könnte. Das Problem: Ob Polizeistation oder Sparkassenfiliale, ob architektonisch stimmig oder nicht: Es ist immer noch der Ort, an dem Hitler geboren wurde. Jeder Versuch, diese Tatsache zu ignorieren, muss eine Architektur hervorbringen, die ignorant ist.

Von München aus ist es gar nicht so einfach, über die Umwidmung von NS-Orten zu befinden. Dort, am Prinzregentenplatz, wo Hitler einst in seiner Mietwohnung am offenen Fenster mit dem Expander den stundenlangen Führergruss trainierte und wo es, nach den Erinnerungen von Albert Speer, eine Einrichtung «kleinbürgerlichen Zuschnitts» gab (gestickte Kissen, Wagner-Büste, «säuerlicher Geruch»), ist nach dem Krieg was eingezogen? Genau. Eine Polizeistation.

Hier finden Sie unsere Bildstrecke zum Thema: «Nazi-Bauten damals und heute».