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Umfrage zur EnergieversorgungHohe Zustimmung für alpine Solaranlagen

Die Bevölkerung goutiert frei stehende Fotovoltaikanlagen in den Bergen – allerdings nicht jede Form. Die Solarbranche ist erfreut, warnt aber vor einem heimtückischen Effekt.

Foto/Fotomontage: Universität St. Gallen
Die Bevölkerung sagt Ja zu frei stehenden Solaranlagen in Bergen – in Steinbock-Form goutiert sie sie aber nicht. 
Foto/Fotomontage: Universität St. Gallen

Die Schweiz steigt aus der Atomenergie aus und muss deshalb ihre Stromversorgung neu sicherstellen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Fotovoltaik, die der Bund im Rahmen seiner Energiestrategie 2050 ausbauen will. Über ihr technisches Potenzial in der Schweiz gibt es inzwischen diverse Studien.

Kaum erforscht ist dagegen, wie es in der Bevölkerung um die Akzeptanz der Anlagen steht, namentlich in den Bergen. Hier wirft die Sonnenenergie dank hoher Einstrahlung grössere Jahreserträge als im Mittelland ab und ist daher eine viel diskutierte Option, die künftige Stromversorgung insbesondere im Winter zu sichern. Allerdings wirken sich solche Projekte auf die Landschaft aus, was wie bei WindturbinenWiderstand provozieren kann.

Das Institut für Wirtschaft und Ökologie der Universität St. Gallen legt nun die erste gross angelegte Untersuchung zu diesem Spannungsfeld vor. Dem Forschungsteam gehören nebst Rolf Wüstenhagen, Professor für das Management erneuerbarer Energien, Pascal Vuichard an, Vizepräsident der GLP Schweiz, sowie Alexander Stauch. Die Wissenschaftler befragten 1036 Personen aus der ganzen Schweiz darüber, was sie von Anlagen halten, die im alpinen Raum auf freier Fläche stehen, aber dennoch nahe bei bestehender Infrastruktur wie Dörfern, also nicht in Schutzzonen. Das Resultat: 64 Prozent der 1036 befragten Personen in der Schweiz würden solchen Anlagen zustimmen. Mit 77 Prozent noch grösser ist die Akzeptanz in alpinen Regionen selber.

«Es bleibt zu hoffen, dass bei einem konkreten Projekt die nun festgestellte Akzeptanz nicht in Widerstand umschlägt.»

David Stickelberger, Geschäftsführer Swissolar

Die Forscher wollten zudem herausfinden, welche Faktoren für die Akzeptanz ausschlaggebend sind. Am wichtigsten ist gemäss der Untersuchung das Design. Grüne, farblich in die Landschaft eingepasste Anlagen werden gegenüber konventionellen Panels stark bevorzugt. Solaranlagen in Form eines Steinbocks oder einer Schweizer Fahne dagegen kommen nicht gut an. Wichtig für die Akzeptanz ist zudem, dass ein lokales Elektrizitätswerk und nicht ein international agierendes Energieunternehmen das Projekt umsetzt, dabei die Bevölkerung miteinbezieht und die Auswirkungen auf die Landschaft möglichst klein bleiben.

«Verglasung der Schweiz»

Der Branchenverband Swissolar zeigt sich über das Studienresultat «sehr erfreut». Geschäftsführer David Stickelberger gibt jedoch zu bedenken: «Es bleibt zu hoffen, dass bei einem konkreten Projekt die nun festgestellte Akzeptanz nicht in Widerstand umschlägt, wie das zum Beispiel bei der Windenergie teilweise festzustellen ist.» Stickelberger betont, Freilandanlagen, etwa im Umfeld von Skigebieten, seien eine sinnvolle Ergänzung. Oberste Priorität habe indes, das Potenzial auf bestehenden Gebäuden zu nutzen, namentlich auf Dächern und Fassaden. Die Wissenschaftler von der Universität St. Gallen ihrerseits regen an, die Politik solle Ziele für die Solarstromerzeugung in alpinen Regionen festlegen.

Eingriff ins Landschaftsbild: Fotovoltaikanlage auf dem Mont-Soleil bei St-Imier.
Eingriff ins Landschaftsbild: Fotovoltaikanlage auf dem Mont-Soleil bei St-Imier.
Foto: Gaetan Bally (Keystone)

So gross die Akzeptanz auch sein mag: Für Projektverzögerungen und etwaige Gerichtsverfahren braucht es nur wenige, die aus dem Konsens ausscheren. Namentlich gegen Pläne für grosse Solarkraftwerke in den Bergen hat es in der Vergangenheit Widerstand gegeben. Prominentestes Beispiel ist eine Anlage, die am Ufer des Walensees hätte gebaut werden sollen mitten in einem Gebiet, das zum Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung gehört.

Landschaftsschützer warnten vor einer «Verglasung der Schweiz». Die Verantwortlichen sistierten das Projekt, unter anderem weil die Bewilligungsfähigkeit der Anlage nicht gegeben war. Es gibt aber auch andere Beispiele. In einem ehemaligen Steinbruch in Felsberg entsteht derzeit die grösste Solaranlage Graubündens; der Spatenstich erfolgte im letzten November.

Nur ausnahmsweise auf freier Fläche

Wiederum andere Projekte stehen noch am Anfang. Der Stromkonzern Axpo etwa plant eine Grossanlage an der Muttsee-Staumauer im Glarnerland auf 2500 Meter über Meer. Was meinen die Umweltverbände dazu? «Solche Anlagen an Stauseen sind sicher möglich», sagt Raimund Rodewald, Geschäftsführer der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz. Grosse Freiflächenanlagen im Hochgebirge dagegen dürften kaum realisierbar sein, nicht nur aus Schutzgründen, auch wegen Naturgefahren wie Steinschlag und der aufwendigen Erschliessung. Die Stiftung Landschaftsschutz bilanziert, statt einzelne Grossflächenanlagen seien dezentral verteilte Anlagen besser in die Landschaft einzugliedern.

Dieser Ansicht ist auch Pro Natura. Nur in Ausnahmefällen sollte eine Freiflächenanlage geplant werden, und keine davon sollte auf der «grünen Wiese» zu stehen kommen, sagt Michael Casanova, Projektleiter Gewässerschutz- und Energiepolitik. Prioritär müssten Anlagen auf bereits verbauten Flächen erstellt werden; davon gebe es auch in alpinen Gegenden genügend, die sich zur Nutzung eignen würden.